Bulgarische Politiker verteidigen Rosenöl gegen Brüssel
Ein EU-Verordnungsentwurf über ätherische Öle hat in Bulgarien immer wildere Befürchtungen darüber geweckt, Brüssel könnte es auf ein für das Land wichtiges Produkt abgesehen haben: Rosenöl.
Ein EU-Verordnungsentwurf über ätherische Öle hat in Bulgarien immer wildere Befürchtungen darüber geweckt, Brüssel könnte es auf ein für das Land wichtiges Produkt abgesehen haben: Rosenöl.
Die geplante Überarbeitung der Verordnung zur Bewertung und Zulassung von Chemikalien (REACH) hat in der Branche der ätherischen Öle Besorgnis ausgelöst.
In Bulgarien entwickelten sich diese Befürchtungen zu einer Verschwörungstheorie, die von euroskeptischen Politikern verbreitet wurde: Die EU-Kommission wolle in Bulgarien produziertes Rosenöl verbieten, lautet das Narrativ.
Die Realität ist jedoch wesentlich differenzierter, und es besteht aktuell keine unmittelbare Gefahr, dass das bulgarische Kulturprodukt verboten wird.
Die Panik im Sektor der ätherischen Öle folgt auf die angekündigten Änderungen der REACH-Verordnung, die die Europäische Kommission voraussichtlich gegen Ende des Jahres vorlegen wird.
Hersteller in Bulgarien sind besorgt, dass ihr Produkt nach einer überarbeiteten Definition von ätherischen Ölen als chemische Produkte als giftig eingestuft würde.
Obwohl die Reform noch nicht vorgelegt ist, hat sie Bedenken über mögliche Auswirkungen auf den Markt geweckt, sobald die neue Kennzeichnung in Kraft tritt.
In bulgarischen Medien wurde kürzlich eine Erklärung der Bürgermeisterin von Kasanlak – einer Stadt in der Nähe des Rosentals – verbreitet, in der sie behauptete, die Europäische Kommission wolle Rosenöl verbieten.
Das Thema wurde dann von sozialen Netzwerken sowie von Sympathisanten und Aktivisten der rechtsextremen Partei Vazrazhdane aufgegriffen.
„Gefährliche“ Reform
Die vorgeschlagenen Änderungen an der EU-Gesetzgebung sind Teil des Green Deals und sollen nach Angaben der Kommission zu einem besseren Verbraucherschutz beitragen. Aus Sicht von Kritikern könnte jedoch Brüssel mit dieser umstrittenen Änderung über das Ziel hinausschießen könnte.
Der Vorschlag der Kommission zur REACH-Reform wird für Ende 2023 erwartet. Doch lokale Behörden, Europaabgeordnete und Lobbyorganisationen in der belgischen Hauptstadt krempeln bereits die Ärmel hoch, um die Interessen des Sektors für ätherische Öle zu schützen. Dieser hat nicht nur in Bulgarien, sondern auch in Italien, Spanien und Frankreich großen Einfluss.
„Nach dem zu erwartenden Vorschlag werden ätherische Öle nicht mehr wie bisher als ‚Stoffe‘, sondern als ‚Gemische‘ eingestuft“, erklärte die bulgarische Europaabgeordnete Atidsche Aliewa-Weli Anfang der Woche vor Journalisten.
Sie sieht darin nicht nur eine Gefahr für Bulgariens symbolträchtiges Rosenöl, sondern auch für Lavendel und andere Produkte, die industriell wichtiger sind.
Aliewa-Weli erklärte, mit den Gesetzesänderungen könnten solche Öle als „gefährlich“ eingestuft werden, da sie angeblich einige Inhaltsstoffe enthalten, die unter bestimmten Bedingungen der menschlichen Gesundheit schaden könnten.
Ätherische Öle werden in der Gesetzgebung zwar nur indirekt erwähnt; sie enthalten jedoch mindestens 600 Moleküle, und wenn auch nur eines davon im Verdacht steht, die Gesundheit zu schädigen, fallen sie als „in Verkehr gebrachte Fertigprodukte“, aber auch als Teil der Zusammensetzung von kosmetischen Mitteln unter die neue Verordnung.
So steht beispielsweise Benzylsalicylat im Verdacht, Allergien auszulösen, während Geraniol (in Geranienöl) und Thymol (in Thymianöl) potenziell endokrine, reproduktive oder andere Probleme verursachen können, auch wenn dies wissenschaftlich noch nicht bestätigt wurde.
Der Vorschlag sieht weder ein Verbot ihrer Herstellung noch eine Änderung ihrer Zusammensetzung vor. Dennoch könnten die Verpackungen ätherischer Öle künfitg verpflichtende Warnpiktogramme über schädliche Inhaltsstoffe tragen.
