Bankensektor mit Topchancen für Türkinnen
Der Anteil von Frauen in öffentlichen Ämtern der Türkei geht kontinuerlich zurück. Doch in den Vorstandsetagen ist die Türkei mit Spitzenfrauen den Deutschen weit voraus. EURACTIV.de hörte türkischen und deutschen Unternehmerinnen beim Meinungsaustausch in Berlin zu.
Der Anteil von Frauen in öffentlichen Ämtern der Türkei geht kontinuerlich zurück. Doch in den Vorstandsetagen ist die Türkei mit Spitzenfrauen den Deutschen weit voraus. EURACTIV.de hörte türkischen und deutschen Unternehmerinnen beim Meinungsaustausch in Berlin zu.
Der Anteil der Frauen in den öffentlichen Ämtern der Türkei geht langsam, aber sicher zurück. Das sei bedauerlich und liege nicht im Interesse des Modernisierungskurses, sagten Verbandsfunktionärinnen aus Istanbul.
In den vergangenen zwanzig Jahren ging das aktive Beschäftigungsverhältnis von Frauen von 33 auf 3 Prozent zurück. Folge: Viele Frauen versuchen, durch Existenzgründung und Selbstständigkeit Beruf und Familie vereinbaren zu können.
Im Gegensatz zum rückläufigen Trend weiblicher Angestellter in den öffentlichen Ämtern können Unternehmerverbände auf Frauen an der Spitze verweisen. Der türkische Unternehmerverband Tüsiad wählte Umit Boyner als Präsidentin, und die Vorsitzende von Kagider, einem türkischen Unternehmerinnenverband, Gülseren Onanc, ist selbstverständlich auch eine Frau. Ihnen ist es ein Anliegen, die Türkei zu einer modernen Gesellschaft zu entwickeln, die sich der EU annähert.
Tüsiad und Kagider wollen nun den Begriff der UnternehmerIN fördern, politischen Druck ausüben und die allgemeine Grundhaltung ändern. Ein Instrument dazu waren die Kampagne “Wir wollen arbeiten!” und “Wir kriegen nicht nur Kinder!” Die Motive liefen im Fernsehen und auf Plakaten.
Die Kampagnen richteten sich in erster Linie an Politiker, denen vermittelt werden soll, dass Frauen gleichberechtigt seien, in zweiter Linie an Frauen in ländlichen Gebieten, die eine Chance in der Stadt erhalten sollen, damit sie nicht nur als Kinderhüterinnen gesehen würden, und in dritter Linie an potenzielle Arbeitgeber, denen bewusst gemacht werden soll, dass Frauen eine größere Rolle spielen müssten.
Grundrecht auf Arbeit und nicht nur Fortpflanzung
Frauen haben, so die Verbände, nicht nur ein Grundrecht auf Fortpflanzung, sondern ein Grundrecht auf Arbeit.
Dazu sagen die Funktionärinnen, es gebe einfach keine reinen Männerberufe, und umgekehrt gebe es keinen Beruf, den Frauen nicht auch könnten. Es sei falsch, dass im Kindergarten der Nachwuchs ausschließlich von Frauen großgezogen werde, genauso wie es falsch sei, dass es so wenige Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten gebe.
Studien hätten ergeben, dass gemischte Teams in jeder Ebene die besseren Ergebnisse erzielten. Andererseits sei die Krise männlich, das Finanzdesaster sei von Männern inszeniert. Mit Frauen würden Finanzentscheidungen anders aussehen. Frauen würden mit Geld nicht so aggressiv umgehen wie Männer. In der Unternehmensführung würden Frauen mehr auf Beteiligung achten als Männer.
Vertreterinnen türkischer Unternehmerinnen unterstreichen: “Es gibt nicht ‘die’ türkischen Frauen, die wir in den lezten 40 oder 50 Jahren kennengelernt haben.”
Während Vorstände in Deutschland also “nahezu frei von Frauen” sind, sieht es in türkischen Unternehmen anders aus: Zwar sind von allen Mitarbeitern nur 14 Prozent weiblich, doch in den Führungspositionen sind Frauen zu 23 Prozent vertreten.
Im Vergleich zu börsennotierten Unternehmen im EU-Durchschnitt: Dort beträgt der Frauenanteil im höheren Management nur 11 Prozent.
14 Prozent der Vorstandsvorsitzenden in der Türkei sind Frauen, wogegen der Anteil in der EU nur bei 3 Prozent liegt, wie vor kurzem auf einer Konferenz in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin mit türkischen und deutschen Unternehmerinnen mitgeteilt wurde.
Die größten Chancen in der Türkei haben Frauen im Bankensektor. 75 Prozent der Posten in der mittelren Führungsetage sind weiblich besetzt.
Wenn in der Türkei Unternehmen von Frauen geleitet werden, werden statistisch gesehen die Verkäufe um 37 Prozent gesteigert, bei Männern nur zu 13 Prozent, also nur ein Drittel davon.
Im Krisenjahr 2009 machten in der Türkei die von Frauen geführten Firmen nur 9 Prozent Verluste, die von Männern geführten haben immerhin 23 Prozent Verluste eingefahren.
Nach Finnland steht die Türkei mit der Frauenquote in Vorständen an zweiter Stelle. Erst dann folgen Österreich, Deutschland und die Schweiz.
In einer Diskussion mit türkischen Unternehmens-Interessenvertretern sagte ein Mitgleid der Berliner “Weiberwirtschaft”, dass Kredite in Deutschland zu 90 Prozent an männliche und nur zu 10 Prozent an weibliche Existenzgründer gingen. Wenn Frauen keine Grundstücke als Sicherheit vorweisen könnten, hätten sie so gut wie keine Chance. Und das, obwohl Banken in Frauen eine Niedrigrisikogruppe sehen, weil sie die Raten sehr zuverlässig zurückzahlten.
In Deutschland sei jede zweite Unternehmerin, die auch Akademikerin sei, von vornherein familiär ungebunden und lebe allein. In der Türkei sei es umgekehrt: Dort seien die Frauen zunächst verheiratet und haben Kinder, und wenn sie eine Existenz gründen, steige das Selbstvertrauen und fordere sie Gleichberechtigung, was schließlich in vielen Fällen zur Trennung vom Mann führe.
Kagider Präsidentin Onanc sagte, die Politiker allein könnten nicht allein die Lösung herbeiführen. Die Frauen müssten die Zukunft selbst gestalten, an die Zivilgesellschaft glauben und Presseure Group sein. Onanc: “Das ist kein Traum, sondern wird wahr.”
Auch eine andere türkische Funktionärin meinte, man könne von Politikern nicht alles erwarten, das würde außerdem viel zu lang dauern. Sie drückte die Hoffnung aus, dass auch die Türken in Deutschland etwas dazu beitrügen.
ekö
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EURACTIV.de: Gülseren Onanc: Warum Türken deutsche Kindergärten meiden