Auslandsinvestitionen in MOE von Krise gebeutelt

Ausländische Direktinvestitionen in den mittel- und osteuropäischen Ländern (MOE) sind von der globalen Krise stark betroffen. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) veröffentlicht heute eine Analyse, die EURACTIV.de in Kurzform vorstellt.

Bayrische Unternehmer auf Lokalaugenschein in der Ukraine (Foto: Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz)
Bayrische Unternehmer auf Lokalaugenschein in der Ukraine (Foto: Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz)

Ausländische Direktinvestitionen in den mittel- und osteuropäischen Ländern (MOE) sind von der globalen Krise stark betroffen. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) veröffentlicht heute eine Analyse, die EURACTIV.de in Kurzform vorstellt.

Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) analysierte die ausländischen Direktinvestitionen (FDI, Foreign Direct Investment) in 20 Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas, basierend auf der aktualisierten wiiw-FDI-Datenbank.

Nach einem Jahr der Stagnation halbierte sich der FDI-Zufluss in die mittel- und osteuropäischen Länder im Jahr 2009, auf ein Niveau ähnlich jenem von 2005. Der Rückgang war in den neuen EU-Mitgliedsstaaten (NMS) am stärksten; in Südosteuropa und in den europäischen GUS Staaten war er weniger stark ausgeprägt. Dort waren die Zuflüsse 2009 noch höher als jene des Jahres 2005.

Somit konnten einige der positiven Ergebnisse des vorangegangen Aufschwungs konsolidiert werden. Zuflüsse in die NMS waren fast so niedrig wie im Jahr 2003, als der Rückgang auf die „Dotcom“-Krise zurückzuführen war.

Alle Neuen stark betroffen

Alle NMS waren 2009 schwer vom Rückgang der FDI getroffen. Zwei von ihnen – die Slowakei und Slowenien – verzeichneten negative FDI Zuflüsse. Das bedeutet, dass akkumulierte Kapitalreserven repatriiert wurden. In einigen Ländern betrug der Rückgang der Zuflüsse mehr als 50 Prozent, wie zum Beispiel in der Tschechischen Republik, in Ungarn, Lettland und Litauen.

Weniger stark betroffen waren Polen, das insgesamt die stärkste Wirtschaftsleistung zeigte, und Estland, das seine wirtschaftliche Position konsolidierte.

Der jüngste FDI-Rückgang in den NMS muss allerdings im Zusammenhang mit der sehr hohen FDI-Intensität, den diese Länder bisher erreicht haben, gesehen werden.

Rolle des ausländischen Kapitals

Ausländisches Kapital spielt eine bedeutende Rolle und dominiert häufig in mehreren Sektoren der NMS-Wirtschaften. Es trägt wesentlich zur gesamtwirtschaftlichen Leistung bei und war auch von deren starken Rückgängen in mehreren Ländern der Region 2009 besonders betroffen.

Zu betonen ist, dass Direktinvestitionen im Form von Beteiligungskapital (ohne reinvestierte Gewinne) 2009 in der gesamten Region positiv waren und einen wesentlich höheren Anteil an den FDI als vorher umfassten. Das zeigt, dass neue Projekte und Restrukturierungsinvestitionen auch während der Krise weitergingen.

Was die einzelnen Länder betrifft, so sanken die Beteiligungskapitalinvestitionen in Tschechien, Estland und Lettland im Jahr 2008, verzeichneten jedoch 2009 eine leichte Erholung. Die andauernd hohen Kapitalzuflüsse von 2 Mrd. Euro oder mehr nach Bulgarien, Ungarn, Polen und Rumänien beweisen, dass diese Länder ihre Attraktivität für Neuinvestitionen beibehalten konnten.

Ins Minus gedreht

Das Volumen der reinvestierten Gewinne ging jedoch in den meisten NMS im Zuge schrumpfender Einnahmen der ausländischen Investoren stark zurück. In zwei Ländern, die besonders stark von der Krise betroffen waren, Lettland und Litauen, drehten sich die reinvestierten Gewinne ins Minus.

Hauptverantwortlich für den FDI-Rückgang waren nachlassende Zuflüsse von „sonstigem Kapital“, das vor allem Kredite von Muttergesellschaften an die Tochterfirmen umfasst. Unter dem Druck der Finanzkrise trockneten solche Kredite aus, vor allem im Finanzsektor. In einigen Fällen waren es sogar die Tochterfirmen, die Kredite an die Muttergesellschaft zur Verfügung stellten: die Bilanz der Zuflüsse von „sonstigem Kapital“ drehte sich in der Tschechischen Republik, in Estland, Ungarn, der Slowakei und in Slowenien ins Minus.

Lage in Albanien, Montenegro und Serbien

Die Länder Südosteuropas befinden sich noch auf einem niedrigeren Entwicklungsniveau und zogen in den meisten Fällen weniger FDI an als die NMS, vor allem in den exportorientierten Sektoren. In einigen dieser Länder ist der Privatisierungsprozess noch nicht abgeschlossen: Dies kurbelte FDI in Albanien und Montenegro an und dämpfte den Rückgang in Serbien.

