Ethik in Zeiten von Freunderlwirtschaft

In Österreich beschäftigen viele Korruptionsskandale die Politik und die Öffentlichkeit. Der Ethik-Wissenschaftler Peter Kampits konstatiert: "Die ökonomischen Faktoren sind uns über den Kopf gewachsen" – und plädiert für christliche Werte.

Karl-Heinz Grasser, Österreichs ehemaliger Finanzminister und Förderer von Freunderln. Foto: dpa
Karl-Heinz Grasser, Österreichs ehemaliger Finanzminister und Förderer von Freunderln. Foto: dpa

In Österreich beschäftigen viele Korruptionsskandale die Politik und die Öffentlichkeit. Der Ethik-Wissenschaftler Peter Kampits konstatiert: „Die ökonomischen Faktoren sind uns über den Kopf gewachsen“ – und plädiert für christliche Werte.

In Deutschland musste Bundespräsident Christian Wulff zurücktreten, nachdem ihm mehrere Verdachtsfälle auf Vorteilsannahme aus seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident zur Last gelegt wurden. In Österreich legte mit Peter Hochegger ein Lobbyist offen, dass eine Reihe von Politikern und zwar aus allen politischen Lagern auf seiner "Payroll" gestanden sein sollen. Der ehemalige Rechnungshofpräsident Franz Fiedler hatte in einem ORF-Interview von einer "Verluderung" der Politik gesprochen. Was ist da in Österreich wirklich los?

Peter Kampits, Universitätsprofessor und Mitglied der Ethikkommission beim Bundeskanzleramt in Wien, sagt im Gespräch mit EURACTIV.de dazu: "Die ökonomischen Faktoren sind uns über den Kopf gewachsen."

Überbewertung der Ökonomisierung

Er sieht als eine der Ursachen für viele dieser Fälle, die im Dunstkreis von Bestechung, Korruption und Manipulation angesiedelt sind, die "Überbewertung der Ökonomisierung unserer Lebenswelt". Verfolge man die tägliche Berichterstattung über die Wirtschaft, so seien nur noch Umsatzzuwächse und steigende Gewinne ausschlaggebend. Um diese Ziele zu erreichen, werde keiner Versuchung widerstanden. Gier, Rücksichtslosigkeit und Vorteilsnahme kennzeichneten den Alltag, gelten als Erfolgsgeheimnis. Der Ruf nach Produktionssteigerung und Gewinnmaximierung decke berechtigte Fragen, wie etwa je nach einer Armutsbremse (gut 10 Prozent der Menschen in Österreich kämpfen mit Armut) völlig zu.   

Werteverluste durch Wertewandel

Verantwortlich für diese Situation sei ein "Wertewandel", der in den letzten Jahrzehnten Platz gegriffen habe. Kampits: "Nonkonformistische Werte wurden materialistischen Werten blind geopfert. Bedürfnisse nach Sicherheit, Kontinuität, Berechenbarkeit wurden lässig beiseite geschoben, als verzopfte Eigenschaften abgetan."

Dazu habe der Abbau Autorität beigetragen. Nicht nur gesellschaftliche Trends infolge der 68er-Bewegung trügen daran schuld, sondern auch angesehene Personen und Institutionen, die oft nicht rechtzeitig und nicht konsequent genug auf Krisen im eigenen Bereich reagiert hätten.

Ein Revival ist notwendig

Für Kampits, der sich seit vielen Jahren intensiv mit Fragen der Ethik in der Politik, in der Wirtschaft und Medizin beschäftigt, gipfelt die Antwort auf die Frage, welche Konsequenzen jetzt zu ziehen wären, in einem Satz: "Ein Revival ist notwendig." Die Chancen, damit auch etwas erreichen zu können, stünden durchaus gut. Denn eine Sehnsucht nach einer "neuen Ordnung" sei gerade bei jungen Menschen wieder erkennbar.

Kampits schlägt in die gleiche Kerbe wie das Allensbacher Institut, das im September 2011 der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel geraten hatte, "in der Politik wieder mehr auch auf christliche Werte zu setzen."

Auch für den österreichischen Wissenschaftler steht fest: "Wir befinden uns auf einem Weg, wo christliche Werte wieder gefragt sein könnten." Begriffe wie Solidarität, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit müssten auch im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben und im Umgang miteinander wieder zum Tragen kommen.

Korruption und Stillstand der Politik bewegen die Menschen

Die Skandale der letzten Jahre, die Korrumpierbarkeit der Mächtigen haben das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik schwer erschüttert. Das zeigte auch eine im Herbst 2011 durchgeführte Ecoquest-Umfrage. Auf die Frage, welche Probleme die Menschen in Österreich am meisten bewegten, stand an erster Stelle die Staatsschuldenproblematik (inkl. des Griechenland-Desasters).

Bereits auf dem zweiten und dritten Platz rangierten "Skandale/Affären, Korruption und Freunderlwirtschaft allgemein, Telekom- und Buwog-Affäre, etc." sowie die "Kritik am Stillstand in der Politik, das Fehlen echter Reformen, das Unbehagen mit dem Parteiensystem". Das Image des Politikerberufs hat zweifellos seinen Tiefpunkt erreicht.

Neuentdeckung wertorientierter Erziehung

Zwei Maßnahmen sind für Kampits daher dringend notwendig:

Erstens: Klare rechtliche Rahmenrichtlinien, die konsequent eingehalten und scharf kontrolliert werden, die für eine gerechte Ordnung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sorgen sowie strenge Sanktionen im Missbrauchsfall nach sich ziehen.

Zweitens: Eine Neuentdeckung so "konservativer" Methoden wie einer wertorientierten Erziehung, die ein humanistisches Weltbild vermittelt. Hier komme auch den Medien hohe Verantwortung zu.

Herbert Vytiska (Wien)