Expertengruppe empfiehlt EU-Standards für grüne Anleihen

Unter anderem schlagen die Finanzexperten klare Klassifizierungen und offizielle EU-Nachhaltigkeitsstandards für grüne Anleihen vor.

EURACTIV.com
cranes_construction_cities_development_CREDIT[Sean MacEntee_Flickr]
Wichtig wäre aus Sicht der Experten insbesondere die Schaffung eines offiziellen EU-Nachhaltigkeitsstandards für grüne Anleihen. [<a href="https://www.flickr.com/photos/smemon/14931786713/in/photolist-oKtiYv-snzHCL-j8a8cK-4z8bXL-dRg9nY-HVNoCn-4YfSkR-7MAQ7N-8J3khR-6H3Tm7-Su6q-xAoW-xAtV-eCFcAY-bq2ZMX-5FWBQw-2Zpmaq-5qteBP-5FSnWM-acwcTU-y997-bbrMFk-eYdWbS-8yFs5H-8yJxZN-sekzY-wLTQg-aPpRux-nvqkk9-f3GHSu-aPpPxX-8yFttD-pgWKA-8gSyLE-ajivMB-8yFuJk-9WPDUN-bWGA6E-bWGA3L-9fQ7c-xAoz-4zzWmx-UvZfM-8yJDA1-jQaRV-8yFwu6-infKq1-bfUv7-5ytECu-rjAXAn" target="_blank" rel="noopener">[Sean MacEntee/Flickr]</a>]

Europäische Nachhaltigkeitsklassifizierungen, Definition von Investitionsschwerpunkten, eine klare Darlegung der Pflichten von Investoren sowie die Schaffung eines offiziellen EU-Nachhaltigkeitsstandards für grüne Anleihen – das sind einige die Vorschläge, die Finanzexperten der EU-Kommission am gestrigen Mittwoch vorgelegt haben.

Die hochrangige Expertengruppe zu nachhaltiger Finanzierung, die ihren Bericht gestern vorstellte, hat das Ziel, „die EU-Wirtschaft nachhaltiger auszurichten,“ erklärte ein Kommissionsbeamter.

Vor dem Hintergrund des amerikanischen Rückzugs aus dem Pariser Klimaabkommen hat Europa sich dazu entschieden, voranzugehen und zu garantieren, dass mehr Finanzressourcen für „grüne“ Projekte bereitgestellt werden.

Nach Schätzungen der Ratingagentur Standard & Poor’s wird der Markt für grüne Anleihen dieses Jahr um mehr als 30 Prozent wachsen und einen Wert von 200 Milliarden US-Dollar erreichen. Bereits im vergangenen Jahr kamen die meisten grünen Anleiheemissionen (Wert: rund 60 Milliarden Dollar) aus Europa.

Doch dies ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die 20-köpfige Expertengruppe empfiehlt daher, der europäische Finanzsektor müsse Umweltkosten verstärkt integrieren und mehr Gelder für nachhaltige Finanzierungen bereitstellen.

Christian Thimann von AXA, der der Expertengruppe vorsitzt, erklärte: „Unser Wirtschaftsmodell funktioniert nicht so, wie es funktionieren sollte.“ Gegenüber Journalisten machte er deutlich: „Der Finanzsektor spielt eine wesentliche Rolle.“

In dem im Dezember 2015 unterzeichneten Klimaabkommen von Paris wurde zum ersten Mal diese „wesentliche Rolle“ unterstrichen, die der Finanzsektor bei der Bekämpfung des Klimawandels spielen kann.

Standards

Da die Nachfrage nach grünen Investitionsprodukten in Europa wächst, müsse die Kommission offizielle europäische Nachhaltigkeitsstandards und -zertifikate entwickeln, um sicherzustellen, dass die getätigten Investitionen tatsächlich zu den formulierten Umweltzielen beitragen, fordert die Expertengruppe.

