Bokova: „Ein Sieg für Osteuropa“
Irina Georgieva Bokova (57) ist die neue Generaldirektorin der UNESCO, der UN-Organisation für Kultur, Bildung und Wissenschaft. Die UNESCO hat den Sitz in Paris und 193 Mitgliedsländer. EURACTIV sprach mit der bulgarischen Diplomatin unmittelbar nach ihrer Wahl.
Irina Georgieva Bokova (57) ist die neue Generaldirektorin der UNESCO, der UN-Organisation für Kultur, Bildung und Wissenschaft. Die UNESCO hat den Sitz in Paris und 193 Mitgliedsländer. EURACTIV sprach mit der bulgarischen Diplomatin unmittelbar nach ihrer Wahl.
EURACTIV: Frau Bokova, Sie sind die erste Frau und die erste Bulgarin in diesem Amt. Das muss ein außerordentlicher Erfolg für Sie und für Bulgarien sein. Wie erklären Sie sich diesen Sieg?
Bokova: Es ist tatsächlich ein großer Erfolg für die Ideen, die ich in den vergangenen Jahren mit Hilfe von Bulgariens Aktivitäten, nicht nur in der UNESCO versucht habe zu verwirklichen. Ich denke, es ist außerdem ein Sieg für Osteuropa. Es ist geradezu symbolisch, dass zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer eine Osteuropäerin am Steuer einer so wichtigen Organisation wie der UNESCO sitzt.
Ich glaube, dass die Botschaften meines Wahlkampfs zum Ziel geführt haben. Das waren Botschaften von Positivität, Toleranz und Respekt für andere Kandidaten, Botschaften über die Tatsache, dass unsere Organisation gemeinsame Anstrengungen braucht, besonders im multikulturellen Dialog, Botschaften über das Verständnis zwischen Völkern, über den gegenseitigen Respekt zwischen Zivilisationen, über die Bemühungen, Einheit in Vielfalt zu schaffen. Und dass die Organisation zum ersten Mal von einer Frau geführt wird, das ist keine Kleinigkeit. Ich bin stolz, diese Frau zu sein.
EURACTIV: Ist Bulgarien durch den EU-Beitritt gestärkt wurden? Als Diplomatin sind sie in einer guten Position ein Urteil zu fällen.
Bokova: Ja, ohne jeden Zweifel. Bulgarien ist als Mitglied der Europäischen Union stärker. Aber ich muss sagen, dass ich von Anfang (des Wahlprozesses am 7. September) bis zum Ende Bulgariens Kandidatin war. Zweifellos konnte ich zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt meiner Kampagne, also nach dem Ausscheiden der anderen zwei Kandidaten – der Österreicherin Benita Ferrero-Waldner, eine politische Persönlichkeit, die ich sehr schätze, und auch der litauischen Repräsentantin Ina Marciulionyte – große europäische Unterstützung mobilisieren.
Übrigens danke ich Frau Ferrero-Waldner herzlich dafür, dass sie mich angerufen hat, um mir zu gratulieren. Aber ich erhielt auch Unterstützung außerhalb der EU, da ich 31 Stimmen für mich gewinnen konnte (gegen 27 Stimmen, die der ägyptische Kandidat Faruq Hosni am 22. September in der letzten Wahlrunde des 58-köpfigen UNESCO Vorstands erhielt). Um ihre Frage zu beantworten: die Unterstützung der Mehrheit der europäischen Länder war sehr wichtig für diesen Sieg.
EURACTIV: Das ist nicht das erste Mal, dass Sie von europäischer Unterstützung profitieren: Als bulgarische Botschafterin in Frankreich haben Sie sich aktiv für die Befreiung bulgarischer Krankenschwestern, die in Libyen der Todesstrafe ausgesetzt waren, eingesetzt. Sie wurden auch in dieser Aktion unterstützt – nicht zu letzt von Ferrero-Waldner im Namen der Kommission.
