Flexibilität im Stromsektor könnte Kosten für Verbraucher um 71 Milliarden Euro senken
Eine erstmals durchgeführte Studie zur Flexibilität auf der Nachfrageseite - der Fähigkeit der Haushalte, ihr Energieverbrauchsverhalten auf der Grundlage externer Signale zu ändern - zeigt, dass die Verbraucher in der EU jedes Jahr mehr als 71 Milliarden Euro bei ihren Stromkosten einsparen könnten.
Eine erstmals durchgeführte Studie zur Flexibilität auf der Nachfrageseite – der Fähigkeit der Haushalte, ihr Energieverbrauchsverhalten auf der Grundlage externer Signale zu ändern – zeigt, dass die Verbraucher in der EU jedes Jahr mehr als 71 Milliarden Euro bei ihren Stromkosten einsparen könnten, angenommen diese Technologie würde in vollem Umfang eingesetzt.
Die Studie des norwegischen Beratungsunternehmens DNV, die am Mittwoch (28. September) veröffentlicht wurde, ist die Erste, die die Vorteile der nachfrageseitigen Flexibilität für die europäischen Verbraucher und die Wirtschaft quantifiziert.
Die Studie erscheint vor dem Hintergrund steigender Strompreise in der EU, die durch den Krieg in der Ukraine und Russlands schwindende Gaslieferungen nach Europa fast um das Zehnfache gestiegen sind.
„Angesichts der aktuellen geopolitischen Ereignisse, die die Energiepreise in die Höhe schnellen lassen und das Risiko von Versorgungsunterbrechungen mit sich bringen, war es noch nie so wichtig, die Endverbraucher zu unterstützen“, heißt es in dem Bericht.
Die Flexibilität auf der Nachfrageseite umfasst eine breite Palette von Technologien – von Elektrofahrzeugen, die nachts aufladen, wenn der Strom am billigsten ist, bis hin zu digital vernetzten Geräten in Gebäuden, die aus der Ferne gesteuert werden können.
Einige dieser Technologien basieren auf intelligenten Zählern, die es den Verbrauchern ermöglichen, ihre Heizung aus der Ferne zu steuern oder Geräte so zu programmieren, dass sie sich ausschalten, wenn sie nicht benötigt werden.
Andere setzen auf künstliche Intelligenz, um Produktionsanlagen automatisch zu betreiben, wenn erneuerbare Energie billig und im Überfluss vorhanden ist.
„Wir glauben fest an dieses Thema“, sagte Christoph Mazur, leitender Manager bei Microsoft.
„Mit unseren Rechenzentren haben wir erkannt, dass wir als Energieverbraucher eine wichtige Rolle spielen“, erklärte er und sagte, dass die nachfrageseitigen Technologien Microsoft geholfen haben, seinen Strom bezahlbar zu halten.
Mit nachfrageseitiger Flexibilität können „Haushalte und Unternehmen Geld sparen, Geld verdienen und das Netz unterstützen, indem sie auch Energie an das Netz zurückverkaufen“, fügt Seydou Kane hinzu, Vizepräsident für öffentliche Angelegenheiten in Europa bei Eaton, einem US-irischen multinationalen Unternehmen, das sich mit Energiemanagementlösungen beschäftigt.
Übersehene Lösung
Die mangelnde Beachtung für Flexibilität bei der Nachfrage bedeutet jedoch, dass sie „bei politischen Entscheidungen häufig übersehen wird, was ihr Potenzial zur Beschleunigung der kosteneffizienten Umstellung auf saubere Energie behindert“, heißt es in dem Bericht.
Die Studie, die für den europäischen Branchenverband SmartEN erstellt wurde, soll helfen, diese Lücke zu schließen.
Den Ergebnissen zufolge könnte der vollständige Einsatz der nachfrageseitigen Technologien bis 2030 zu einer Reduzierung des Stromverbrauchs der EU-Haushalte um mehr als 71 Milliarden Euro pro Jahr beitragen.
Die daraus resultierenden niedrigeren Energiepreise würden den Menschen und Unternehmen einen indirekten jährlichen Nutzen in Höhe von über 300 Milliarden Euro bringen.
Bei Wind- und Solarparks würde die Technologie bis 2030 den Bedarf an Stromabschaltungen um 15,5 Terawattstunden (TWh) reduzieren – das entspricht 61 Prozent weniger als heute. Damit würde mehr erneuerbare Energie zu den Verbrauchern gelangen, ohne dass ein einziger Euro in zusätzliche Erzeugungskapazitäten investiert werden müsste, so die Studie.
Im Gegenzug würde die erhöhte Verfügbarkeit von Strom aus erneuerbaren Energien jährlich 37,5 Millionen Tonnen an energiebedingten CO2-Emissionen einsparen – was 8 Prozent der gesamten Kohlenstoffemissionen der EU entspricht.
Der zusätzliche Strom, der durch die Flexibilität auf der Nachfrageseite zur Verfügung gestellt würde, könnte außerdem die Installation von 60 Gigawatt (GW) an Spitzenerzeugungskapazität verhindern, was der EU jährlich Einsparungen in Höhe von 2,7 Milliarden Euro bringen würde.
