Bulgarien: Gesundheitswesen leidet an Personalmangel

Das bulgarische Gesundheitswesen hat mit einer Reihe von Herausforderungen zu kämpfen. Insbesondere der Mangel an Pflegekräften und Probleme bei der Finanzierung machen dem EU-Land zu schaffen.

/ EURACTIV.bg
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Bulgarien hatte während der COVID-19-Pandemie nach Peru die zweithöchste pro Kopf Sterblichkeitsrate, obwohl Bulgarien nach den offiziellen staatlichen Statistiken bei der Zahl der Krankenhausbetten an dritter Stelle in der EU stand. [Shutterstock/Circlephoto]

Dieser Artikel ist Teil des Special Reports Personal-Abwanderung: EU-Gesundheitssysteme unter Druck

Das bulgarische Gesundheitswesen hat mit einer Reihe von Herausforderungen zu kämpfen. Insbesondere der Mangel an Pflegekräften und Probleme bei der Finanzierung machen dem EU-Land zu schaffen.

Bulgarien hatte während der COVID-19-Pandemie nach Peru die zweithöchste pro Kopf Sterblichkeitsrate, obwohl Bulgarien nach den offiziellen staatlichen Statistiken bei der Zahl der Krankenhausbetten an dritter Stelle in der EU stand.

Zwar befindet sich Bulgarien bei den verfügbaren Krankenbetten pro Person EU-weit auf Platz drei, aber aufgrund des Personalmangels ist die Sterblichkeitsrate mit 21,7 Prozent trotzdem die dritthöchste in der EU.

„Betten und medizinische Geräte heilen keine Patienten. Das ist die Aufgabe von Ärzten“, sagte Wenzislaw Mutaftschijski, Leiter der Militärmedizinischen Akademie in Sofia, einem der größten bulgarischen Krankenhäuser.

In Bulgarien mangelt es besonders an Pflegepersonal. Auf 29.604 Ärzte kommen lediglich 28.816 Krankenschwestern.

Ein „schwerwiegendes“ Problem bei Pflegekräften

Laut Eurostat ist das Verhältnis zwischen Krankenschwestern und der Bevölkerung das Niedrigste in der EU – 6,9 pro 100.000 Menschen, wobei ein Drittel der arbeitenden Pflegekräfte über 65 ist. Irland meldet, dass 1,6 Prozent der Bevölkerung Pflegekräfte sind, und in zehn anderen Mitgliedstaaten der EU liegt der Anteil der Pflegekräfte bei mindestens 1 Prozent der Bevölkerung.

In den 1990er Jahren, zu Beginn des demokratischen Übergangs vom Kommunismus zu Marktwirtschaft und Demokratie, gab es in Bulgarien 28.000 Ärzte und 53.000 Pflegekräfte.

Seitdem hat sich die Zahl der Krankenschwestern fast halbiert, mit einem Rückgang von 9 Prozent in den letzten zehn Jahren. Die Zahl der Ärzte ist zwar leicht zurückgegangen, aber nicht so stark wie die der Pflegekräfte und wurde durch einen Bevölkerungsrückgang von 11,5 Prozent in den letzten 30 Jahren etwas gemildert.

Der Rückgang der medizinischen Fachkräfte war nach 2013 besonders stark, als die Beschränkungen für den Zugang zu den EU-Arbeitsmärkten für Bürger aus Bulgarien und Rumänien aufgehoben wurden und viele ins Ausland gingen, um dort zu arbeiten.

Eine Studie des Instituts für Marktwirtschaft (IMP) stellt fest, dass auch im Jahr 2020 ein starker Rückgang zu verzeichnen war, der auf die Pandemie, die Risiken für ältere Mitarbeiter und die harten Arbeitsbedingungen zurückzuführen ist.

Das IMP merkte an, dass für ein optimales Funktionieren des Gesundheitssystems in Bulgarien das Verhältnis zwischen Pflegekräften und Ärzten mindestens zwei zu eins betragen sollte, was immer noch weit von Finnland, Luxemburg, Irland, der Schweiz, Island und Norwegen entfernt ist, wo das Verhältnis über vier zu eins liegt.

Die schwindenden Zahlen machen es unmöglich, zwei Pflegekräfte pro Schicht in den Krankenhäusern bereitzustellen, was bedeutet, dass sich oft nur eine Pflegekraft um mehr als acht Patienten kümmern kann.

