EU-Länder setzen auf schwimmende LNG-Terminals
Der Krieg in der Ukraine hat die Nachfrage nach Flüssigerdgas (LNG) als Ersatz für die russischen Pipeline-Lieferungen in den Mittelpunkt gerückt.
Der Krieg in der Ukraine hat die Nachfrage nach Flüssigerdgas (LNG) als Ersatz für die russischen Pipeline-Lieferungen in den Mittelpunkt gerückt. Deutschland, Frankreich und Italien planen die Anmietung oder den Erwerb spezieller schwimmender Terminals, um die Importkapazität zu erhöhen.
Russisches Öl und Kohle zu ersetzen ist zwar machbar, aber bei Gas ist es schon komplizierter. Die Lieferungen hängen nämlich von der bereits vorhandenen Pipeline-Infrastruktur ab, die mit Russland verbunden ist.
Doch der Krieg in der Ukraine zwingt die Regierungen der EU dazu, die Suche nach Alternativen zu beschleunigen.
„Bei Gas ist zu vermelden, dass der Bau an den Alternativen sehr gut und schnell vorankommt“, erklärte der Vizekanzler Robert Habeck am Freitag (25. März), als er Journalisten über die Fortschritte bei der Versorgungssicherheit des Landes informierte.
Dabei setzt man in Berlin vor allem auf Flüssiggas (LNG) von weit entfernten Häfen.
Um Gas über große Entfernungen transportieren zu können, muss es auf -160° Celsius heruntergekühlt und in flüssige Form komprimiert werden, wodurch sich sein Volumen um 1/600 verringert. Dieser Prozess erfordert Terminals für die Verflüssigung und Wiederverdampfung von Gas, deren Bau normalerweise etwa fünf Jahre dauert.
In den vergangenen Wochen hat Habeck potenzielle LNG-Lieferanten wie Kanada, die USA, Norwegen und Katar besucht, um die 46 Milliarden Kubikmeter russischen Gases zu ersetzen, die die Bundesrepublik letztes Jahr verbraucht hat.
Doch selbst wenn diese Länder in der Lage wären, ihre Produktion zu steigern, fehlt es Europa an Importkapazitäten. In Deutschland soll das erste LNG-Terminal 2026 in Betrieb gehen, was Berlin dazu veranlasst hat, sich anderweitig umzusehen.
Die Bundesregierung hat die Energieversorger RWE und Uniper angewiesen, drei so genannte Schwimmende Speicher- und Regasifizierungseinheiten (Floating Storage and Regasification Units, FSRU) von dem griechischen Unternehmen Dynagas und der norwegischen Tochtergesellschaft von Hoegh anzumieten.
„Die Nachricht, die ich jetzt öffentlich machen kann, ist, dass wir den Rahmen geschaffen haben, dass Unternehmen sogenannte FSRUs – das sind Spezialschiffe die LNG anlanden können und regasifizieren können, also das flüssige Gas dann sogar zu flüssigen Energieträger oder zu Gas umwandeln können – absolviert haben“, sagte Habeck.
Dynagas reagierte nicht auf eine Anfrage, wie weit die Gespräche mit RWE über die beiden schwimmenden Terminals fortgeschritten sind.
FSRUs sind häufig gebrauchte Supertanker, die für die Regasifizierung großer LNG-Mengen umgerüstet wurden. Während für Terminals an Land strenge Bauvorschriften gelten, ist für schwimmende Terminals lediglich ein Tiefwasserhafen erforderlich, in dem sehr große Schiffe anlegen können.
Das erste schwimmende LNG-Terminal in Deutschland soll noch in diesem Jahr in Betrieb genommen werden, die restlichen Terminals sollen bis Mitte 2024 folgen.
Im kommenden Winter kann Deutschland dann 7,5 Milliarden Kubikmeter LNG aufnehmen und bis zum Sommer 2024 auf 27 Milliarden Kubikmeter erhöhen, wenn diese umgerüsteten Tanker in deutschen Häfen anlegen und über Leitungen mit dem Festland verbunden werden.
Wettlauf um FSRUs
Angesichts des zunehmenden Drucks, von russischem Gas unabhängig zu werden, haben neben Deutschland auch andere europäische Länder ihr Interesse an schwimmenden LNG-Terminals bekundet.
Italien, das in ähnlicher Weise von russischen Importen abhängig ist, hat sich ebenfalls für zwei FSRUs interessiert.
„Heute haben wir Snam (Gaskonzern) offiziell beauftragt, über den Erwerb eines FSRU und das Leasing eines zweiten zu verhandeln“, sagte der italienische Energiewendeminister Roberto Cingolani bei einer Anhörung im Parlament, wie Reuters berichtete.
Auch die französische Regierung hat TotalEnergies und eine Tochtergesellschaft von Engie mit der Installation eines schwimmenden Terminals im Hafen von Le Havre beauftragt, berichtet Les Echos.
Griechenland bildet eine Ausnahme. Bereits vor dem Ukraine-Krieg begann das Unternehmen Hellas Motor Oil mit dem Bau des FSRU-Terminals Dioriga, das Ende 2023 fertiggestellt werden soll, um sowohl den griechischen als auch den südosteuropäischen Markt zu bedienen.
Insgesamt bedeutet dies einen zusätzlichen Bedarf an mindestens sechs schwimmenden LNG-Terminals in ganz Europa. Das Problem ist, dass es weltweit nur 33 davon gibt, weniger als die 36, die vor vier Jahren als betriebsbereit eingeschätzt wurden.
Außerhalb Europas sind schwimmende Terminals bereits gang und gäbe. Einem im April 2020 veröffentlichten Branchenbericht zufolge importieren 19 verschiedene Länder LNG über FSRUs.
Kosten
Schwimmende Terminals sind zu Beginn kostengünstiger als vergleichbare Onshore-Terminals. Analysten zufolge können die Kosten für ein neues FSRU „typischerweise nur 50-60 Prozent eines Onshore-Terminals betragen“.
Im Laufe der Zeit würde dies durch höhere Betriebskosten für jeden Kubikmeter Gas ausgeglichen werden. Schwimmende Terminals erfordern außerdem einen Tiefwasserhafen sowie eine Gasinfrastruktur auf dem Festland, um das Gas zu speichern und zu transportieren, so die International Gas Union.
Der große Vorteil besteht jedoch darin, dass diese Terminals flexibel sind und nach der Nutzung anderswo verkauft oder transportiert werden können.
[Bearbeitet von Frédéric Simon]