Big Food auf Diät: Markenverkauf statt Expansion

Von Unilever über Nestlé bis Kellogg – die größten Lebensmittelkonzerne trennen sich von Marken und Sparten, um ihre Portfolios zu straffen. Und erschaffen somit Raum für neue Player.

EURACTIV.com
Freezer Section
Freezer Section [Photo by Smith Collection/Gado/Getty Images]

Von Unilever über Nestlé bis Kellogg – die größten Lebensmittelkonzerne trennen sich von Marken und Sparten, um ihre Portfolios zu straffen. Das eröffnet Chancen für neue Player, wie der ungewöhnliche Kauf von Carrefour Italien durch eine Lebensmittelgruppe zeigt.

Den Anfang machten die Frühstücksflocken: 2023 wurde der US-Konzern Kellogg in zwei eigenständige Unternehmen aufgespalten. Das erste, auf Snacks spezialisierte und in Kellanova umbenannte Unternehmen wurde vom globalen Riesen Mars für rund 32 Milliarden Euro (36 Milliarden Dollar) übernommen – und vereint nun unter einem Dach unter anderem Pringles-Chips und M&M’s.

Die Wettbewerbsbehörde der EU-Kommission prüft den Zusammenschluss, da beide Unternehmen „Must-have“-Marken besitzen, die Supermarktregale dominieren.

Der zweite Teil von Kellogg, spezialisiert auf Cerealien, erhielt ein Angebot in Höhe von 2,7 Milliarden Euro (3,1 Milliarden Dollar) vom italienischen Süßwarenhersteller Ferrero.

Nur wenige Monate nach der Kellogg-Aufspaltung kündigte Unilever an, seine Eiscreme-Sparte abzuspalten und als eigenständiges Unternehmen – die Magnum Ice Cream Company – an den Start zu bringen. Ende vergangenen Jahres gab Nestlé die Trennung von seinem Mineralwassergeschäft bekannt.

Auch Kraft Heinz könnte sich laut Wall Street Journal bald aufspalten – und damit die Fusion von 2015 rückabwickeln, eine der größten Zusammenschlüsse in der Konsumgüterbranche. Im Juni verkaufte Kraft Heinz sein italienisches Babybrei-Geschäft an NewPrince.

Negative Geschäftsentwicklung

Alle diese Konzerne verzeichnen rückläufige Zahlen in ihren Bilanzen. Unilevers Nettogewinn sank im ersten Halbjahr um fünf Prozent, wie das Unternehmen vergangene Woche mitteilte. Kraft Heinz setzte im selben Zeitraum 3,3 Prozent weniger um. Bei der Kellogg-Cerealien-Sparte sind die Margen seit der Aufspaltung 2023 unter Druck. Nestlé will mit der Abgabe des Wassergeschäfts Kosten senken.

„Big Food“, wie Kritiker die Lebensmittel-Multis nennen, kämpft mit dem, was man als „Gigantismus-Syndrom“ bezeichnen könnte.

„Größe allein schafft keinen Wert – und wenn die Rechnung nicht aufgeht, zahlen Aktionäre und lokale Gemeinschaften den Preis“, sagte Yari Vecchio, Agrar- und Lebensmittelökonom an der Universität Bologna, im Gespräch mit Euractiv.

„Entscheidend ist letztlich die Excel-Tabelle zur Kapitalrendite“, so Vecchio weiter. Er sieht einen klaren Trend: die „Regionalisierung globaler Wertschöpfungsketten“, die Schlagworte wie Globalisierung und Diversifizierung infrage stellt – also die Notwendigkeit, große Produktportfolios für den globalen Wettbewerb vorzuhalten.

Das ändere sich, so Vecchio: „Konzerne stoßen wachstumsschwache Marken ab, um sich auf Kategorien mit höherer Preissetzungsmacht zu konzentrieren.“ Das eröffne Chancen – „wo die einen kaufen, stoßen die anderen ab“.

Gegenbewegung

Ein Beispiel ist die skandinavische Molkereigenossenschaft Arla Foods. Sie hat zuletzt in Dänemark und Schweden in neue Anlagen investiert, um das zu stärken, was sie am besten kann: Milchprodukte.

Anfang des Jahres kündigte Arla die Fusion mit der größten deutschen Molkereigenossenschaft DMK an – vorbehaltlich der Genehmigung durch die Kartellbehörden. Der Deal sorgt für Unmut bei Landwirten, die um ihre Eigenständigkeit fürchten.

Das Unternehmen betont jedoch, Ziel sei es, „unseren Stakeholdern – insbesondere unseren bäuerlichen Mitgliedern – mehr Wert zu liefern“. „Diese Fusion geht nicht nur um Wachstum; es geht um eine nachhaltige Zukunft für beide Unternehmen und unsere Branche“, sagte Arla-Manager Bjarke Munk Kamstrup gegenüber Euractiv.

Andere denken noch größer: In der vergangenen Woche verkündete der französische Handelsriese Carrefour den Rückzug aus Italien und verkauft seine mehr als 1.000 Supermärkte auf der Halbinsel an die Lebensmittelgruppe NewPrince – dieselbe, die bereits das italienische Babybrei-Geschäft von Kraft Heinz übernommen hat.

Das sei „ziemlich einzigartig und gegen den Trend – in einem Umfeld, in dem die Spannungen zwischen Handel und Industrie wachsen und Eigenmarken der Supermärkte den Marktanteil der Lebensmittelindustrie aushöhlen“, sagte Denis Pantini vom Marktforschungsinstitut Nomisma Agroalimentare gegenüber Euractiv.

Sowohl der Verkauf von Lebensmitteln unter Handelsmarken als auch der Kauf von Einzelhandelsketten sei von der Margenkontrolle getrieben. „Je mehr man die Margen in den letzten Stufen der Lieferkette kontrolliert“ – also nahe am Endverbraucher – „desto profitabler ist man“, so Pantini.

Allerdings sei dies auch „ein riskantes Unterfangen“, da „das Geschäft mit dem Handel und das Geschäft mit der Lebensmittelproduktion zwei völlig verschiedene Welten sind“.

(aw, cs, jl)