Auf Anfrage von EURACTIV teilte das Gesundheitsministerium mit, dass die größten Engpässe in den Bereichen Notfallmedizin, Innere Medizin, allgemeine und klinische Pathologie, Infektionskrankheiten, Pädiatrie, Epidemiologie von Infektionskrankheiten, Allgemeinmedizin und HNO-Heilkunde bestehen. Es gibt weniger als 70 Gerichtsmediziner und ungefähr die gleiche Anzahl an Pathologen.

Die Zahl der Allgemeinmediziner geht zurück, und die Arbeitsbelastung nimmt zu. Gleichzeitig zahlen die Bulgaren trotz der aufgestockten Budgets des staatlichen Gesundheitsfonds bis zu 40 Prozent der von ihnen in Anspruch genommenen Gesundheitsleistungen selbst. Das ist fast doppelt so hoch wie der EU-Durchschnitt.

Jenseits aller Standards

Einer der Hauptgründe für dieses Problem ist vermutlich das Gehalt. Pflegekräfte in Bulgarien haben ein durchschnittliches Monatsgehalt von 450 bis 1.000 Euro. Öffentliche Krankenhäuser sind die zuverlässigsten Arbeitgeber, während es für private Krankenhäuser keine Regelung gibt, so Nadezhda Margenova von der Union of Bulgarian Medical Specialists (SBMS).

Sie sagte gegenüber EURACTIV, dass es für Pflegekräfte Möglichkeiten gibt, ihr Einkommen zu erhöhen, aber nicht alle sind praktikabel.

„Eine Möglichkeit ist, den Arbeitsplatz zu wechseln – der sogenannte Berufstourismus. Die andere ist, zusätzliche Schichten zu übernehmen, einen zweiten und dritten Job zu haben, was die Lebens- und Arbeitsqualität verschlechtert. Um zusätzliches Geld zu verdienen, halten sich die Kollegen nicht an die vorgeschriebene Ruhezeit nach 12 Stunden Dienst. Die zweite Option ist die Lebensentscheidung, den Beruf aufzugeben oder auszuwandern“, so Margenova, die selbst Pflegekraft ist.

Dr. Stoicho Katsarov vom Zentrum für den Schutz der Rechte im Gesundheitswesen und ehemaliger Gesundheitsminister meinte, die Lösung bestehe darin, die staatlichen Eingriffe zu begrenzen, die zu den meisten Problemen geführt haben.

„Länder mit marktwirtschaftlichen Gesundheitssystemen haben besser auf die COVID-19-Pandemie reagiert“, sagte er. „Der Staat verteilt das Geld, reguliert fast alles und schränkt so den Wettbewerb ein. Er setzt den Krankenhäusern Grenzen, die praktisch deren Budgets sind, und die Krankenhäuser bemühen sich, diese zu absorbieren, und niemand interessiert sich für die Qualität oder dafür, ob die Menschen in ihnen tatsächlich behandelt werden“, sagte Katsarov.

Ihm zufolge werden die Gehälter durch den Markt bestimmt. Daher sind alle Versuche des Staates, einen Grundlohn für Ärzte einzuführen, nicht ratsam.

Das Fehlen eines Systems zur Karriereentwicklung wurde von Dr. Vanyo Sharkov, ehemaligen stellvertretenden Gesundheitsminister, festgestellt. In einem Gespräch mit EURACTIV erklärte Sharkov, dass es notwendig sei, die Finanzierung zu differenzieren, und dass mehr Mittel für die medizinischen Einrichtungen zur Verfügung stehen sollten, die eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung bieten, einschließlich der Notfallmedizin.

„Im Moment transportiert die Notaufnahme in Sofia Patienten zu zwei oder drei medizinischen Einrichtungen, die weniger Mittel erhalten als medizinische Einrichtungen, die keine Notaufnahme haben, und da alle Krankenhäuser – sowohl öffentliche als auch private – nach dem gleichen Prinzip finanziert werden, müssen sie auch Notaufnahmen haben“, sagte er.

Bislang hat keine politische Partei Lösungen für die Probleme im Gesundheitssystem vorgeschlagen, auch nicht für den Personalmangel.

[Bearbeitet von Alice Taylor]