Zuflüsse nach Kroatien fielen auf weniger als die Hälfte des Vorjahresniveaus, waren aber immer noch die zweithöchsten in der Region.

In allen vier europäischen GUS-Staaten, die in der Studie behandelt werden, gingen ausländische Direktinvestitionen 2009 zurück – am wenigsten in Belarus, das sich noch immer in einem verzögerten Transformationsprozess befindet, und am stärksten in Moldau, wo der FDI-Zufluss fast völlig zum Stillstand kam.

Russland: Stillstand beim Konsumboom

Zuflüsse nach Russland fielen im Vergleich zum Vorjahr um fast die Hälfte, parallel zum starken BIP-Rückgang. Der Konsumboom, der in den letzten Jahren die auf den heimischen Markt ausgerichteten FDI gefördert hatte, kam zum Stillstand, und Investoren verschoben ihre Projekte auf später.

In der Ukraine fiel der FDI-Zufluss aufgrund der Wirtschaftskrise und politischer Ungewissheit auf weniger als die Hälfte des Vorjahresniveaus.

Die von den Ländern Mittel- und Osteuropas selbst getätigten Auslandsinvestitionen waren gegenüber der Krise weniger anfällig als die FDI-Zuflüsse in diese Länder. Sie fielen nur um rund ein Viertel, wodurch die Netto-FDI-Position ausgeglichener wurde: im Jahr 2009 machten die Auslandsinvestitionen der NMS 31 Prozent der FDI-Zuflüsse in die NMS aus, nach einem Anteil von nur 22 Prozent im Jahr 2008.

Estland, Polen und die Slowakei tätigten mehr FDI im Ausland als im Jahr zuvor, während ausländische Investitionen ungarischer und slowenischer Firmen etwas zurückgingen, jedoch immer noch wesentlich weniger stark als die FDI-Zuflüsse. Da die Abflüsse höher als die Zuflüsse waren, drehte sich die Netto-FDI-Bilanz dieser beiden Länder ins Minus.

Vorteil für Bulgarien und Rumänien

Das Leistungsbilanzdefizit wandelte sich 2009 in vier NMS in einen Überschuss bzw. ging in den restlichen NMS stark zurück. Somit finanzierten sogar die niedrigeren Volumina an Netto-FDI einen größeren Teil der Defizite als zuvor. Dies war besonders für jene Länder von Vorteil, in denen die Leistungsbilanz ein Defizit verzeichnete und die externe Finanzierung begrenzt war, wie zum Beispiel in Bulgarien und Rumänien.

In Südosteuropa spielt FDI eine wesentlich geringere Rolle bei der Finanzierung der andauernd hohen Leistungsbilanzdefizite.

In sechs von zehn NMS wurde mehr FDI-bezogenes Einkommen aus dem Land abgezogen, als neue Investitionen ins Land kamen. Allerdings können die negativen Effekte der Repatriierung von FDI-bezogenem Einkommen durch andere Positionen in der Zahlungsbilanz ausgeglichen werden. Ein Überschuss der Außenhandelsbilanz wurde unter dem Druck der Krise zum Regelfall.

Prognose: bescheidenes Wachstum

Eine Prognose für die Höhe der FDI-Zuflüsse im Jahr 2010 ist unter den gegenwärtigen Umständen nur sehr schwer möglich. Auf Basis von globalen Trends und den Ergebnissen des ersten Quartals erwartet das wiiw, dass die FDI-Zuflüsse in der Region insgesamt ein bescheidenes Wachstum verzeichnen werden.

Zwei Länder – Polen und Russland, in denen auch das Wirtschaftswachstum 2010 am stärksten ausfallen wird – zeigen Anzeichen einer deutlichen Belebung von FDI. Diese beiden (größten) Länder sowie Tschechien, Ungarn, die Slowakei und die Ukraine werden vermutlich zur Erholung der FDI beitragen.

Andere Länder, einschließlich Rumäniens und Bulgariens sowie anderer südosteuropäischer Staaten könnten geringere Zuflüsse verzeichnen.

Quelle:

wiiw Database on Foreign Direct Investment in Central, East and Southeast Europe, 2010: “FDI in the CEECs Hit Hard by the Global Crisis” von Gábor Hunya (Konzept und Analyse) und Monika Schwarzhappel (Datenbank und Layout). 107 Seiten inkl. 86 Tabellen. Verfügbar in Druckversion (70 Euro), PDF (65 Euro) oder auf CD-ROM (145 Euro; inkludiert Druckversion). Bestellungen über die wiiw-Website www.wiiw.ac.at, per E-Mail (koehrl@wiiw.ac.at) oder per Fax (+431 533 66 10-50).