Die Industrie, sowohl in Bulgarien als auch im Ausland, ist nach wie vor besorgt und steht den Reformplänen kritisch gegenüber.
„Ätherische Öle sollten als Stoffe und nicht als Verbindungen oder Mischungen betrachtet werden, wie es die Europäische Kommission vorschlägt“, sagte Gergana Andreewa, Geschäftsführerin des bulgarischen Verbands für ätherische Öle, Parfümerie und Kosmetik.
Ihr zufolge sollten bestimmte Moleküle, die krebserregende, reproduktive oder andere Nebenwirkungen haben könnten, in ihrer Zusammensetzung nicht gesondert betrachtet werden. Dementsprechend sollten für sie keine zusätzlichen Anforderungen wie Tests oder Kennzeichnung gelten, argumentiert sie.
Herausforderungen für Kleinbauern
Die direkten Auswirkungen der Einführung der neuen Maßnahmen wären vor allem administrativer Art und hängen mit der neuen Etikettierung und den damit verbundenen Kosten zusammen.
Lavendelsorten zum Beispiel haben unterschiedliche Molekularstrukturen, die eine unterschiedliche Kennzeichnung erfordern würden.
„Der Vorschlag erfordert große Investitionen für Landwirte und Unternehmen. Das bedeutet, dass Kleinerzeuger, wie die Mehrheit der Rosenzüchter, große Schwierigkeiten haben werden, damit umzugehen“, so die Abgeordnete Aliewa-Weli.
Während die potenziellen finanziellen Auswirkungen der neuen Etiketten noch zu bewerten sind, besteht die eigentliche Gefahr für die Hersteller darin, vom Kosmetik-, Kräuter- und Arzneimittelmarkt ausgeschlossen zu werden.
„Niemand wird ein Parfüm kaufen, auf dem steht: ‚Dieses Produkt ist gefährlich‘, oder eines, auf dem ein Totenkopf abgebildet ist“, kommentierte Alain Obanel, Präsident des französischen Ausschusses für ätherische Öle (CIHEF).
Die Unternehmen befürchten auch, dass Gesetzgeber voreingenommen sein könnten und dazu neigen, ein Naturprodukt aufgrund eines möglichen – aber nicht definierten – Risikos eines seiner zahlreichen Bestandteile falsch zu kennzeichnen.
„Wenn wir alles, was theoretisch für den Menschen gefährlich sein könnte, bis ins Kleinste spezifizieren wollen, ist das zwar möglich, aber nutzlos. Bei Bleichmitteln sind wir weniger anspruchsvoll“, sagt Xavier Lepldur, ein Hersteller von ätherischen Bio-Ölen aus Frankreich.
Vorbeugende Maßnahmen
Für den bulgarischen Europaabgeordneten Andrey Novakov ist es zu früh, Alarm zu schlagen. Er hält jedoch eine qualitative Folgenabschätzung für notwendig. Seiner Meinung nach könnte eine übermäßige Belastung der Erzeuger durch Vorschriften dazu führen, dass sie gegenüber Importen aus Asien nicht mehr wettbewerbsfähig sind.
Die Europäische Kommission versichert unterdessen, dass noch nichts in Stein gemeißelt sei und dass in jedem Fall keine Verordnung vor 2025 in Kraft treten werde.
Die Hersteller von ätherischen Ölen haben jedoch beschlossen, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Eine Petition in Frankreich hat bereits mehr als 200.000 Unterschriften erhalten.
Unabhängig davon bereitet die Vereinigung der Bürgermeister der europäischen Städte für den 24. und 25. Mai ein Treffen in der bulgarischen Stadt Kasanlak vor, bei dem sie ihre Ablehnung der möglichen Änderungen deutlich zum Ausdruck bringen will.
„Wir müssen vor den wirtschaftlichen Auswirkungen des Verbots von ätherischen Ölen auf die Gesundheits-, Lebensmittel- und Parfümindustrie warnen. Es geht auch um die Kultur von ganz Europa“, sagt die Bürgermeisterin von Kasanlak, Galina Stojanowa.
Nachdem die Kommission ihren Verordnungsentwurf veröffentlicht hat, wird er an das Europäische Parlament und den EU-Ministerrat weitergeleitet, die die 27 EU-Mitgliedstaaten vertreten. Alle drei müssen einem gemeinsamen Text zustimmen, bevor er EU-Recht wird.
„Eines ist sicher – jedes Projekt, das in die Zeit vor und nach den Wahlen zum Europäischen Parlament fällt, ist gefährdet“, sagt Novakov. Er fügte hinzu, dass die bulgarischen Europaabgeordneten jede Maßnahme ablehnen würden, die den nationalen Interessen des Landes schade.
[Bearbeitet von Gerardo Fortuna und Frédéric Simon]