EU-Regierungen versuchen Grippeimpfstoff abzustoßen

Viele Bürger haben sich von der Impfkampagne ihrer Regierungen nicht anstecken lassen. Nun versuchen westeuropäische Regierungen, überschüssige Vorräte des H1N1-Impfstoffes zu verkaufen und Aufträge für zusätzliche Vorräte zu stornieren. Besonders teuer wurde europaweit die Fehleinschätzung, zwei Impfungen seien nötig.

Die EU-Länder haben sich mit Impfstoff gegen die Schweinegrippe eingedeckt. Westeuropäische Länder wollen ihre ungenutzten Vorräte nun schnell wieder los werden. In Osteuropa droht dagegen eine zweite Grippe-Welle. Foto: dpa
Die EU-Länder haben sich mit Impfstoff gegen die Schweinegrippe eingedeckt. Westeuropäische Länder wollen ihre ungenutzten Vorräte nun schnell wieder los werden. In Osteuropa droht dagegen eine zweite Grippe-Welle. Foto: dpa

Viele Bürger haben sich von der Impfkampagne ihrer Regierungen nicht anstecken lassen. Nun versuchen westeuropäische Regierungen, überschüssige Vorräte des H1N1-Impfstoffes zu verkaufen und Aufträge für zusätzliche Vorräte zu stornieren. Besonders teuer wurde europaweit die Fehleinschätzung, zwei Impfungen seien nötig.

Während Westeuropa versucht, überschüssige Bestände und Bestellungen des Schweinegrippe-Impfstoffes loszuwerden, warnt die Weltgesundheitsorganisation, dass die Übertragung der Grippe in Mittel- und Osteuropa immer noch ansteigt.

Frankreich will große Mengen von überschüssigem Impfstoff verkaufen, nachdem es Millionen mehr Einheiten als nötig bestellt hat. Deutschland hofft, bei einer großen Bestellung von Medikamenten während der frühen Phase der Pandemie zurückrudern zu können, während Spanien verlangt, dass die Pharmakonzerne die überschüssigen Impfstoffvorräte zurückkaufen.

Ein ähnliches Bild bieten die Niederlande und Großbritannien, wo die Nachfrage deutlich geringer als erwartet ausgefallen ist – teilweise wegen der relativ milden Auswirkungen des Virus, teilweise wegen öffentlicher Verunsicherung über Massenimpfungen.

Die Schweiz und Kanada haben ebenfalls zugegeben, dass sie über mehr Impfstoff als nötig verfügen.

Experten sagen, dass die grippale Hochsaison im Winter nicht zur befürchteten Infektionswelle geführt habe und dass die Resonanz auf nationale Impfprogramme gering gewesen sei.

Kritiker: Behörden haben überreagiert

Die Nachricht, dass die Gesundheitsminister die Nachfrage nach Impfstoff deutlich überschätzt haben, führte zu Anschuldigungen, die Regierungen hätten auf die Bedrohung durch den neuartigen Grippevirus überreagiert.

Das französische Gesundheitsministerium teilte mit, dass es ursprünglich 94 Millionen individueller Impfstoffeinheiten gegen den H1N1-Virus von Sanofi-Pasteur, GlaxoSmithKline (GSK), Novartis und Baxter International für insgesamt 870 Millionen Euro gekauft habe. Grundlage sei die Annahme gewesen, dass eine zweifache Impfung eines Großteils der Bevölkerung nötig sei. 

Jedoch stellte sich im Herbst heraus, dass eine einzige Impfung für eine Immunisierung ausreichend sein würde, wodurch Frankreich auf einen enormen Überschuss an Impfstoff sitzen blieb.

Bisher sind nach Aussagen von Gesundheitsbehörden etwa fünf Millionen Franzosen gegen H1N1 geimpft worden. Nach Daten, die am 29. Dezember veröffentlicht wurden, hat der Grippevirus in Frankreich geschätzten 198 Menschen das Leben gekostet. Ärzte weisen jedoch darauf hin, dass die Zahl der Neuinfizierungen in den vergangenen Wochen stark gefallen sei.

Frankreich hat bereits ungefähr 300.000 Impfungen an Katar verkauft, und weitere zwei Millionen könnten diesen Monat an Ägypten verkauft werden.

"Wir stehen mit anderen Ländern in Kontakt, darunter die Ukraine und Mexiko", sagte das Gesundheitsministerium in Paris gestern in einer Erklärung, ohne finanzielle Einzelheiten einer Einigung zu erwähnen.