Um ein entsprechendes Zertifikat oder Label für grüne Anleihen zu erhalten, dürften die bereitgestellten Gelder „ausschließlich“ zur Finanzierung oder Refinanzierung von grünen Projekten im Sinne einer neuen europäischen Nachhaltigkeits-Taxonomie verwendet werden. Darüber hinaus sollten Standards für grüne Anleihen geschaffen werden, die von einer „unabhängigen und anerkannten“ externen Prüfinstitution überwacht werden.

Die Schaffung einer solchen Taxonomie oder Klassifizierung müsse eine der ersten Prioritäten sein, um „Marktkonsistenz“ zu garantieren, so Thimann. Er erläuterte: „Wenn Europa im großen Stil Kapital für nachhaltige Entwicklung mobilisieren will, dann braucht es ein technisch robustes Klassifizierungssystem, mit dem auf dem Markt Klarheit darüber geschaffen wird, was „grün“ oder „nachhaltig“ ist. Dadurch wird die Markteffizienz erhöht; die Investitionen würden tatsächlich auf nachhaltige Projekte umgeleitet und „Greenwashing“ würde vermieden.“

Langfristigkeit

Aus Sicht der Experten müssten auch die Pflichten der Investoren klar benannt werden, erläuterte Thimann: Es sei Pflicht der Investoren, „nicht nur kurzfristige Gewinne, sondern auch langfristige Herausforderungen im Blick zu haben“. Die Spannungen zwischen der natürlichen Schnelllebigkeit der Finanzmärkte und der erwünschten „Langfristigkeit“ grüner Anlagen müssten angesprochen werden.

In dieser Hinsicht schlagen die Finanzexperten in ihrem Bericht vor, sich Maßstäbe auf den Renten- und Aktienfondsmärkten als Beispiel zu nehmen. Mit diesen wird die Performance von Märkten und Portfolios bewertet. Solche Indikatoren hätten einen „indirekten, aber wichtigen Einfluss“ auf die Kapitalströme, seien bisher aber „nicht zwangsläufig auf Nachhaltigkeitsziele ausgerichtet.“

Außerdem empfehlen die Experten, in diesen Maßstäben mehr Transparenz und eine eher langfristige Perspektive mit klaren Umweltzielen festzulegen.

Die EU-Kommission zeigte sich mit den Ergebnissen des Expertenberichts zufrieden. Sie überträfen sogar die Erwartungen, sagte ein Beamter. Im März will die Kommission einen Aktionsplan vorlegen, in dem zumindest ein Teil der Vorschläge aus dem Expertenbericht integriert werden soll.

Regulierung

Bereits im vergangenen September hatte die Kommission vorgeschlagen, den drei zuständigen europäischen Aufsichtsbehörden mehr Macht zu geben, damit sie privates Kapital vermehrt in Richtung grüne Investitionen lenken können.

Eine Idee ist dabei, dass die Europäische Wertpapieraufsichtsbehörde, die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung sowie die Europäische Bankenaufsichtsbehörde kontrollieren können, wie Finanzinstitutionen bestimmte Faktoren „identifizieren, mitteilen und angehen“, um damit die „finanzielle Tragfähigkeit und Stabilität“ zu stärken.

Der Vorschlag wird aktuell diskutiert. Kommissionsbeamte haben bereits darauf hingewiesen, dass für die Umsetzung die Mandate der Aufsichtsbehörden nicht verändert werden müssten. Die besagten Behörden hätten bereits „sehr positives Feedback“ zum Vorschlag gegeben.

Derweil hat das Europäische Parlament vorgeschlagen, den erforderlichen Kapitalpuffer für grüne Investitionen herabzusetzen. Befürworter argumentieren, das Einbeziehen von Klima-, Umwelt- und anderen langfristigen Faktoren „könnte einen sehr positiven Einfluss auf die Risikoanalysen“ haben.

Kommissions-Vizepräsident Valdis Dombrovskis, der für Finanzthemen zuständig ist, erklärte, die Kommission stehe dieser Idee „positiv-offen“ gegenüber. Sie müsse allerdings überprüfen, wie die Idee umgesetzt werden könnte, ohne die Finanzstabilität zu gefährden. Außerdem müsse ein EU-weit harmonisierter Ansatz gewählt werden.