Digitalisierung, aber fair
Die Arbeitswelt verändert sich aufgrund des digitalen Wandels dramatisch. Gleichzeitig sind die Sozialschutzsysteme oft nicht an die neuen Gegebenheiten des Arbeitsmarktes angepasst.
Die Arbeitswelt verändert sich aufgrund des digitalen Wandels dramatisch. Gleichzeitig sind die Sozialschutzsysteme oft nicht an die neuen Gegebenheiten des Arbeitsmarktes angepasst. Davor warnten auch Experten bei einer kürzlich von EURACTIV ausgerichteten Veranstaltung.
Laut einer jüngst von der Versicherungsgesellschaft Zürich in Auftrag gegebenen und von der Oxford University durchgeführten Umfrage halten zwar mehr als 50 Prozent der Arbeitnehmer die Auswirkungen neuer Technologien für weitgehend positiv, 30 Prozent befürchten jedoch auch, dass sie ihren Arbeitsplatz infolge des technologischen Wandels verlieren könnten.
„Das Thema Automatisierung ist wirklich im Bewusstsein der Menschen angekommen – wobei man einräumen muss, dass dies sehr stark von der makroökonomischen Situation des Landes abhängt,“ kommentierte Gordon Clark, Berater sowie emeritierter Professor der Universität Oxford, anlässlich der Präsentation der Studie auf der EURACTIV-Veranstaltung in Brüssel.
Die Veränderungen auf den Arbeitsmärkten erhöhen den Druck auf Arbeitnehmer, die sich vor allem zerstückelten Berufswegen gegenübersehen: Sie müssen ihre „Beschäftigungsfähigkeit“ oftmals durch Umschulungen und Zusatzqualifizierungen verbessern, um den neuen Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht werden zu können.
„Es besteht ein enormer Bedarf an Umschulungen,“ sagte auch Clark. Ein Großteil der Personen, die in der Umfrage angegeben hatten, dass sie befürchten, ihren Arbeitsplatz innerhalb der kommenden zwei Jahre zu verlieren, würden sich über den Zugang zu Umschulungsprogrammen freuen. „In diesem Sinne gibt es die Wahrnehmung, dass es sich hier um reale Probleme handelt. In vielerlei Hinsicht werden diese Forderungen und Bedürfnisse jedoch nicht erfüllt.“
Vor allem Frauen sind von derartigen Veränderungen der Arbeitswelt betroffen, da sie ohnehin oftmals in einem frühen Stadium ihrer Karriere aufgrund von Schwangerschaft und Mutterschaft den Arbeitsmarkt verlassen. Viele haben danach keinen Zugang zu passenden Umschulungsprogrammen.
Aus der Zeit gefallen
Diese Instabilität auf dem Arbeitsmarkt, die Notwendigkeit ständiger Weiterbildung und das Fehlen eines an einen solchen flexiblen Arbeitsmarkt angepassten Sozialschutzsystems führen zu viel Angst bei den Arbeitnehmern.
Auch Bettina Kromen, stellvertretende Referatsleiterin für die Modernisierung der Sozialschutzsysteme bei der Europäischen Kommission, betonte die zunehmende Vielfalt des Arbeitsmarktes und von „nichtlinearen“ Karrieren.
Die Sozialschutzsysteme seien ursprünglich für Menschen in „Normalarbeitsverhältnissen“ konzipiert und bisher nicht an die neue Realität des Arbeitsmarktes angepasst worden, so Kromen.
Daher müssten Menschen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen – wobei diese „atypische“ Arbeit inzwischen 39 Prozent der Verträge in Europa ausmachen – und mit nichtlinearen Karrieren „mit erheblichen Lücken in ihrem Sozialschutz rechnen“, warnte die Kommissionsbeamtin.
„Ich denke, es macht einen Unterschied, ob ein Sozialversicherungssystem genauso flexibel ist wie die Arbeit und die Arbeitnehmer,“ betonte auch Gordon Clark. Er fügte hinzu, für Arbeitnehmer müssten Sozialleistungen in jeder Art von Arbeit sichergestellt werden, sei es ein „typischer“ oder „atypischer“ Job: „Es macht einen großen Unterschied, den Menschen zu helfen, über ihre Zukunftsperspektiven nachzudenken, wenn sie auch das Gefühl haben, dass das System ihnen nachkommt – anstatt dass sie sich an das System anpassen müssen.“
Die Kommissionsbeamtin Kromen argumentierte: „Wenn sich die Menschen gut gerüstet und gut vorbereitet fühlen, um die mit dem Arbeitsmarkt verbundenen Risiken einzugehen, dann sind sie auch mobil. Sie sind eher bereit, zwischen verschiedenen Jobs zu wechseln oder Chancen als Selbstständige zu nutzen.“
Sie betonte: „Wir müssen unsere Arbeitsmärkte und unsere Gesellschaften widerstandsfähiger gegen Schocks auf makroökonomischer Ebene machen. Der Sozialschutz spielt dabei eine wichtige Rolle.“
Paradigmenwechsel
Die Studie der Universität Oxford zeigt, dass die meisten Arbeitnehmer derzeit nicht gewillt sind, ihren Arbeitsplatz freiwillig zu verlassen und auch keine Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Je nach Altersgruppe und Ländern variiert jedoch die Wahrnehmung des Risikos, den Arbeitsplatz zu verlieren, oder die Bereitschaft, den Job zu wechseln.
Dabei spielt vor allem der makroökonomische Kontext eine wichtige Rolle: Die Bereitstellung von Aus- und Weiterbildungen sowie Qualifikationen, Reformen des Sozialversicherungssystems und die Verbesserung der makroökonomischen Situation des Landes müssten demnach Hand in Hand gehen: „In einer Vollbeschäftigungswirtschaft würden die Menschen einen atypischen Vertrag abschließen, um sich auf dem überfüllten Arbeitsmarkt attraktiv zu machen, während sie in einigen Ländern, in denen die Makroökonomie eher gegen sie ist, in atypische Beschäftigungsverhältnisse gehen würden, weil es schlichtweg keine andere Wahl gibt,“ erklärt Gordon Clark.
Eine weitere Feststellung: Wenn Menschen gut ausgebildet sind und keine materielle Not leiden, haben sie auch keine oder nur wenig Angst vor Veränderungen. Es ist somit vor allem die wirtschaftlich schwächste Schicht der Gesellschaft, die in der Regel mit einer unbeständigen Arbeitswelt zu kämpfen hat.
„Sie können Menschen ermutigen, sich zu flexibilisieren, wenn die Menschen sich sicher fühlen,“ sagte auch Franca Salis-Madinier, Gewerkschafterin und Vizepräsidentin der Binnenmarktbeobachtungsstelle im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss.
„Sozial-, Demografie-, Klima- und Technologiepolitik…. alle großen Herausforderungen, vor denen Europa steht, sind miteinander verbunden und können nicht separat angegangen werden. Wir können beispielsweise den Klimawandel nicht angehen, ohne die Armut zu bekämpfen,“ argumentierte Salis-Madinier.
Das Gleiche gelte für die Digitalwende. „Der technologische Fortschritt ist kein Selbstzweck und sollte allen zugute kommen,“ betonte die Gewerkschafterin. „Beim digitalen Wandel sollte es keine Verlierer geben.“
Die sogenannte soziale Säule der EU, die die Juncker-Kommission 2017 ins Leben gerufen hatte und die die designierte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen weiter stärken will, sollte die Grundlage dafür sein, forderte Salis-Madinier.
Nur so könne man ein EU-weit anwendbares, nachhaltiges Modell für die moderne Arbeitswelt entwickeln.
[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]