Boulevardpresse in Österreich: Sammelbecken der EU-Gegner

Die Boulevardmedien sind entscheidende politische Stimmungsmacher. Vor allem aber mobilisieren sie Gegnerschaften. Das ergab eine EU-Nachwahlstudie in Österreich.

Euractiv.de
Foto: Rainer Sturm  / pixelio.de
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Die Boulevardmedien sind entscheidende politische Stimmungsmacher. Vor allem aber mobilisieren sie Gegnerschaften. Das ergab eine EU-Nachwahlstudie in Österreich.

2004 und 2009 puschte die Kronenzeitung, mit einer Reichweite von rund 34 Prozent die größte österreichische Tageszeitung, den parteiunabhängigen Hans Peter Martin mit zunächst 14,4 und dann sogar 17,7 Prozent auf den dritten Platz bei den EU-Wahlen. Inzwischen aber musste Martin den Liebesentzug des Herausgebers Christoph Dichand zur Kenntnis nehmen und verzichtete daraufhin auf eine neuerliche Kandidatur. Trotzdem mischte die Zeitung beim Wahlergebnis kräftig mit, wie nun eine Analyse der Motivforscher Fritz Plasser und Franz Sommer ergab.

Hätten die Leser der Krone entschieden, wäre das Wahlergebnis anders ausgefallen. Stimmten doch 43 Prozent von ihnen für eine EU-kritische Partei: 37 Prozent wählten die FPÖ, sechs Prozent die „sonstigen“ Listen (EU-STOP, Europa Anders, REKOS, BZÖ), 32 Prozent die SPÖ, 17 Prozent die ÖVP, fünf Prozent NEOS und gar nur zwei Prozent die Grünen. Das tatsächliche Wahlergebnis sah jedoch ganz anders aus: Die ÖVP gewann 27,0 Prozent, die SPÖ 24,1, die FPÖ 19,7, die Grünen 14,5, die NEOS 8,1. 6,6 Prozent stimmten für die vier Sonstigen.

Sozialer Status beeinflusst Politikverständnis

Die EU-Wahl bestätigte den großen Einfluss von Boulevardzeitungen in Österreich. Neben der Krone kämpfen noch Österreich und das von Dichands Frau Eva geführte Gratisblatt heute um diesen Markt der eher anspruchslosen Leser. Neben der kleinformatigen Krone sind auch die beiden anderen Boulevardblätter ein Sammelbecken für jene, die sich wenig für die EU begeistern und sich von anspruchslosen Anti-EU-Polemiken beeinflussen lassen. Auch bei ihnen errang die EU-skeptische FPÖ mit 30 Prozent den ersten Platz und die SPÖ mit 29 den zweiten Platz. Erst dahinter folgte an nur dritter Stelle die Wahlsiegerin ÖVP mit 23 Prozent.

Interessant ist auch, dass die Leser regionaler Tageszeitungen dem endgültigen Wahlergebnis relativ nahe kamen. Bei den sogenannten Qualitätsmedien Presse und Standard sah die Gewichtung jedoch etwas anders aus: Dort landeten die Grünen mit 25 Prozent gemeinsam mit der ÖVP auf dem ersten Platz. Die SPÖ hingegen wurde mit 17, die FPÖ mit nur zwölf Prozent deutlich auf den dritten beziehungsweise vierten Platz verwiesen.

Plasser und Sommer ziehen aus diesen Ergebnissen klare Schlussfolgerungen, bestehen doch „unverkennbar dichte Zusammenhänge zwischen redaktionspolitischer Linie der Boulevardmedien und einer überdurchschnittlichen Euroskepsis“. Starke Zusammenhänge gibt es daneben auch zwischen den sozialen Verhältnissen und der Einstellung zur EU. So haben drei Viertel der EU-skeptischen Wähler den Eindruck, dass in Österreich Einkommen und Lebenschancen sehr bis eher ungerecht verteilt sind. Von den EU-Befürwortern glaubt dies nur jeder Dritte.

Politiker buhlen um Gunst der Medien

Die Strategen in den Parteizentralen ziehen aus dieser Studie aber auch grundsätzliche Rückschlüsse auf das innenpolitische Meinungsklima. Im Wochenrhythmus publizieren die Boulevardblätter Umfragen, wobei mitunter der Eindruck entsteht, dass zusätzlich zum Wählervotum auch noch subjektive Sympathiepunkte durch die jeweiligen Herausgeber vergeben werden. Auch in der Innenpolitik – hier wird derzeit die FPÖ mit 26 Prozent vor der SPÖ mit 25 und der ÖVP mit 21 Prozent gehandelt – zeigt sich, wie sehr die Massenblätter auf Stimmungsmache abzielen. Etwa wenn es darum geht, die Grenzen gegenüber vor dem Zustrom von Migranten zu verschließen. Auch Maßnahmen, die innerhalb der EU noch diskutiert werden, werden oft im Voraus diskreditiert.

Dass sogenannte Zeitungszaren mitunter dazu neigen, die Macht des Mediums für eigene politische Intentionen zu benutzen, ist nicht von der Hand zu weisen. Doch auch einzelne Politiker erliegen immer wieder der Versuchung, sich zum Preis einer guten Schlagzeile vor den Karren der Boulevardpresse spannen zu lassen. Statt selbstbewusst ein politisches Ziel auch gegen Widerstand in der Öffentlichkeit zu verfolgen, wird oftmals eine Abkürzung gewählt und um die Gunst gewisser Medien gebuhlt. Zweifellos liefert die EU-Nachwahlanalyse viel Stoff zum Diskutieren und Nachdenken. Dies gilt für die Medien ebenso wie für die politischen Akteure.