Matthias Fekl: "Wir stürzten die Mauer mit unseren kleinen Spitzhacken"
Der Deutsch-Franzose Matthias Fekl war zwölf Jahre alt, als die Berliner Mauer 1989 fiel. Mittlerweile ist er der französische Staatssekretär für Außenhandel. Er erinnert sich an den unglaublichen Jubel, nachdem ein "engstirniger Bürokrat" den Mauerfall im Radio verkündet hatte. EURACTIV Frankreich berichtet.
Der Deutsch-Franzose Matthias Fekl war zwölf Jahre alt, als die Berliner Mauer 1989 fiel. Mittlerweile ist er der französische Staatssekretär für Außenhandel. Er erinnert sich an den unglaublichen Jubel, nachdem ein „engstirniger Bürokrat“ den Mauerfall im Radio verkündet hatte. EURACTIV Frankreich berichtet.
Matthias Fekl war offizieller französischer Repräsentant bei den Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. Diese fanden am vergangenen Sonntag (9. November) statt. Fekl ist als Sohn eines Deutschen und einer Französin geboren. Er wuchs in Berlin auf, absolvierte aber in Frankreich sein Abitur. Heute ist Fekl Staatssekretär für Außenhandel und Tourismus.
EURACTIV Frankreich: Sie verbrachten Ihre Jugend in Berlin. Welche Erinnerungen von vor dem Mauerfall am 9. November 1989 haben Sie noch an die Stadt?
Fekl: Ich kam im Alter von zweieinhalb Jahren nach Berlin und blieb bis nach dem Abitur. Ich begann an einer deutschen Schule, wechselte aber als Teenager auf eine französische Schule. Ich habe nur Kindheitserinnerungen an das Berlin von vor dem Mauerfall, aber ich erinnere mich an eine sehr freie und tolerante Stadt. Es war schließlich die letzte Stadt vor der Diktatur und der sowjetischen Welt.
Es war auch eine durch den Krieg auseinandergerissene Stadt, dessen Spuren in Berlin sehr sichtbar waren, aber auch durch die Mauer, die die Welt teilte.
Ich habe einige auffallende Bilder im Kopf, obwohl ich nicht behaupten will, den geopolitischen Zusammenhang der Zeit als Zwölfjähriger verstanden zu haben. Ich habe einige sehr glückliche Erinnerungen und andere, die unheimlicher sind.
Wir gingen an der Westseite spazieren. Dieses Gebiet auf der „guten“ Mauerseite entdeckten die Berliner für sich und manchmal spielten wir dort Fußball. Dann gab es den starken Kontrast zu Ostberlin. Was mich als Kind beeindruckte, waren die Plattformen, auf die man klettern konnte, um über die Mauer zu schauen: Wir konnten die Ost- und die Westseite der Mauer sehen und den Todesstreifen in der Mitte, vermint und mit Türmen gespickt, von denen aus Fliehende erschossen wurden. Insbesondere erinnere ich mich an die Titelseiten der Zeitungen, wenn Menschen bei Fluchtversuchen erschossen wurden.
Die Plattformen, auf denen man Ostberlin überblicken konnte sind Teil Ihrer visuellen Erinnerungen an Ostberlin. Hatten Sie in dieser Zeit die Möglichkeit, nach Ostberlin zu gehen?
Wir sind mehrere Male dorthin gegangen, aber Ost und West blieben geteilte Welten. Es war eine sehr beunruhigende Erfahrung, aber alle Besucher wollten diesen Ort sehen, der das Ende der freien Welt bedeutete. Viele Menschen, darunter offizielle Delegationen, kamen aus diesem Grund. In der Schule hatten wir große Probleme zu begreifen, dass Berlin im Westen, Norden und Süden vom Osten umgeben war.
Am 9. November lebten Sie noch in Berlin. Wie erlebten Sie den Mauerfall?
Zu diesem Zeitpunkt war ich zwölf Jahre alt. Ich kann mich sehr gut an den Tag erinnern. Zunächst war da die Bekanntgabe des Mauerfalls durch die ostdeutschen Behörden, ein atemberaubender Moment. Die Person, die die Nachricht im Radio verkündete, hielt eine sehr bürokratische Rede. Diese Rede lief den ganzen Tag in einer Endlosschleife, und ich erinnere mich, wie meine Eltern sich fragten: „Hat er das wirklich gerade gesagt?“ Das Ende des 20. Jahrhunderts wurde von einem kleinkarierten Bürokraten verkündet.
Dann gingen wir raus in Berlin, an diesem Tag und den darauffolgenden Tagen. Die nächsten Tage waren voller Freude und unglaublichem Jubel. Wir stürmten dieses Monument, ich, wie viele Kinder, mit meiner kleinen Spitzhacke, aber große Teile der Mauer wurden von Kränen abgerissen, und das waren außergewöhnliche Momente. Man konnte erahnen, dass es das Ende der Welt war.
Was waren in den darauffolgenden Tagen Ihre ersten Eindrücke der Wiedervereinigung?
Der Straßen waren für mehrere Wochen voll; die ganze Weltpresse hatte die Reise angetreten. Aber es gab auch eher seltsame Momente, zum Beispiel Supermarktketten, die Früchte an Ostdeutsche ausgaben, die im Westen ankamen und zuvor unter Rationalisierungen gelitten hatten. Die damalige deutsche Regierung entschloss sich, den Ostdeutschen 100 D-Mark Begrüßungsgeld auszuhändigen, damit sie Dinge tun konnten wie Kaffee trinken zu gehen. Die Freude, der freien Welt beizutreten verlief parallel zum Eintritt in die „billige“ Welt des Kapitalismus.
Zu dieser Zeit gab es auch Ungewissheit darüber, was die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung auf Berlin oder Paris seien…
Insbesondere in der deutschen Presse gab es Ängste, dass die Wiedervereinigung des Landes zu einem Wiederaufstieg des deutschen Nationalismus führen könnte. Ich denke, die Franzosen hatten Angst, dass die Wiedervereinigung Europa verändern und die deutsch-französische Partnerschaft aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Helmut Kohl spielte in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle.
Heute ist die deutsch-französische Partnerschaft wegen der Dominanz der deutschen Wirtschaft unausgewogen. Bedeutet das nicht, dass die Ängste aus dieser Zeit teilweise gerechtfertigt waren?
Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen unseren beiden Ländern sind der Hauptgrund für das derzeitige Ungleichgewicht in den deutsch-französischen Beziehungen. Die deutsche Wirtschaft verleiht dem Land natürlich eine besondere Stärke, aber das Ungleichgewicht ist konjunkturbedingt.