Chef der französischen Agrarpartei will "Landfraktion" im nächsten EU-Parlament

In Frankreich mischt die kürzlich gegründeten Agrarpartei "Alliance Rurale" die Parteienlandschaft auf. Ihr Vorsitzende, Willy Schraen, erklärte in einem Interview mit Euractiv, dass er im EU-Parlament eine Gruppe für "ländliche Angelegenheiten" aufbauen wolle.

EURACTIV France
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Im Falle seiner Wahl in das Europäische Parlament will Willy Schraen eine "nicht-ideologische Gruppe für ländliche Angelegenheiten" gründen, um diese Werte im EU-Parlament zu verteidigen. [Yvan Matrat]

In Frankreich mischt die kürzlich gegründeten Agrarpartei „Alliance Rurale“ die Parteienlandschaft auf. Ihr Vorsitzende, Willy Schraen, erklärte in einem Interview mit Euractiv, dass er im EU-Parlament eine Gruppe für „ländliche Angelegenheiten“ aufbauen wolle.

Schraen sagte, dass er derzeit mit allen Parteien in Kontakt stehe, die die „gleichen Werte der Tradition und der ländlichen Kultur gegen die ökologischen und animalischen Tendenzen“ teilen. Dazu gehört auch die niederländische Agrarpartei (BBB), die die Kommunalwahlen in den Niederlanden im März 2023 gewonnen hat.

Im Falle seiner Wahl in das Europäische Parlament will Schraen eine „nicht-ideologische Gruppe für ländliche Angelegenheiten“ gründen, um diese Werte im EU-Parlament zu verteidigen. Dafür braucht Schraen, wie er selbst zugibt, die Unterstützung von weiteren Abgeordneten.

Schraen, der ehemalige Vorsitzende des französischen Jägerverbands FNC, hat die neue politische Partei im Dezember gegründet. Die letzte ländliche Bewegung in Frankreich war die „Chasse pêche nature et tradition“, die bei den Europawahlen 1999 antrat und 6,67 Prozent der Stimmen sowie sechs Sitze im Europäischen Parlament errang.

Während sich die Kampagne der Vorgängerbewegung auf die Vertretung der Jäger konzentrierte, beabsichtigt Schraen, seine Partei für „die gesamte ländliche Welt“ zu öffnen. Er stellt fest, dass „das Gefühl der Frustration und der Wut, welches vor 25 Jahren in der Welt der Jäger herrschte, sich nun auf die gesamte ländliche Welt erstreckt.“

„Der ländliche Raum sendet eine klare Botschaft aus: Europa muss uns in Frieden leben lassen. Wir befinden uns in einer noch nie dagewesenen wirtschaftlichen, geopolitischen und sozialen Krise und man muss uns einfach mal Luft zum Atmen lassen. Andernfalls wird der Kessel explodieren“, so Schraen.

Die Alliance Rurale-Bewegung hat ihre Unterstützung für die deutschen Landwirte zum Ausdruck gebracht. Diese haben in den vergangenen Wochen gegen die Kürzung der Steuerermäßigung für Agrardiesel protestiert.

Sie unterstützte auch die französischen Landwirte, die am Dienstag (16. Januar) in Toulouse protestierten. Dort versammelten sich fast 1.000 Demonstranten und mehr als 400 Traktoren, um gegen niedrige Einkommen, Hindernisse bei der Gründung von landwirtschaftlichen Betrieben und EU-Vorschriften zu protestieren.

„Wir müssen aufhören, den Landwirten das Leben schwer zu machen. Diese Spirale aus Normen, Verboten und Beschränkungen wird zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion um 15 Prozent führen. Wir werden immer noch produzieren, aber weniger und teurer“, argumentierte Schraen. Wie der französische Präsident Emmanuel Macron und mehrere EU-Staaten will er die Gesetzgebung verlangsamen, um mit den Zielen des Grünen Deals Schritt zu halten.

