Fachkräftemangel: Duale Berufsbildung unter Druck

Deutschlands duales Berufsausbildungssystem, das oft als Vorbild gepriesen wird, befindet sich in der Krise, so Arbeitgeber und Gewerkschaften. Gleichzeitig werden für die Energiewende immer mehr qualifizierte Arbeitskräfte benötigt.

EURACTIV Germany
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“Denn jedes Jahr bleiben etwa 20.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, weil Bewerberinnen und Bewerber fehlen”, hieß es weiter. [<a href="https://www.shutterstock.com/de/image-photo/heat-pump-installation-project-caucasian-heating-1283945713" target="_blank" rel="noopener">Virrage Images/Shutterstock</a>]

Deutschlands duales Berufsausbildungssystem, das oft als Vorbild gepriesen wird, befindet sich in der Krise, warnen die Verbände. Gleichzeitig werden für die Energiewende immer mehr qualifizierte Arbeitskräfte benötigt.

Während die deutsche Wirtschaft mit qualitativ hochwertige Produkten und Dienstleistungen mit hoher Wertschöpfung punktet, gilt das duale Berufsausbildungssystem als einer der Schlüssel zum Erfolg.

Allerdings sind sich sowohl Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmervertreter einig, dass sich das System in einer Krise befindet. Bei den Ursachen spalten sich allerdings die Geister.

„Wir gehen aufgrund von Rückmeldungen aus unseren Handwerkskammern und Fachverbänden davon aus, dass derzeit rund 250.000 qualifizierte Handwerkerinnen und Handwerker im Gesamthandwerk fehlen – Tendenz steigend”, erklärte der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) gegenüber EURACTIV.

Jedes Jahr bleiben etwa 20.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, weil Bewerberinnen und Bewerber fehlen“, hieß es weiter.

Dies, so der Zentralverband, ist neben der Überalterung der Arbeitskräfte auch auf eine falsche Ausrichtung des Bildungssystems zurückzuführen, das sich zunehmend auf die akademische Bildung konzentriert hat.

In der Bildungspolitik braucht es dringend eine Kehrtwende: Handwerklichen Berufen muss die Anerkennung und Wertschätzung entgegengebracht werden, die ihnen mit Blick auf ihre zentrale Rolle für die Zukunft unseres Landes gebührt. Dafür fordert das Handwerk eine Bildungswende, erklärte der ZDH.

Energiewende erfordert 60.000 zusätzliche Heizungsinstallateure

Gerne verweist der ZDH dabei auf den zunehmenden Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften, um die Energiewende umzusetzen, insbesondere im Bausektor und bei der Installation von sauberen Energietechnologien wie Wärmepumpen.

Allein im SHK-Handwerk werde wegen der Planungen zum Wärmepumpenausbau mit einem Bedarf von 60.000 zusätzlichen Monteuren bis 2030 gerechnet, so der ZDH. 

Man muss also kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass sich all die zusätzlichen Vorhaben besonders im Klima- und Umweltschutz mit dem jetzigen Stamm an Beschäftigten im Handwerk nicht werden stemmen lassen“, so der Verband.

Allerdings teilt nicht jeder die Meinung, dass das mangelnde Interesse junger Menschen an handwerklichen Berufen und der zunehmende Fokus auf eine akademische Ausbildung Schuld an dem Mangel sind.

„Noch nie haben so wenige Unternehmen ausgebildet wie jetzt“, sagte Kristof Becker, Jugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), am 11. Februar dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Das ist der Grund, warum immer mehr junge Menschen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz auf der Strecke bleiben“, sagte er.

„Die Gesellschaft vermittelt in einer sehr entscheidenden Lebensphase: Ihr werdet nicht gebraucht. Und das, obwohl sie in den Medien jeden Tag über den Fachkräftemangel lesen“, sagte Becker.

Ausbilden oder Bezahlen?

Ein aktuelles Kampagnenvideo der DGB-Jugend Berlin und anderer Jugendgruppen hat ebenfalls auf die Krise des dualen Ausbildungssystems hingewiesen.

Um das Problem anzugehen und die Finanzierung zu sichern, schlagen sie eine Abgabe für diejenigen Unternehmen vor, die keine Ausbildungsplätze anbieten.

„Die Forderung nach einer umlagefinanzierten Ausbildungsgarantie sieht vor, dass der Staat rechtlich einklagbar sagt, dass, wenn man wirklich eine Ausbildung machen will, diese auch gewährleistet wird“, sagte Niklas Schmucker von Azubis for Future, einer Initiative zur Verbesserung der Nachhaltigkeit der beruflichen Bildung, gegenüber EURACTIV.

„Notfalls, wenn sich kein Unternehmen findet, kann man in der Schule anfangen, mit dem Ziel, irgendwann einen Übergang in das duale Modell zu finden“, erklärte er.

Das Beispiel Berlins, sagte er, wo „nur noch 11 Prozent der Unternehmen überhaupt ausbilden, aber 100 Prozent aller Unternehmen auf ausgebildete Fachkräfte angewiesen sind“, zeige, „dass diejenigen, die sich nicht beteiligen, zumindest einen finanziellen Beitrag leisten müssen“.

Eine Ausweitung des Lehrstellenangebots könnte auch bessere Arbeitsbedingungen schaffen, und die Abgabe könnte dazu beitragen, eine bessere Bezahlung der Lehrlinge zu finanzieren, so Schmucker weiter.

Auch die Bundesregierung will eine „Ausbildungsgarantie“ einführen, allerdings ohne eine Abgabe zu deren Finanzierung, was nach Ansicht des DGB unzureichend ist.

„Die Bundesregierung vermasselt es, die Ausbildung in Deutschland zu stärken“, sagte Becker dem RND. „Was sie aktuell als ‚Ausbildungsgarantie‘ vorgelegt hat, ist vieles, aber eines bestimmt nicht: eine Garantie auf einen Ausbildungsplatz, wie wir sie in den Koalitionsvertrag gekämpft haben.“

Für den ZDH ist eine Abgabe für nicht ausbildende Betriebe jedoch nicht die bevorzugte Lösung.

„Eine Ausbildungsumlage birgt dagegen die Gefahr, das Ausbildungsengagement des Handwerks eher auszubremsen“, sagte ihr Sprecher. „Besonders für die vielen Kleinstbetriebe im Handwerk ist eine Ausbildung mit einem hohen persönlichen, finanziellen und zeitlichen Aufwand verbunden.“

„Dass die Anzahl an ausbildenden Betrieben trotz des hohen Ausbildungsengagements überhaupt sinkt, liegt vor allem daran, dass der Wettbewerb am Ausbildungsmarkt für diese Betriebe besonders herausfordernd ist“, so der Sprecher weiter.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]