Annette Schavans Internationalisierungsstrategie

Diesen Sonntag und Montag findet in Berlin eine Tagung zum Thema "Zusammenarbeit mit Schwellen- und Entwicklungsländern in Bildung, Forschung und Wissenschaft" statt. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) schreibt in einem Exklusivbeitrag für EURACTIV.de, warum es auch für Deutschland wichtig ist, den Austausch und die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Forschung mit den Schwellen- und Entwicklungsländern zu intensivieren.

Die Zeiten sind endgültig vorbei, in denen 
ernstzunehmende Kooperationen der Wissenschaftler nur unter den Industrienationen vorstellbar waren: Bundesbildungsministerin Annette Schavan erläutert die Internationalisierungsstragtegie (Foto: dpa)
Die Zeiten sind endgültig vorbei, in denen ernstzunehmende Kooperationen der Wissenschaftler nur unter den Industrienationen vorstellbar waren: Bundesbildungsministerin Annette Schavan erläutert die Internationalisierungsstragtegie (Foto: dpa)

Diesen Sonntag und Montag findet in Berlin eine Tagung zum Thema „Zusammenarbeit mit Schwellen- und Entwicklungsländern in Bildung, Forschung und Wissenschaft“ statt. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) schreibt in einem Exklusivbeitrag für EURACTIV.de, warum es auch für Deutschland wichtig ist, den Austausch und die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Forschung mit den Schwellen- und Entwicklungsländern zu intensivieren.

Die Tagung der Bundesministerien für Bildung und Forschung (BMBF) und für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) findet am 28. und 29. November 2010 in Berlin statt.

Immer mehr Menschen arbeiten grenzüberschreitend, kommunizieren grenzüberschreitend, wirtschaf­ten grenzüberschreitend – und forschen und studieren auch über Landesgrenzen hinweg. So hat sich die Zahl internationaler Ko-Publikationen deutscher Wissenschaftler in der letzten Dekade fast verdoppelt.

Auch die internationale Mobilität von Studierenden und Forschern steigt kontinuierlich an. Wissenschaftliche Großforschung ist heute ohne internationale Kooperation nicht mehr denkbar – und wohl auch nicht bezahlbar. So wird das Europäische Zentrum für Kernforschung CERN von 20 europäischen Staaten finanziert und von Wissenschaftlern aus über 80 Nationen genutzt.

Kooperation der weltweit besten Köpfe

Wer sich mit den Fragen der Umweltpolitik beschäftigt, weiß, dass der Klimawandel nicht an Staatsgrenzen halt macht. Globale Probleme lassen sich nicht im nationalen Alleingang lösen. Hierfür brauchen wir die Zusammenarbeit der weltweit besten Köpfe.

Genau aus diesem Grund hat die Bundesregierung vor zwei Jahren eine Internationalisierungsstrategie für Wissenschaft und Forschung verabschiedet.

Sie setzt dabei vier Schwerpunkte:

Erster Schwerpunkt

Erstens: Deutschland wird mehr Verantwortung für globale Herausforderungen übernehmen und dazu die Rolle von Wissenschaft und Forschung in der internationalen Zusammenarbeit stärken. Ein Beispiel für die internationale Zusammenarbeit wird das Institute for Advanced Studies on Sustainability in Potsdam sein – ein Institut für Klima?, Erdsystem- und Nachhaltigkeitsforschung, das Brücken von der Wissenschaft zu den Akteuren in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft schlagen wird. Dieses interdisziplinäre Institut wird Spitzenforscher aus aller Welt als Fellows einladen.

Zweiter Schwerpunkt

Zweitens: Deutsche Forscher werden künftig noch besser in der Lage sein, mit Wissenschaftlern aus Schwellen- und Entwicklungsländern zusammenzuarbeiten und dadurch auch weltweit verfügbares Wissen für die eigene Wirtschaft zu erschließen sowie Ressourcen für die Forschung zu nutzen.

Die Folgen des Klimawandels etwa lassen sich besonders gut an der Verwüstung ehemals fruchtbarer Landstriche in Regionen Zentralasiens oder Südamerika beobachten, viele vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten sind nur noch in wenigen Ländern Afrikas heimisch. Vor allem bei zentralen Themen wie Gesundheits- und Energieforschung sollen die Forscher mit genau jenen Partnern zusammenarbeiten, die in der Lage sind, die Wissens- und Wertschöp­fungskette hierzulande zu vervollständigen.

Dritter Schwerpunkt

Drittens: Die Internationalisierungsstrategie hat das Ziel, die Forschungszusammenarbeit mit den weltweit Besten zu stärken. Im globalen Wettbewerb ist das der zentrale Erfolgsfaktor. Besondere Aufmerksamkeit weckt hier die Exzellenzinitiative, die von der Bundesregierung ins Leben gerufen wurde.

