EU sagt Wirtschaftsprüfern den Kampf an

Wie kann es sein, dass Wirtschaftsprüfer die Finanzkrise nicht kommen sahen und vor "toxischen Papieren" in Europas Bilanzen nicht warnten? EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier will neue Regeln für die Kontrolleure. Für KMU könnte der Prüfungsaufwand bald geringer ausfallen. Einige Vorschläge sind "sehr weit hergeholt", kritisiert die CDU. Auch die FDP ist nicht begeistert.

EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier nimmt Europas Wirtschaftsprüfer ins Visier: „Die Richtigkeit von Finanzabschlüssen ist für das Vertrauen der Märkte von ganz entscheidender Bedeutung.“ Foto: EC.
EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier nimmt Europas Wirtschaftsprüfer ins Visier: "Die Richtigkeit von Finanzabschlüssen ist für das Vertrauen der Märkte von ganz entscheidender Bedeutung." Foto: EC.

Wie kann es sein, dass Wirtschaftsprüfer die Finanzkrise nicht kommen sahen und vor „toxischen Papieren“ in Europas Bilanzen nicht warnten? EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier will neue Regeln für die Kontrolleure. Für KMU könnte der Prüfungsaufwand bald geringer ausfallen. Einige Vorschläge sind „sehr weit hergeholt“, kritisiert die CDU. Auch die FDP ist nicht begeistert.

EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hat neue Regeln für Wirtschaftsprüfer zur Debatte gestellt. Die Behörde leitete am Mittwoch eine öffentliche Konsultation über die gesetzliche Abschlussprüfung von Unternehmen ein. Die Prüfung soll von möglichen Interessenkonflikten befreit werden. Bislang bezahlen Unternehmen ihre Prüfer und können oftmals weitere Diensleistungen der Prüfungsgesellschaften beziehen. Diese Praxis schaffe eine "Verzerrung des Systems", heißt es im Grünbuch (S. 14). In der Finanzkrise wurde den Kontrolleuren massives Versagen vorgeworfen.

"Die Richtigkeit von Finanzabschlüssen ist für das Vertrauen der Märkte von ganz entscheidender Bedeutung", erklärte Michel Barnier (Video). "Alle Finanzmarktteilnehmer müssen sich darauf verlassen können, dass die darin enthaltenen Informationen tatsächlich über die finanzielle Solidität der Unternehmen Aufschluss geben." 

In Europa beherrscht ein Oligopol der Prüfungsunternehmen Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PricewaterhouseCoopers (PwC) den Markt. Die "big four" prüfen 90 Prozent der führenden Konzerne in der EU. Die Kommission will diskutieren, ob sich aus dieser Marktkonzentration Risiken ergeben und ob eine Beaufsichtigung der Prüfer auf EU-Ebene nützlich wäre. Barnier sagte: "Kein Thema sollte tabu sein."

Die Kommission prüft derzeit auch ein Szenario, in dem Abschlussprüfer der Unternehmen von einer öffentlichen Regulierungsbehörde bestellt werden, die auch auch die Vergütung bestimmt. "Ein solches Konzept kann vor allem für die Prüfung der Abschlüsse großer Unternehmen und/ oder systemrelevanter Finanzinstitute von Bedeutung sein", heißt es im Grünbuch (S.14). Die Erwägung löste in der Branche einen Sturm der Entrüstung aus. "Diese Idee einer Halbverstaatlichung geht in die falsche Richtung", kommentierte auch Alexandra Thein, rechtspolitische Sprecherin der FDP im EU-Parlament.

Nicht besonders erfreut dürften die großen Prüfungsgesellschaften auf ein mögliches Verbot von "Nichtprüfungsleistungen" reagieren, wie es die Kommission erwägt. "Dies könnte zur Schaffung von ‚reinen Prüfungsgesellschaften‘ führen", heißt es im Grünbuch (S. 15). "Die Prüfer sollten idealerweise kein Geschäftsinteresse an dem zu prüfenden Unternehmen haben", so die Begründung. Das Problem: Prüfer könnten zum Beispiel zu lasch kontrollieren, um im Gegenzug Beratungsaufträge eines Unternehmens an Land zu ziehen.

Müssen die Prüfer regelmäßig wechseln?

