Wir brauchen verbindliche Pestizidreduktion statt leere Gentech-Versprechen
Konservative Politiker:innen torpedieren die EU-Pestizidreduktion und fordern gleichzeitig die Deregulierung des EU-Gentechnikrechts. Neue Gentechnik-Pflanzen (NGT) würden die Pestizidreduktion bringen, so die Behauptung. Droht jetzt der politische Kuhhandel?, fragt Brigitte Reisenberger.
Konservative Politiker:innen torpedieren die EU-Pestizidreduktion und fordern gleichzeitig die Deregulierung des EU-Gentechnikrechts. Neue Gentechnik-Pflanzen (NGT) würden die Pestizidreduktion bringen, so die Behauptung. Droht jetzt der politische Kuhhandel?, fragt Brigitte Reisenberger.
Brigitte Reisenberger ist Landwirtschafts- und Gentechniksprecherin der österreichischen Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000.
Die EU-Kommission plant, die Deregulierung der Neuen Gentechnik mit der EU-Pestizidreduktion (Sustainable Use Regulation, kurz: SUR) als “Package-Deal” zu verkaufen. Die hypothetischen Versprechen von neuen schädlings- oder krankheitsresistenten NGT-Pflanzen sind jedoch ein Ablenkungsmanöver von Industrie und Agrarlobby.
Denn: Neue Gentechnik-Pflanzen bringen keine Pestizidreduktion, vielmehr würde eine Deregulierung des EU-Gentechnikrechts Agrarkonzernen wie Bayer oder Corteva eine noch stärkere Kontrolle über unser Saatgut geben und ihr Geschäftsmodell von herbizidresistentem Saatgut inklusive Pestiziden im Paket stützen.
Verlierer:innen dieses toxischen Deals wären Umwelt, Biodiversität und Transparenz sowie die Konsument:innen und die Bäuer:innen.
Dass Gentechnik-Pflanzen dabei helfen, den Pestizideinsatz zu reduzieren, ist bislang nur eine Behauptung der Agrarindustrie. Konkrete Zahlen über ein solches Potenzial der Neuen Gentechnik hat die Europäische Union bislang nicht veröffentlicht. Es gibt auch keine Forschungsdaten dazu. Wenn es um die Reduzierung von Pestiziden in der Europäischen Union geht, ist das Potenzial der Neuen Gentechnik derzeit nahezu gleich Null.
In Ländern mit hohem Anteil an gentechnisch veränderten Sorten wurde in den 25 Jahren seit deren Einführung keinerlei Pestizidreduktion erreicht bzw. hat sich der Pestizideinsatz vervielfacht.
In Brasilien hat sich zum Beispiel der Pestizidabsatz seit 2000 mehr als vervierfacht. In Argentinien hat man 1996 herbizidtolerantes Gentechnik-Soja zugelassen. Der Glyphosateinsatz stieg daraufhin von rund 2,83 Kilogramm im Jahr 2000 auf rund 4,45 Kilogramm pro Hektar im Jahr 2014 – also um satte 60 Prozent.
NGT-Pflanzen würden den Verlust der genetischen Vielfalt beschleunigen: Genetische Uniformität ist eine der Hauptursachen für den Einsatz von Pestiziden. Eine höhere genetische Uniformität führt wiederum zu einem höheren Pestizideinsatz und zum Einsatz noch gefährlicherer Pestizide gegen resistente Unkräuter.
Dieser fatale Kreislauf kurbelt den Umsatz der Konzerne an. Die sechs größten Saatgutunternehmen haben einen Anteil von etwa 50 Prozent am weltweiten Saatgutmarkt. Vier dieser Unternehmen (Bayer, Syngenta, Corteva, BASF) sind auch die größten Verkäufer von Pestiziden.
Eine große Vielfalt auf unseren Feldern und lokal angepasste, robuste Sorten sind der Schlüssel für eine Landwirtschaft, die effektiv dazu beiträgt, die Klimakrise und die Biodiversitätskrise zu bewältigen.
Welchen Weg geht die Politik? Es droht, dass die EU-Kommission Neue Gentechnik-Pflanzen unter dem Vorwand der Pestizidreduktion dereguliert und NGT-Pflanzen künftig ohne Kennzeichnung und ohne ausreichende Risikoprüfung auf den Markt kommen. Gleichzeitig torpedieren vor allem konservative EU-Politiker:innen den Gesetzesentwurf der EU-Pestizidreduktion in den aktuellen Verhandlungen im Rat und im EU-Parlament.
Umweltschutz- und Konsument:innenorganisationen fordern: Die EU-Kommission darf sich nicht auf diesen politischen Kuhhandel einlassen, denn er basiert auf den falschen Versprechen der Agrarlobby.
Neue Gentechnik-Pflanzen treiben den Pestizideinsatz in die Höhe und befeuern die Biodiversitätskrise. Für eine resiliente, vielfältige und klimaangepasste Landwirtschaft und die Sicherung der landwirtschaftlichen Produktion für die nächsten Generationen, braucht es weiterhin strenge Regulierung und Risikoprüfung von Neue Gentechnik-Pflanzen und eine starke, gesetzlich verankerte Pestizidreduktion.
Daher ist die EU jetzt gefordert, rasch ein ambitioniertes Gesetz zur verbindlichen Reduktion von Pestiziden sowie ein sinnvolles Messinstrument der Pestizidreduktion auf den Weg zu bringen.