Deutschland stärkt Agrar-Zusammenarbeit mit Ukraine in unsicheren Zeiten
Das Bundesagrarministerium will auch angesichts der Spannungen mit Russland die Beziehungen zum Lebensmittelsektor der Ukraine weiter stärken, aus der die EU erhebliche Mengen Agrarrohstoffe importiert.
Das Bundesagrarministerium will auch angesichts der Spannungen mit Russland die Beziehungen zum Lebensmittelsektor der Ukraine weiter stärken, aus der die EU erhebliche Mengen Agrarrohstoffe importiert.
“Die guten Beziehungen im Landwirtschafts- und Ernährungssektor möchten wir gemeinsam auch in diesen schwierigen und unsicheren Zeiten fortsetzen und weiter ausbauen”, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium Ophelia Nick am Dienstag (15. Januar) bei einer Veranstaltung des Deutsch-Ukrainischen Agrarpolitischen Dialogs.
Nick kündigte auch an, dass Agrarminister Cem Özdemir im Laufe dieses Jahres auf Einladung seines Amtskollegen Roman Leshchenko in die Ukraine reisen will.
Der Aufmarsch von rund 150.000 russischen Soldaten an der ukrainischen Grenze hat in den letzten Wochen zu verstärkten geopolitischen Spannungen in der Region geführt. Eine Invasion der Ukraine durch Russland sei laut US-Geheimdienstquellen „jederzeit möglich.“
“Wir setzen darauf, dass die Aufrechterhaltung und Kontinuität unserer Arbeit deutlich zu einem friedlichen und zivilen Entwicklung beiträgt”, fügte die Staatssekretärin hinzu.
Die Ukraine sei für Deutschland ein “Schwerpunktland unserer bilateralen Zusammenarbeit”, erklärte auch eine Sprecherin des Agrarministeriums auf Anfrage von EURACTIV Deutschland.
Seit 2013 fördert das Ministerium das Projekt Deutsch-Ukrainischer Agrarpolitischer Dialog, mit dem die Ukraine bei Reformen ihres Agrarsektors hin zu besserer Qualität und Sicherheit der Agrarerzeugnisse sowie mehr Nachhaltigkeit unterstützt werden soll.
EU “in hohem Maße” abhängig
Die Lebensmittelproduktion in der Ukraine ist für die EU von strategischer Bedeutung. Traditionell als Kornkammer Europas bezeichnet, verfügt die Ukraine über ein Viertel der weltweiten Bestände der besonders fruchtbaren Schwarzerde und ist mit zuletzt etwa 18 Millionen Tonnen jährlich weltweit der fünftgrößte Exporteur von Weizen.
Laut Daten der europäischen Zollüberwachung macht ukrainischer Weizen 18,5 Prozent der Weizenimporte in die EU aus. Aber auch Russland ist mit 22 Prozent der Weizenimporte einer der wichtigsten Partner der EU.
Eine Eskalation des Konfliktes könnte hierbei nicht nur die Lieferketten aus der Schwarzmeerregion unterbrechen, sondern aufgrund möglicher Sanktionen auch die Lieferungen aus Russland beeinträchtigen. Bei der Frage, inwieweit ein solches Szenario zu einer Lebensmittelverknappung in der EU führen könnte, scheiden sich allerdings die Geister.
Gemeinsam mit der EU beobachte man “aufmerksam die Entwicklung in der Region und ihre möglichen Auswirkungen auf die Agrarmärkte”, sagte die Ministeriumssprecherin. Was die Marktsituation in Deutschland angeht, zeigte sie sich jedoch optimistisch.
“Die Ukraine und Russland sind Wettbewerber Deutschlands und der EU auf dem internationalen Weizenmarkt”, erklärte sie. Bei Raps beschränkten sich Deutschlands Importe auf Mengen, “die aus aktueller Sicht durchaus aus anderen Quellen am internationalen Markt bezogen werden könnten.”
Das Ministerium erwarte daher keine direkten Auswirkungen auf die Versorgung der Getreide- und Ölsaatenmärkte in Deutschland, so die Sprecherin.
Aufseiten der EU sieht man dagegen die Situation zum Teil ernster.
So betonte ein Kommissionsbeamter kürzlich bei der Präsentation einer neuen EU-Strategie zur Ernährungssicherheit, dass die EU auch für wesentliche landwirtschaftliche Betriebsmittel wie Düngemittel “extrem abhängig” von Russland sei.
Strategie für die Ernährungssicherheit
“Insbesondere bei gasbasierten Düngemitteln sind wir anfällig für geopolitische Risiken, da wir natürlich eine große Menge des hierfür benötigten Gases importieren müssen”, erklärte er.
Auch Phosphate, die für Düngemittel benötigt werden, beziehe die EU in hohem Maße von Russland, so der Beamte. “Hier haben wir also eine entscheidende Schwachstelle in unserem System”, fügte er hinzu.
Auf eben solche Risiken wolle die EU-Kommission laut dem Beamten mit ihrer Strategie zur Lebensmittelsicherheit reagieren.
Die Strategie sieht unter anderem die Einrichtung einer ständigen EU-Expertenkommission vor, die frühzeitig auf Risiken für die Ernährungssicherheit hinweisen und die Reaktion auf Krisen koordinieren soll.
Die Kommission wolle dem “sehr aktuellen” Thema auch weiterhin hohe Priorität geben, schloss der Beamte.
Auf nationaler Ebene hält Deutschland einen festen Bestand an staatlichen Nahrungsreserven, um im Krisenfall auf Mängel in der Versorgung reagieren zu können. Die Vorräte schließen sowohl eine zivile Notfallreserve ein, die aus Reis, Hülsenfrüchten und Kondensmilch besteht, als auch die sogenannte Bundesreserve Getreide, in der Brotgetreide und Hafer gelagert werden.