Die EU und ihr strategisches Momentum

Die 28 Preisträger aus einem gesamteuropäischen Journalistenwettbewerb weilten auf Einladung der EU-Kommission (GD Erweiterung) in Berlin. The European Young Journalist Award war Anlass für ein Treffen mit namhaften Experten, unter ihnen der Münchner Politologe Werner Weidenfeld mit seinem dringenden Plädoyer für das „strategische Momentum“.

Das Logo, das die jungen europäischen Journalisten zusammenführte
Das Logo, das die jungen europäischen Journalisten zusammenführte

Die 28 Preisträger aus einem gesamteuropäischen Journalistenwettbewerb weilten auf Einladung der EU-Kommission (GD Erweiterung) in Berlin. The European Young Journalist Award war Anlass für ein Treffen mit namhaften Experten, unter ihnen der Münchner Politologe Werner Weidenfeld mit seinem dringenden Plädoyer für das „strategische Momentum“.

Mehr als 600 journalistische Arbeiten über die EU-Erweiterung wurden eingereicht, 28 junge Autoren aus den EU-Staaten sowie den jetzigen und künftigen potenziellen Beitrittskandidaten zählen zu den Gewinnern, die für fünf Tage nach Berlin eingeladen wurden. Diesen Dienstag (1. September) nahmen sie an einer Konferenz über Facetten der EU-Erweiterung teil. Mit ihnen diskutierten Matthias Petschke, Repräsentant der EU-Kommission in Deutschland, Gisela Gauggel-Robinson, Chefin des Kommunikationsreferats der Generaldirektion Erweiterung (DG Enlargement) der EU-Kommission, Werner Weidenfeld, Politologe der Universität München, Dusan Reljic, Balkanexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), sowie einige in Berlin akkreditierte Diplomaten und Auslandskorrespondenten.

Die European Young Journalist Award wird von der Generaldirektion Erweiterung der EU-Kommission in Kooperation mit der European Youth Press, dem Café Babel und Media Consulta organisiert. Es ist einer der größten paneuropäischen Wettbewerbe dieser Art.

Nicht nur geographische Grenzen

Werner Weidenfeld, erfahrener Politikberater so mancher großer Akteure der Zeitgeschichte, fragte als Hauptredner, wo eigentlich die Grenzen der EU-Erweiterung seien und gab gleich selbst die Antwort: Nicht die geographischen Grenzen seien das Kriterium, sondern die Sichtweise der betroffenen Völker, ob sie sich als Europäer empfinden. Weidenfeld plädierte für ein neues strategisches Momentum für Europa, für einen neuen Kraftimpuls. Unter Jacques Delors sei der Impuls der gemeinsame Binnenmarkt gewesen, der Europa in den achtziger Jahren aus der Eurosklerose herausgeführt habe. Heute fehle die strategische Klarheit eines Jacques Delors, von einem großen strategischen Momentum sei nichts zu spüren.

Krisen und Konflikte

Dabei gebe es genügend Themen: die Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise, die Sicherung der Energieversorgung, der Klimaschutz, terroristische Bedrohungen und internationale Konflikte.

Der Bedarf für ein strategisches Momentum sei heute sogar viel wichtiger als in den früheren Jahrzehnten. Europa brauche kraftvolle Führungspersönlichkeiten und benötige strategische Partnerschaften. Beide fehle.

Intransparenz als Hauptproblem

Das Hauptproblem der EU sei aber immer noch die Intransparenz. „Wenn mich jemand fragt, wie man am besten eine Kampagne gegen den Lissabon-Vertrag organisiert, müsste ich antworten: genau so, wie es jetzt getan wird.“ Sein Institut an der Universität München sei um einen Entwurf für eine EU-Verfassung gebeten worden. Das Ergebnis sei vierzig Seiten dick gewesen. Die fertige Verfassung habe dann 400 Seiten gehabt. Auch den Entwurf des Lissabon-Vertrags habe Weidenfelds Institut auf vierzig Seiten formuliert. Das spätere Ergebnis: 416 Seiten.

Verantwortung der Journalisten

Matthias Petschke, der Vertreter der EU-Kommission in Berlin, nutzte das aus jungen Publizisten aus ganz Europa stammende Publikum und betonte die Verantwortung der Journalisten für das Erklären der EU. Er wies darauf hin, dass das Übertragen von Kompetenzen an die supranationale Ebene elementarer Teil des Funktionierens der Gemeinschaft sei.

Es heißt, so Petschke, die Erweiterung der EU sei eines ihrer erfolgreichsten Kapitel. Die Erweiterung habe sich als Anker für Stabilität und Demokratie, als Vehikel für persönliche Freiheiten und wirtschaftliche Dynamik erwiesen. Sie habe das Gewicht Europas in der Welt vergrößert, als Handelspartner ebenso wie bei Verhandlungen zum Klimawandel und zur nachhaltigen Entwicklung. Die EU von heute sei nicht nur größer, sondern auch stärker, dynamischer und kulturell reicher geworden.

Jury in jedem Land

In jedem Land wählte eine Jury aus Journalisten und EU-Kommissions-Funktionären die Artikel nach bestimmten Kriterien aus. Wie relevant sind die Informationen? Wie originell wird das Thema behandelt? Wie ist der journalistische Stil? Wie wird die Aufmerksamkeit der Leser erreicht? Und wie viel Mühe steckt in der Einreichung?

Die Gewinnerin aus Deutschland ist Kathrin Breer, 25-jährige Kommunikationsstudentin und freie Mitarbeiterin bei „Zeit Online“, mit dem Artikel „Das Leben der Anderen“. Er handelt von Studenten aus ärmeren Ländern außerhalb der EU, die kaum eine Chance haben, in Deutschland ein normales Studentenleben zu führen. Wenn aber die Leistungen an der Uni nicht reichten, drohe die Ausweisung, geschildert am Beispiel einer 23-jährigen Studentin aus Bosnien-Herzegowina an der Uni Münster.

Die Siegerin aus Österreich, Ulla Ebner vom ORF, befasst sich im Beitrag „Zwischen Fremdenhass und Förderung“ mit Ungarns ungeliebter Roma-Minderheit und den Wendeverlierern in den „Zigeunersiedlungen“.

Die Liste aller Gewinner und ihrer ausgezeichneten Beiträge (in englischer Sprache) finden Sie hier.

ekö