Bokova: Ja, ich habe ich als bilaterale Botschafterin immer die Unterstützung, die Hilfe und Freundschaft von Frankreich genossen – genauso, wie auch die Unterstützung aller EU-Botschafter. Ich habe auch die EU-Botschafter daran erinnert, dass Ferrero-Waldner für ihre Mitwirkung beim Beitrittsverfahren Bulgariens und für die Hilfe bei der Befreiung der Krankrenschwestern eine der höchsten Auszeichnungen meines Landes erhalten hat. Das werden die Bulgaren nie vergessen.
EURACTIV: Sie sprechen mehrere Sprachen, aber Sie haben nach ihrer Wahl das französische Wort ergriffen. Warum?
Bokova: Ich habe Französisch gewählt, weil es nicht nur eine der gängigen EU-Sprachen ist, sondern auch weil ich die Botschafterin meines Landes in Frankreich bin, weil Bulgarien Mitglied der Internationalen Organisation der Frankophonie ist, weil ich für eine ausgeglichenen Gebrauch von Englisch und Französisch kämpfe und weil ich versuche, dieses Prinzip in der UNESCO durchzusetzen.>
EURACTIV: Ihr Hauptkonkurrent war der Repräsentant von Ägypten – eine Situation, die eine Debatte ausgelöst hat, weil ein europäischer Kandidat einem Kandidaten aus der arabischen Welt gegenübersteht. Sie sagen, sie versuchen die Teilung zwischen den Zivilisationen nicht weiter voranzutreiben.
Bokova: Auf keinen Fall. Ich denke, dass es eine solche Teilung nicht gibt und dass es eine solche Teilung in meinem Wahlkampf nicht gegeben hat. Mein Wahlkampf hat nicht gespalten, er hat sich viel mehr an alle Weltregionen gerichtet, das schließt auch meine arabischen Freunde ein. Während meines Wahlkampfs habe ich drei arabische Länder besucht, obwohl ich wusste, dass sie Hosni unterstützen. Ich sagte ihnen, dass ich ihre Entscheidung respektiere, aber meine Berücksichtigung der arabischen Welt ausdrücken wolle. Die arabische Welt ist aufgrund ihrer Rolle und ihres Gewichts auf der globalen Bühne entscheidend, auch aufgrund ihrer Mitwirkung an der Millenniums-Zivilisation des menschlichen Erbes. Für die Spaltung der Gesellschaft gibt es also keinen Nährboden, und wenn Zweifel daran weiterbestehen, werde ich dafür sorgen, dass sie sich auflösen.
Ich stehe übrigens noch in Kontakt mit Herrn Hosni. Wir haben im Wahlkampf eine freundliche Beziehung entwickelt. Wir haben uns versprochen, dass wir – wer auch immer gewinnen mag – weiterhin zusammen arbeiten werden. Er hat mich angerufen, um mir zu gratulieren, und wir haben unser Versprechen nochmals erneuert.
EURACTIV: Welche Reformen werden Sie in der UNESCO fördern?
Bokova: Ich werde die Reformen meines Vorgängers Koichiro Matsuura fortführen. Das Management der Organisation soll transparenter und verantwortungsbewusster werden. In Zeiten der Krise sind dies umso wichtigere Eigenschaften. Mit unserem eher bescheidenen Budget – gemessen an unseren ehrgeizigen Zielen – brauchen wir eine effektive Verwaltung. Ich hab die Ambitionen, dieses Ziel zu erreichen.
Ein weiterer Aspekt ist, dass wir unsere Prioritäten wieder in die richtige Ordnung bringen und den aktuellen Herausforderungen anpassen müssen. Ich beziehe mich auf die Rolle der UNESCO in der Wissenschaft, Innovation, neuen Technologien, Kommunikation und auf den Beitrag der UNESCO beim Klimawandel. Wir müssen unseren Beitrag in Bereichen, in denen wir führend sind, leisten.
EURACTIV: Werden Sie die Kommunikation zwischen der UNESCO und dem Rest der Welt verbessern?
Bukova: Ohne jeden Zweifel. Das gehört zu einem besseren Management. Eine Organisation, die Ergebnisse liefert und die ihr Mandat erfüllt, wird sicher besser kommunizieren und besser wahrgenommen werden. Und wenn die UNESCO stärker in Erscheinung tritt, wird auch ihr Einfluss größer.
EURACTIV.com