Das EU-Parlament in Brüssel als Notunterkunft
Ein Büro des EU-Parlaments in Brüssel ist zu einem temporären Zentrum für Frauen umgewandelt worden, die besonders von der COVID-19-Krise betroffen sind. Außerdem kochen die Parlamentskantinen Mahlzeiten für Wohltätigkeitsorganisationen; weitere Angestellte fahren medizinisches Personal durch die Stadt.
Ein Büro des Europäischen Parlaments in der Brüsseler Innenstadt ist zu einem temporären Zentrum für Frauen umgewandelt worden, die besonders von der COVID-19-Krise betroffen sind. Um die lokalen Behörden zu unterstützen, kochen die Parlamentskantinen außerdem Mahlzeiten für Wohltätigkeitsorganisationen; weitere Parlamentsangestellte fahren medizinisches Personal durch die Stadt.
Das Helmut-Kohl-Gebäude, benannt nach dem verstorbenen deutschen Altkanzler, befindet sich in der Nähe des Hauptsitzes des Parlaments im Brüsseler Europaviertel.
Am Freitag wurden dort etwa hundert Beamtenbüros in Einzelunterkünfte umgewandelt. Ziel ist es, die bestehenden Notunterkünfte in Brüssel zu entlasten, um das notwendige Social Distancing während der COVID-19-Pandemie zu gewährleisten und bedürftigen Frauen besonderen Schutz zu bieten.
„Wir haben festgestellt, dass während der Krise immer mehr Frauen auf der Straße leben und dass es immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt im Zusammenhang mit dem Lockdown gibt,“ erklärt Sébastien Roy, Generaldirektor der Organisation Samusocial, die das Zentrum leitet, gegenüber EURACTIV.com.
Die in den Parlamentsgebäuden untergebrachten Frauen waren aus unterschiedlichen Gründen bereits zuvor auf soziale Dienste angewiesen; einige von ihnen lebten auf der Straße. Nach Angaben des Samusocial-Chefs habe die Zahl der Bedürftigen in Folge des Lockdowns und seiner sozioökonomischen Auswirkungen in den vergangenen Wochen jedoch deutlich zugenommen.
Gegenwärtig sind rund 60 Frauen in dem Gebäude untergebracht. Vorerst werden nur Personen, die negativ auf COVID-19 getestet wurden, in das Zentrum aufgenommen. Die Einrichtungen sollen aber möglichst bald so angepasst werden, dass auch andere, die auf der Straße leben und noch nicht getestet wurden, aufgenommen werden und in Quarantäne untergebracht werden können.
Initiative
Die Aktion geht auf eine persönliche Initiative des EU-Parlamentspräsidenten David Sassoli zurück, der den lokalen Behörden in drei Städten mit offiziellem EU-Institutionensitz (Brüssel, Straßburg und Luxemburg) Räume angeboten hat.
Die Gespräche mit den Kommunen habe zu einer Reihe von Initiativen geführt. „Die größte Herausforderung bestand darin, die Hilfe rasch bereitzustellen, denn die Not ist gerade jetzt besonders groß,“ so eine Parlamentssprecherin gegenüber EURACTIV.
In Brüssel erledigen rund 95 Prozent der Parlamentsangestellten aktuell ihre Arbeit von zu Hause aus. Die Plenarsitzungen wurden reduziert, und die meisten Abgeordneten nehmen an Ausschusssitzungen und Debatten per Videokonferenz teil, so dass das Parlament praktisch leer steht.
Diverse Unterstützungsaktionen
Neben der Unterbringung hilfsbedürftiger Frauen bringt sich das Personal des EU-Parlaments in Brüssel auch anderweitig ein: Die Kantinen kochen aktuell Mahlzeiten für zahlreiche Tafeln und andere Hilfsorganisationen sowie für das Krankenhaus Saint Pierre. Auch die EU-Kantinen in Luxemburg und Straßburg stellen Mahlzeiten für Wohltätigkeitsorganisationen bereit.
Darüber hinaus bieten die Chauffeure der Institution Fahrdienste für medizinisches Personal an.
Die EU-Parlamentssprecherin unterstreicht, dass die Helfenden weiterhin ihren üblichen Lohn erhalten. Die Teilnahme an den Hilfsinitiativen sei freiwillig.
Wie geht es im September weiter?
Laut aktuellem Plan sollen die normalen Parlamentsaktivitäten ab September wieder aufgenommen werden.
Sébastien Roy von Samusocial erklärt mit Blick darauf, es sei nicht davon auszugehen, dass die Pandemie bis dahin vorüber ist. Die lokalen Behörden arbeiteten daher bereits daran, sicherzustellen, dass die aufgenommenen Frauen nicht wieder auf der Straße landen. Auch insgesamt müsse der sozialen Ausgrenzung aller Menschen entgegengewirkt werden. Er ist sich aber sicher: „Die Krise wird wahrscheinlich eine neue Art von Armut schaffen.“
In gewisser Weise biete die Pandemie für Organisationen wie seine, die mit bedürftigen Menschen arbeiten, aber auch neue Möglichkeiten und Chancen, „insbesondere im Hinblick Distanzhalten und Hygienemaßnahmen“. Dies könne zu einer Verbesserung der Qualität der Infrastrukturen und der von ihnen angebotenen Dienstleistungen führen, hofft Roy.
Er weiß aber auch: „Nach der Krise werden die Probleme nicht weniger.“
[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]