Daniel Gros: „Ich will dieses Foto sehen!“
Er glaube erst dann an die griechischen Versprechungen, wenn er ein Foto vom Runden Tisch mit Vertretern aller gesellschaftlichen Gruppen sehe, die einen Nationalen Pakt abschließen. Er sei da aber skeptisch, sagt Daniel Gros, Chef einer der erfolgreichsten Denkfabriken, bei einer Buchvorstellung in Berlin.
Er glaube erst dann an die griechischen Versprechungen, wenn er ein Foto vom Runden Tisch mit Vertretern aller gesellschaftlichen Gruppen sehe, die einen Nationalen Pakt abschließen. Er sei da aber skeptisch, sagt Daniel Gros, Chef einer der erfolgreichsten Denkfabriken, bei einer Buchvorstellung in Berlin.
„Ich will dieses Foto sehen! Ein Foto, wo Griechenlands Regierungschef, die Gewerkschaftschefs, die Arbeitgeber und die Oppositionschefs an einem Runden Tisch sitzen und sich die Hände schütteln, weil sie ein glaubwürdiges nationales Notprogramm beschlossen haben und alle an einem Strang ziehen. Aber das ist in Griechenland nicht der Fall.“
Zu diesem nationalen Notprogramm gehöre, dass die Löhne und Sozialausgaben deutlich gesenkt würden. Beide Maßnahmen seien in Griechenland momentan ebenso unbeliebt wie unvermeidbar.
Derzeit nicht wettbewerbsfähig
Ein "Nationaler Pakt für Wettbewerbsfähigkeit“ müsse ein Paket beinhalten, das die Lohnstückkosten um mindestens zehn Prozent reduziere. Derzeit sei das Land nicht wettbewerbsfähig, die Lohnstückkosten seien um 10 bis 20 Prozent stärker gestiegen als in Deutschland.
Wolle Griechenland in der Euro-Zone bleiben, sei eine "interne Abwertung", also die signifikante Kürzung der Nominallöhne, nicht zu umgehen.
Geordnete Insolvenz wäre am besten
Gros ist im Falle Griechenlands „nicht optimistisch, sondern skeptisch: Bei den offiziellen Stellen ist eine geordnete Insolvenz tabu. Aber das wäre die beste Lösung.“
Mit rund 140 Milliarden Euro könne Griechenland drei Jahre lang leben. „Für die Politik ist das genial: Problem drei Jahre verschoben heißt für Politiker: Problem gelöst. Aber was passiert in den drei Jahren? Was passiert danach?“ Danach werde es noch größere Probleme geben, der politische Krach sei vorprogrammiert.
Der Erfolg der Griechenland-Hilfe sei nicht garantiert. Deshalb müsse man sehr vorsichtig vorgehen.
"Griechen werden alles unterschreiben, aber…"
Griechenland habe am Wochenende ein tolles Programm vorgelegt, wo alles drin stehe, was die Märkte sehen wollen. Zweifellos werde Griechenland dem geforderten Sparprogramm zustimmen „und alles unterschreiben, was die EU und der IWF vorschreiben. Es fragt sich aber, ob die griechische Gesellschaft das akzeptiert“.
Das Problem sei jedoch, ob sich das Vertrauen der Finanzmärkte zurückgewinnen lasse, „dass die Griechen eben nicht nur unterschreiben, sondern in den nächsten drei Jahren auch all das tun, was sie jetzt versprechen. Und da muss man seine Zweifel haben."
Diese Zweifel bekräftigt auch Sonja Sagmeister, Daniels Gros‘ Koautorin des Buches „Nachkrisenzeit – Wie die erfolgreichste Denkfabrik Europas unsere Welt für die nächste Generation sieht“, das Freitag Nachmittag in der österreichischen Botschaft in Berlin vorgestellt wurde. Sagmeister war vor kurzem selbst in Athen und erlebte „die Ruhe vor dem Sturm“: Sie habe in der Bevölkerung „überhaupt kein Verständnis gesehen, dass da etwas schiefläuft und warum man persönlich sparen soll, dagegen waren sich alle sicher, dass die EU helfen wird“.
Gleiche Situation in Portugal
In Portugal herrsche die gleiche Situation wie in Griechenland. Großbritannien sei vielleicht schon morgen dran. „Man muss sich fragen: Welche Länder muss man retten (weil sie systemisch sind), und welche Länder kann man retten?“ Die systemischen Länder seien Spanien und Italien, die auf jeden Fall gerettet gehörten, die freilich wiederum zu groß seien, um gerettet zu werden. Griechenland und Portugal gehörten jedenfalls nicht zu den systemischen Staaten.
Würde Deutschland jetzt aber einfach Nein zur Griechenland-Hilfe sagen, würde dies nicht nur den deutschen Banken schaden, sondern auch der deutschen Exportwirtschaft.
Polen überholt Deutschland
Gewinner der Krise könne Polen sein. Polen habe schon enorm aufgeholt und sei massiv auf der Überholspur. In der jüngeren Generation sei die Qualität so gut wie gleichwertig, und in ein bis zwei Generationen werde die polnische Bevölkerung besser ausgebildet sein als die deutsche. In Polen werde es dann auch höhere Löhne geben, wogegen Deutschland absteigen werde.
Gros ist Erfinder der Idee vom Europäischen Währungsfonds (EWF), die von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) aufgegriffen wurde. Den Vorschlag hält Gros nach wie vor für brandaktuell.
Dass die Umsetzung des Griechenland-Hilfspakets so lange dauert, führt Gros darauf zurück, dass es die Gesellschaft in Griechenland nicht schafft, sich auf die Lage einzustellen und einzusehen, dass sie radikal sparen müsse. Aber auch Deutschland habe einen Fehler gemacht, sagt Gros: "Man hat gedacht, es reicht, mit der Hilfe zu winken, und dann wird sie gar nicht in Anspruch genommen. Jetzt, wo es doch dazu kommt, ist das Zögern etwas zu spät."
Ewald König
Zur Person:
Daniel Gros ist Direktor des renommierten Centre for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel, eines der sechs einflussreichsten Think Tanks der Welt. Er berät unter anderen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble sowie EZB-Chef Jean-Claude Trichet.