Impfstoffüberschuss schafft Käufermarkt

Als der erste Satz Impfstoff im November in Deutschland eintraf, berichteten die Medien, dass Menschen wegen mangelnder Vorräte von den Kliniken abgewiesen wurden.

Diese Lage hatte sich jedoch bis Ende letzten Monats dramatisch geändert, als Deutschland ankündigte, dass es Millionen Einheiten des Impfstoffs verkaufen wolle, obwohl seine Gesamtbestellung von 50 Millionen Einheiten erst im März vollständig geliefert sein wird.

Afghanistan und mitteleuropäische Länder könnten an den Überschüssen interessiert sein – wenn denn der Preis stimmt.

Letzte Woche berichtete Bloomberg, dass Deutschland auf eine Stornierung von 50 Prozent der von GSK bestellten Schweinegrippe-Impfungen hoffe. Die Bestellung von 50 Millionen Einheiten habe auf der Erwartung basiert, dass zwei Impfungen pro Person notwendig sein würden, was sich als übertrieben herausgestellt habe, so Hartmut Schubert, Staatssekretär im deutschen Gesundheitsministerium. Deutschland wird diese Woche Verhandlungen mit den Lieferanten beginnen.

Spanien will ungenutzten Impfstoff wegen der geringen Nachfrage an die Hersteller zurückverkaufen. Die spanische Regierung erklärte, ihre Verträge mit GSK, Novartis und Sanofi-Pasteur beinhalteten Klauseln, die eine Rückgabe überschüssigen Impfstoffs ermögliche, wenn dieser nicht benötigt werde.

Die Niederlande haben ebenfalls angekündigt, 19 Millionen der bestellten 34 Millionen Einheiten zu verkaufen, da jetzt eine einzige Impfung als ausreichend erachtet werde. In Großbritannien sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums gegenüber der Presseagentur AFP am Sonntag (3. Januar), dass ein Verkauf des Impfstoffs ebenfalls in Erwägung gezogen werde.

Die Schweiz, deren Gesamtbevölkerung 7,7 Millionen beträgt, hatte 13 Millionen Einheiten des Impfstoffs von GlaxoSmithKline und Novartis bestellt, während Kanada derzeit darüber debattiert, ob es seine überschüssigen Vorräte verkaufen oder Millionen von Einheiten als Reserve behalten solle. Kanada erwartet, im April etwa 20 Millionen ungenutzter Impfungen zu haben, sollte die Nachfrage nicht deutlich ansteigen.

Virus breitet sich in Teilen Europas aus

Während die Zahl der neuen Grippefälle in einigen westeuropäischen Ländern offensichtlich ihren Höhepunkt überschritten hat, bekommen Nachbarstaaten in Mittel- und Osteuropa immer noch die schlimmsten Auswirkungen der Pandemie zu spüren.

In ihrem wöchentlichen Update zur Pandemie teilte die WHO mit, dass Griechenland, Polen, Bulgarien, Serbien, die Ukraine sowie die Ural-Region Russlands zu den aktivsten Ansteckungs- und Verbreitungsgebieten gehörten.

Dem Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zufolge sind bisher knapp über 1.700 tödliche Fälle des H1N1-Virus in den Ländern der EU und der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) gemeldet worden.

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMEA) sagte, dass die meisten Todesfälle zwar in Westeuropa seien, aber eine wachsende Anzahl von Todesfällen aus Mittel- und Osteuropa gemeldet werde.

"Wegen mangelhafter Laborüberprüfungen und einer hohen Dunkelziffer sowie weiterer Faktoren ist dies jedoch wahrscheinlich eine deutliche Unterschätzung der wahren Anzahl der Todesfälle als Ergebnis der Pandemie", sagte sie.

Mindestens 28 Millionen Menschen – darunter mindestens 218.000 Schwangere – sind bisher in Europa mit einer der drei zentral zugelassenen Impfstoffe geimpft worden. Die am meisten berichteten Nebenwirkungen sind laut EMEA nicht schwerwiegend.

EURACTIV mit reuters

Links / Dokumente / Download

Kommission: EU-Strategie zur Bekämpfung der Grippepandemie (H1N1) 2009 (15. September 2009)

EMA: Fourth pandemic pharmacovigilance weekly update (23. Dezember 2009)

European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC): Informationen zur Grippe-Pandemie in Europa (englisch)

WHO: Informationen zur Grippe-Pandemie in Europa (englisch)