Für das Stromnetz bedeutet dies zudem, dass 11,1 bis 9,1 Milliarden Euro an jährlichen Investitionen eingespart werden könnten, die andernfalls für die Verstärkung des Stromverteilungsnetzes zur Bewältigung der zusätzlichen Last erforderlich wären.
Gesetzliche Hürden
Der Bericht weist jedoch darauf hin, dass die wohl notwendige Aktivierung der Verbraucherflexibilität noch immer auf regulatorische Hindernisse stößt.
Dies ist insbesondere auf die verzögerte Umsetzung der EU-Strommarktrichtlinie für 2019 durch die Mitgliedstaaten zurückzuführen, mit der neue Rechte für die Verbraucher eingeführt wurden, ihren eigenen Strom zu erzeugen, zu verbrauchen oder zurück an den Markt zu verkaufen.
„Während sich die EU vom traditionellen Energiesystem wegbewegt und sich auf einen dezentralisierten, digitalisierten und dekarbonisierten Übergang begibt, sind neue und intelligente Lösungen erforderlich, um den ständig wachsenden variablen Erzeugungsmix zu verwalten und gleichzeitig die Erschwinglichkeit und Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten“, heißt es in dem Bericht.
Die meisten europäischen Verbraucher kriegen jedoch die Einsparungen noch nicht in ihren Energiekosten zu spüren, die durch die anhaltende Energiekrise in die Höhe geschossen sind.
„Die Menschen müssen dem System vertrauen“, sagte Monique Goyens, Generaldirektorin des BEUC, der Verbraucherorganisation der EU. Das sei Voraussetzung für eine Bewegung hin mehr Flexibilität in der Nachfrage.
„Und im Moment ist das Vertrauen wegen der steigenden Energiekosten gleich null“, sagte sie. „Wenn wir jetzt über nachfrageseitige Flexibilität sprechen, ist das eher Nischenthema“, fügte sie hinzu. „Es ist kein Mainstream-Thema, es ist nicht in den Köpfen der Menschen verankert.“
Dennoch hält Goyens die nachfrageseitige Flexibilität für eine Möglichkeit, den Verbrauchern in Zukunft echte Einsparungen zu ermöglichen.
„Die Verbraucher brauchen einen ’sicheren Raum‘, damit nachfrageseitige Technologien auf breiter Basis angenommen werden können“, sagte sie. „Das System sollte freiwillig sein und nicht diejenigen bestrafen, die sich nicht dafür entscheiden“, sagte sie.
Auch die Energiepreise spielen eine Rolle. Viele Länder haben feste Endkundenpreise für Strom beibehalten, um die Haushalte vor eskalierenden Energiekosten zu schützen.
Das wiederum hindert die Verbraucher daran, die Vorteile der nachfrageseitigen Flexibilität zu erkennen, da sich die Energieeinsparungen möglicherweise nicht sofort in ihrer Stromkosten niederschlagen.
„Wenn Sie Teil der Lösung sind, brauchen Sie eine faire Vergütung; Sie müssen einen fairen Anteil an diesem Nutzen erhalten“, sagte Tadhg O’Briain, ein hoher Beamter in der Generaldirektion Energie der Europäischen Kommission. „Und das ist den Menschen noch nicht klar“, räumte er ein.
Damit sich Flexibilität auf der Nachfrageseite durchsetzen kann, müsste es automatisiert und gut durchdacht sein, so der Beamte weiter.
„Wir brauchen Angebote, die für die Verbraucher Sinn machen und einfach zu bedienen sind“, sagte er. „Wir brauchen jemanden, der das entwickelt“, fügte er hinzu und zog eine Analogie zum iPhone, das Mitte der 2000er Jahre den Mobiltelefonmarkt revolutionierte.
Die Europäische Kommission ist sich dieser Mängel bewusst und bereitet eine Reform des EU-Strommarktes vor, um den Übergang zu einem stärker dezentralisierten Energiesystem, das von erneuerbaren Energien und netzgekoppelten Geräten dominiert wird, zu berücksichtigen.
„Der Schlüssel zur Flexibilität ist die Digitalisierung“, sagte Maroš Šefčovič, der für die Zukunftsforschung zuständige EU-Kommissar, auf einer Veranstaltung Anfang des Jahres. „Wir können auch flexibler sein, indem wir alle Geräte, die an das Netz angeschlossen sind, wie Wärmepumpen, Autobatterien oder Kühlschränke, besser nutzen“, sagte er.
Die EU-Mitgliedsstaaten haben jedoch nur schleppend „intelligente“ Stromzähler eingeführt, die als Schlüssel zur Erschließung der Flexibilität auf der Nachfrageseite gelten und die „Messbarkeit“ des Stromnetzes in Echtzeit ermöglichen.
Es wird erwartet, dass die Europäische Kommission nächste Woche einen Aktionsplan zur Digitalisierung des Energiesystems veröffentlichen wird, der unter anderem die Schaffung eines „digitalen Zwillings“ des Stromnetzes bereits im nächsten Jahr vorsieht.
„Das Stromnetz muss mit vielen Akteuren oder Geräten auf der Grundlage einer detaillierten Messbarkeit und damit der Verfügbarkeit von Daten interagieren“, heißt es in dem Entwurf der Kommission.
[Bearbeitet von Alice Taylor]