Deindustrialisierung: IG Metall fordert drastische Maßnahmen
Deutschland, Europas ehemaliges Industriezentrum, benötigt dringend Maßnahmen, wenn es seine wirtschaftlichen Turbulenzen überwinden und die Deindustrialisierung verhindern will. Bereits jetzt hat die aktuelle Entwicklung zum Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen geführt, warnte der stellvertretende IG Metall Vorsitzende.
War Deutschland früher noch Europas industrielles Kraftzentrum, dominieren heute Werksschließungen und der Abbau von Arbeitsplätzen die Schlagzeilen. Im Interview mit Euractiv führt IG-Metall-Vize Jürgen Kerner aus, warum die Gewerkschaft nun zu einer weitreichenden Forderung greift.
Die IG Metall, Deutschland größte Gewerkschaft, vertritt 2,2 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland, unter anderem aus der Automobil-, Maschinen-, Stahl- und Elektronikindustrie. Zahlreiche Firmen haben in den letzten Monaten Abbau von Arbeitsplätzen angekündigt, darunter Deutschlands größter Autohersteller Volkswagen, den größten Stahlkonzern des Landes, ThyssenKrupp, sowie mehrere Automobilzulieferer.
Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, ist der Meinung, dass die EU und die kommende Bundesregierung den Verlust von Arbeitsplätzen „noch stoppen“ könnten. Dafür bräuchte es aber für alle Produkte, die hierzulande auf den Markt kommen, Mindestquoten für europäische Komponenten.
Euractiv: Die IG Metall hat wiederholt vor einer Deindustrialisierung gewarnt. Befinden wir uns mit den tausenden angekündigten Stellenstreichungen der letzten Jahre und Monate nicht schon mitten in der Deindustrialisierung?
Kerner: Wir haben im Moment eine Absatzkrise und eine Krise, was den Umbau der Industrie betrifft. Aus unserer Sicht haben wir aber noch die Möglichkeit, gegenzusteuern. Den Arbeitsplatzabbau, der zum Beispiel in der energieintensiven Industrie seit drei Jahren stattfindet, können wir noch stoppen. Wir können und müssen daran arbeiten, den Industrieanteil am BIP in Deutschland wieder zu erhöhen. Das erfordert allerdings ein konzertiertes Handeln der Politik, aber auch verantwortungsbewusstes Handeln der Arbeitgeberseite.
Ist die Industriekrise in Deutschland tiefer als im Rest Europas?
Wir haben eine Krise in allen Industrieländern in Europa, aber Deutschland hat mit den höchsten Industrieanteil. Die Industrien sind alle international vernetzt. Wenn die deutsche Industrie schwächelt, zieht es sich daher wie ein Band durch Mitteleuropa, von Ost nach West. Die Herausforderungen sind aber überall die gleichen: Die Märkte sind nicht mehr so offen wie früher – Stichwort ‚America First‘ und Industriepolitik in China – und die hohen Energiekosten belasten nicht nur Deutschland, sondern vor dieser Herausforderung stehen auch andere europäische Staaten.
Ökonomen nennen es einen „natürlichen“ Teil der wirtschaftlichen Entwicklung, dass es eine Verlagerung von der Industrie zu Dienstleistungen gibt.
Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Deindustrialisierung z.B. in Amerika oder auch in England nicht dazu geführt hat, dass die Gesellschaft reicher geworden ist, sondern dass viele Menschen in Dienstleistungen zu Gehältern beschäftigt sind, von denen man nicht leben kann. Der Anteil von hochqualifizierten Dienstleistungen reicht nicht aus, um Industriearbeitsplätze zu ersetzen. Als Gewerkschaft müssen wir deutlich machen, dass wir nicht alle vom Haareschneiden leben können.
Um die Deindustrialisierung zu verhindern, fordern Sie eine europäische „Local Content“-Strategie. Was steckt dahinter?
Wir nehmen wahr, dass sich Amerika und China in verschiedenen Technologie- und Industriebereichen total abschotten. Das bedeutet, dass Überkapazitäten nach Europa gebracht werden und darauf muss es eine europäische Antwort geben. Wir wollen Antworten so formulieren, dass normale Menschen sie verstehen.
Jeder normale Mensch kann nachvollziehen, was wir sagen: Wenn jemand Produkte hier in Europa verkaufen möchte, dann muss ein Anteil von europäischer Wertschöpfung dieser Produkte vorhanden sein. Wir wollen, dass chinesische Autos auch in Europa produziert werden – und nicht nur die Endmontage, sondern auch ein Anteil lokaler Zulieferer.
Viele werden sagen, das sei nicht WTO-konform. Aber lokale Wertschöpfung hat ja auch etwas mit Nachhaltigkeit, also CO2-Ausstoß, und mit Resilienz zu tun. Beide Themen sind WTO-fähig. Man kann beim Anteil auch zwischen Branchen unterscheiden.
Was ich grundsätzlich ablehne, ist, zuzulassen, dass Produkte zu Dumpingpreisen oder zu schlechten Arbeitsbedingungen produziert und in Europa abgesetzt werden, sodass in der Folge europäische Wertschöpfung verschwindet. Da muss man jetzt Lösungen finden. Mein Eindruck ist, dass auch Ursula von der Leyen das verstanden hat.
Deutschland hat jahrzehntelang davon profitiert, für andere Teile der Welt zu produzieren. Würde Ihr Vorschlag nicht das deutsche Exportmodell gefährden?
Das deutsche Exportmodell hat sich immer der Konkurrenz gestellt, mit guter Arbeit, mit hoher Technologie, aber auch guten Sozialstandards. Aber wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, was in Amerika und China passiert. Also im Klartext: Ich glaube, wir gefährden gar nichts.
Also Trump und China sind Vorbilder für Sie?
Nein, überhaupt nicht, denn diese zwei Länder schotten sich total ab. Niemand von der IG Metall hat 100 Prozent europäische Produktion gefordert. Wir wollen einfach deutlich machen: Wer im Markt Europa aktiv sein will, der muss auch einen gewissen Teil der Wertschöpfung mitbringen. Wir können das umsetzen, ohne dass wir den Handel, von dem ja gerade wir Deutsche profitiert haben, zum Erliegen bringen.
[OM/KN]