Ukrainische Importe, Tierschutz und der Wolf

Was die Liberalisierung der ukrainischen Agrarimporte durch die EU betrifft, die die Löhne der Landwirte in den angrenzenden EU-Staaten unter Druck setzen, kritisierte Schraen die EU für ihre lockere Haltung in solchen Fragen.

„Nur weil die Ukraine schwierige Zeiten durchmacht, haben wir nicht das Recht, unsere landwirtschaftliche Produktion zu zerstören“, sagte er.

Seiner Ansicht nach muss die EU höhere Gesundheits- und Umweltstandards für Lebensmittelprodukte, die auf den Binnenmarkt kommen, in Form von sogenannten „Spiegelklauseln“ durchsetzen. Gleichzeitig müsse sie den Würgegriff der Standards für die innereuropäische Produktion lockern.

„Wir können vom Rest der Welt nicht verlangen, dass sie Dinge so komplex machen, wie wir es in Europa tun“, fügte er hinzu.

In Bezug auf den Tierschutz, der für die landwirtschaftliche Liste von zentraler Bedeutung ist, warnte Schraen, dass die EU-Pläne in diesem Bereich zwar weniger ehrgeizig seien als erwartet. Sie würden jedoch das Ende der Beziehung zwischen Tier und Mensch in Europa bedeuten, sowohl bei Nutztieren als auch bei Haustieren.

„Wir können nicht mehr jagen, fischen, Tiere züchten, Stierkämpfe besuchen, Fleisch essen… Wir werden diesem technokratischen Treiben Einhalt gebieten. Wird unser Lebensstil in zehn Jahren noch möglich sein? Ich bin mir nicht sicher“, fuhr er fort.

Ein weiteres wichtiges Thema für Schraens EU-Kandidatur sind die Wölfe.

Ende Dezember schlug die Europäische Kommission vor, den Schutzstatus des in der Habitat-Richtlinie verankerten Großraubtiers von „streng geschützt“ auf „geschützt“ zu ändern. Mit dieser Maßnahme würde ihre Bejagung erleichtert.

Für Schraen, der „seit zehn Jahren darauf gewartet hat“, muss „die Population in Frankreich reduziert werden.“

Seiner Meinung nach könnten die Unfälle, die Wölfe und Bären vor allem in Rumänien und Ungarn verursachen, eines Tages auch in Frankreich passieren. „Wir steuern auf eine Katastrophe zu“, sagte er und forderte eine dringende Regulierung der Population.

„Man sagt uns, dass es zwischen 550 und 700 Wölfe in Frankreich gibt [laut dem französischen Amt für Biodiversität], was die größte Lüge der Umweltschützer der letzten 50 Jahre ist“, so Schraen. Er glaubt, dass die Zahl zwischen 2.500 und 3.000 liege.

Schraen erklärte außerdem, dass der Wolf die Weiden in den offenen Berggebieten bedrohe, die durch die Viehzucht entstanden seien und über eine „außergewöhnliche Flora und Fauna“ verfügen würden.

Antwort auf Le Pens Rassemblement National

Seit der Ankündigung seiner EU-Kandidatur ist Schraens unter Beschuss anderer politischer Gruppierungen geraten, insbesondere von Marine Le Pens Rassemblement National (RN).

Der RN vermutet eine inoffizielle Absprache zwischen Schraens und Macrons präsidialer Mehrheit in der Nationalversammlung, um die rechte Partei zu schwächen, die stark in ländlichen Gebieten verwurzelt ist. Dieser Angriff basiere vor allem auf Schraens öffentlicher Unterstützung für Macron in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen 2022.

Doch der Mann, der die ländlichen Gebiete auf die Tagesordnung setzen will, weist solche Anschuldigungen zurück.

„Damals sprach ich als Präsident der Nationalen Vereinigung der Jäger und unter den möglichen Siegern war Emmanuel Macron derjenige, der der Jägerschaft am meisten bringen konnte“, sagte er im Jahr 2022.

[Bearbeitet von Angelo Di Mambro/Nathalie Weatherald/Kjeld Neubert]