Das Interesse, mit den Universitäten zu kooperieren, ist überall im Ausland groß. Dazu kommt das Auslandsengagement deutscher Hochschulen: Die German University in Kairo, die German-Jordanian University in Amman oder demnächst die Deutsch-Türkische Universität in Istanbul. Die Alexander-von-Humboldt-Professur bietet ein attraktives Angebot für Spitzenwissenschaftler aus dem Ausland.

Der Austausch von Wissenschaftlern ganz allgemein soll noch stärker gefördert werden. Vor allem in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas liegt die Mobilität weit unter dem Niveau der europäischen Länder, der USA oder Japans. Deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen sollen künftig im Ausland noch präsenter sein, etwa über die Einrichtung „deutscher Wissenschaftszentren“.

So unterstützt das Bundesforschungsministerium bereits den Aufbau von regionalen Kompetenzzentren in insgesamt 15 Ländern des südlichen und westlichen Afrikas. In den Zentren wird zum Klimawandel und seinen Folgen geforscht. Dabei geht es beispielsweise um die Frage, wie sich die Landwirtschaft den neuen klimatischen Gegebenheiten anpassen kann und muss.

Vierter Schwerpunkt

Viertens: Die Rolle von Wissenschaft und Forschung in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit muss gestärkt werden. Deutsche Technologien sollen künftig noch stärker auf die Lösung globaler Aufgaben hin ausgerichtet sein.

Der Ruf deutscher Hochschulen und des Dualen Systems

Deutschland hat mit der Internationalisierungsstrategie die Chance, sich als kompetenter Partner in Bildung, Forschung und Wissenschaft zu präsentieren. Die deutschen Hochschulen sind im Ausland auch bei den Studenten beliebt – hinter den USA und Großbritannien liegt die Bundesrepublik auf Platz drei der attraktivsten Studienorte.

Um das Duale Bildungssystem beneiden uns viele Länder. Handwerker, die ihre Lehre in Deutschland absolviert haben, genießen überall auf der Welt einen guten Ruf. Länder wie Kolumbien und Ecuador haben unsere Berufsakademien importiert. Dort profitieren junge Menschen und Unternehmen gleichermaßen von dieser „typisch deutschen“ Verknüpfung von praktischer Ausbildung und betriebswirtschaftlichem Studium.

Wissen als Basis für die Wahl des Investitionsstandortes

Schließlich profitiert auch die deutsche Wirtschaft von gut ausgebildeten Fachkräften vor Ort. Eine Umfrage unter international agierenden Unternehmen ergab, dass „Wissen und Fähigkeiten“ bei der Wahl des Investitionsstandorts seit Mitte der 90er Jahre immer wichtiger werden.

Darüber hinaus aber liegt es auch in deutschem Interesse, zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in anderen Teilen der Welt beizutragen. Deutschland hat eine Verantwortung für die globale Entwicklung.

Kein „BrainDrain“ aus Entwicklungsländern

Bildung, Wissenschaft und Forschung gehören zu den Treibern einer sozioökonomischen Entwicklung. Es reicht nicht aus, die Armutsbekämpfung nur auf die Entwicklung von Basisstrukturen in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur zu beschränken. Erst mit Investitionen in Hochschulen können die künftigen Fach- und Führungskräfte herangebildet werden und Perspektiven erhalten – im eigenen Land, nicht in den USA oder in Europa, den Hauptzielen des „BrainDrain“ aus Entwicklungsländern.

Gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte werden in vielen Ländern dringen benötigt, um Lösungen für die drängenden Probleme vor Ort zu finden, um Reformen durchzuführen, um Demokratien zu stärken.

Kooperationen nicht mehr nur unter Industrienationen

Bisher standen die Themen höhere Bildung, Wissenschaft und Forschung nicht im Zentrum der deut­schen Zusammenarbeit mit Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Entwicklungspolitik setzt bisher wichtige andere Schwerpunkte zur Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele.

Mit dem Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung 2009 jedoch einen eindeutigen Auftrag an die Bildungspolitik formuliert: „Bildung und Forschung werden zu einem Schwerpunkt in der Zusammenarbeit mit Schwellen- und Entwicklungsländern werden.“

Die Zeiten, in denen man sich ernstzunehmende Kooperation in der Wissenschaft nur unter den Industrienationen vorstellen konnte, sind damit endgültig vorbei.

Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung

Links

Lebenslauf von BM Prof. Dr. Annette Schavan

Zwischenbericht zur Internationalisierungsstrategie

Informationen des BMBF zur Rolle Deutschlands in der globalen Wissensgesellschaft