Der Schlüssel zu Europas Wohlstand?
Die digitale Wirtschaft gewinnt in Europa an Stärke, breitet sich über alle Wirtschaftszweige aus und durchdringt sämtliche Lebensbereiche – so ein Bericht der EU-Kommission über die digitale Wettbewerbsfähigkeit. In Deutschland sieht die Kommission Verbesserungsbedarf.
Die digitale Wirtschaft gewinnt in Europa an Stärke, breitet sich über alle Wirtschaftszweige aus und durchdringt sämtliche Lebensbereiche – so ein Bericht der EU-Kommission über die digitale Wettbewerbsfähigkeit. In Deutschland sieht die Kommission Verbesserungsbedarf.
Der Kommissions-Bericht befasst sich mit dem Stand der Verbreitung und Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in der EU. Im Laufe dieser Woche will die für die Digitale Agenda zuständige Kommissarin Neelie Kroes "spezifische Maßnahmen" zur Weiterentwicklung der europäischen Kommunikationsnetze sowie des digitalen Binnemarkts vorstellen.
Kroes erklärte: "Europas digitale Wirtschaft ist für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand unverzichtbar. Die IKT und das Hochgeschwindigkeitsinternet haben heute die gleiche revolutionäre Wirkung auf unser Leben wie die Entwicklung der Strom- und Verkehrsnetze vor mehr als einem Jahrhundert. Die Fortentwicklung des Internets muss jedoch unterstützt werden, damit alle Bürger von der digitalen Wirtschaft profitieren können."
Europa der weltweit größte Breitbandmarkt
Kroes zufolge hinkt die EU in Sachen Wertschöpfung im IKT-Sektor noch hinter den USA hinterher. Europa sei zwar der größte Breitbandmarkt weltweit, aber beim Übergang zu Breitbandnetzen der nächsten Generation liege man zurück. Die Strategie Europa 2020 setzt das Ziel, allen Europäern im Lauf der kommenden zehn Jahre einen Breitbandanschluss von mindestens 30 MBit/s zu bieten.
Regulatorischen Bedarf sieht die Kommission auch für den digitalen Binnenmarkt. Hier sei das Wachstum der kleinen und mittleren Unternehmen zu fördern. Die Konsumenten sollten "mehr Auswahlmöglichkeiten" erhalten.
Deutschland im oberen Mittelfeld
Deutschland gehöre jedoch nicht zu den IKT-Vorreitern in der EU, sondern bewege sich nur im oberen Mittelfeld, so der Bericht. Deutschland lag 2009 bei der regelmäßigen Internet-Nutzung (mindestens einmal pro Woche) in der EU auf Platz sieben, bei der täglichen Nutzung auf Platz acht, so das Länderdatenblatt der Kommission. 71 Prozent der Bevölkerung zählten 2009 zu den regelmäßigen Nutzern, 2006 waren es nur 59 Prozent.
Bei der Internet- und Breitbandversorgung liegt Deutschland in allen untersuchten Bereichen über dem EU-Durchschnitt. 79 Prozent der deutschen Haushalte haben eine Internetverbindung (EU: 65 Prozent), 65 Prozent sogar eine Breitbandverbindung (EU: 56 Prozent).
Insbesondere in den Bereichen eBusiness und eGovernment sieht die Kommission allerdings Verbesserungbedarf. Die Online-Verfügbarkeit von öffentlichen Diensten für Bürger liegt mit 64 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Während die Nutzung von Online-Rechnungsstellungen und der Online-Austausch von Geschäftsunterlagen zwischen Anbietern und Kunden weitverbreitet sind, werde wenig Gebrauch von IKT-Anwendungen zur Integration von Geschäftsprozessen gemacht.
Auch Arnold Picot von der LMU-München sieht die digitale Infrastruktur in Europa sehr unterschiedlich entwickelt, wie er im Interview mit EURACTIV.de erklärte. Länder wie die Niederlande, Dänemark, Finnland oder Schweden seien seit Jahren an der Weltspitze im Bereich der Breitbandversorgung und koppelten sich immer mehr ab. Die größten Sorgen bereiten ihm die Versorgung dünnbesiedelter Gebiete in Europa: "Hier wird viel zu wenig investiert, auch von der öffentlichen Hand. Wir müssen aufpassen, dass sich die regionale Spaltung Europas nicht weiter verstärkt."
Daniel Tost
Links / Dokumente
EU-Kommission: Europe’s Digital Competitiveness Report (17. Mai 2010)
EU-Kommission: Europe’s Digital Competitiveness Report – ICT Country Profiles (17. Mai 2010)
EU-Kommission: "Europa 2020. Eine Strategie für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum" (3. März 2010)
EURACTIV.de: Europas Verteidigung gegen Internetkriminalität (30. September 2010)
EURACTIV.de: Gallo-Bericht: Weckruf oder Dolchstoß? (23. September 2010)
EURACTIV.de: Angriff auf private Internetnutzer? (6. Juli 2010)
EURACTIV.de: Wie offen bleibt das Internet? (30. Juni 2010)
EURACTIV.de: Interview mit Neelie Kroes – "Es geht nicht nur um Microsoft oder Apple" (25. Juni 2010)