Eine weitere Möglichkeit, Abhängigkeiten der Prüfer zu vermeiden, wäre ein obligatorischer Prüferwechsel. Im Grünbuch heißt es: "Ein obligatorischer Wechsel kann nicht nur die Unabhängigkeit der Prüfer erhöhen,(…) sondern auch als Katalysator für mehr Dynamik und Kompetenz auf dem Audit-Markt wirken." Denkbar wäre ein obligatorischer Wechsel der Prüfungsgesellschaft nach einem bestimmten Zeitraum, heißt es von Seiten der Kommisison.

Kommentare zum Grünbuch nimmt die Kommission bis zum 8. Dezember entegegen. 2011 soll ein Richtlinienentwurf folgen.

Belange der KMU sollen im Blick bleiben

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sollen bei den neuen Regeln geschont werden. Prüfungen würden in KMU auch als Verwaltungslast angesehen, heißt bei der Kommission. "Deshalb sollten besondere Anstrengungen unternommen werden, um für die KMU ein ihnen angepasstes Umfeld zu schaffen." Die Behörde nennt unter anderem die Möglichkeit, KMU von der Pflicht zur Vorlage von Abschlüssen zu entbinden.

Außerdem bringt die Kommission eine "Gesetzliche Prüfung" für KMU ins Spiel, bei der die Abschlussprüfer Kontrollen nur im begrenzten Umfang vornehmen, um nach fehlerhaften Angaben zu suchen. Der Ansatz einer begrenzten Prüfung für kleine Unternehmen wurde bereits in Estland getestet und soll nun in Dänemark eingeführt werden. In den USA sind begrenzte Prüfungen bereits allgemein akzeptiert.

Positionen


CDU: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird

Klaus-Heiner Lehne (EVP, CDU): Rechtsausschussvorsitzender im EU-Parlament: "Das Grünbuch enthält viele diskussionswürdige Fragen. Rotation, europäische Aufsicht und ein EU-einheitliches Beratungsverbot zum Beispiel erscheinen mir auf den ersten Blick prinzipiell sinnvolle Überlegungen zu sein. (…) Dass allerdings eine Regulierungsbehörde den Prüfer bestellen und den Prüfungsauftrag erteilen soll, erscheint mir jetzt schon sehr weit hergeholt.

(…) Die Kommission hat sich umfassend mit dem Thema beschäftigt und sehr kreative Überlegungen angestellt. Die weiteren Diskussionen werden ergeben, welche Vorschläge in Zukunft sinnvoll sein werden und welche nicht. Aber auch hier gilt: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird."

FDP: Kommission schießt über Ziel hinaus

Alexandra Thein, rechtspolitische Sprecherin der FDP im EU-Parlament: "Im Kern scheint die Kommission die Abschlussprüfung zu einer behördlichen Inspektion umfunktionieren zu wollen. Das ist mit liberalen Vorstellungen von einem Leistungswettbewerb unter den Wirtschaftsprüfern nicht vereinbar."

Das Szenario, eine Regulierungsbehörde könnte den Unternehmen eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zuteilen, das Honorar für die Prüfung und die Mandatsdauer bestimmen, kommentierte Thein: "Diese Idee einer Halbverstaatlichung geht in die falsche Richtung." Dabei stehe auch zu befürchten, dass die Verdrängung mittelständischer Wirtschaftsprüfer zu Gunsten einer kleinen Gruppe von Mega-Prüfungskonzernen weiter vorangetrieben würde.

Richtig wäre es, sich auf die Verbesserung der gesetzlich vorgeschriebenen Inhalte einer Abschlussprüfung zu konzentrieren, so Thein. "Bei den Abschlussprüfungen besteht das größte Problem darin, dass von den Prüfberichten eine Bewertung des Risikomanagements von Unternehmen nicht hinreichend gefordert wird. Bei den Inhalten muss man ansetzen, wenn man Transparenz und öffentliche Kontrolle verbessern will."

Am Grünbuch sei aus Sicht der Finanzaufsicht die beabsichtigte strikte Trennung von Beratung und Prüfung zu begrüßen. Erfreulich sei auch das Ziel, Markthindernisse für Wirtschaftsprüfer auf europäischer Ebene zu beseitigen und den europäischen Binnenmarkt weiter voranzubringen.

awr

Links

EU-Kommission: Europäische Kommission will der Frage nachgehen, wie der europäische Markt für Abschlussprüfungen verbessert werden kann (13. Oktober 2010)

EU-Kommission: Konsultation im Bereich Abschlussprüfung (13.Oktober bis 8.Dezember 2010)

EU-Kommission: Grünbuch. Weiteres Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung: Lehren aus der Krise (13. Oktober 2010)