KMU - "Oft fehlt das Innovationsmanagement"
Die EU will die Innovationsfähigkeit der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) fördern. Deutschland kann bereits innovative "Hidden Champions" vorweisen, erklärt DIHK-Expertin Anna Maria Heidenreich im Interview mit EURACTIV.de. Hindernis bleibt hierzulande die Bürokratie. Auch internationale Risikokapitalgeber könnten es in Deutschland einfacher haben.
Die EU will die Innovationsfähigkeit der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) fördern. Deutschland kann bereits innovative „Hidden Champions“ vorweisen, erklärt DIHK-Expertin Anna Maria Heidenreich im Interview mit EURACTIV.de. Hindernis bleibt hierzulande die Bürokratie. Auch internationale Risikokapitalgeber könnten es in Deutschland einfacher haben.
ZUR PERSON
Anna Maria Heidenreich ist Referatsleiterin "Innovations- und Technologiepolitik, Internationale Forschungspolitik" im Bereich "Wirtschaftspolitik, Mittelstand, Innovation" des Deutschen Industrie- und Handelskammertages e.V. (DIHK).
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EURACTIV.de: Die Innovationsfähigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) steht im Zentrum der Europa 2020-Strategie. Wie innovativ sind deutsche KMU?
HEIDENREICH: KMU spielen als Technologieproduzenten, Zulieferer und Exporteure eine bedeutende Rolle für Innovationen "made in Germany" – gerade auch für Innovationen in Spitzentechnologien. Wesentliche Innovationsträger sind dabei die "Hidden Champions". Das sind KMU bzw. Familienunternehmen, die sich mit Hilfe einer Kombination von Innovation, Spezialisierung und individueller Kundenorientierung – auch bei relativ geringer Finanzkraft – im weltweiten Wettbewerb behaupten. In Deutschland gibt es etwa 1.200 solcher "Hidden Champions", die in ihren Branchen oft Weltmarktführer in einer Vielzahl technologischer Bereiche sind.
EURACTIV.de: Hat die Innovationsfähigkeit in der Krise gelitten?
HEIDENREICH: Gerade in der Krise hat der deutsche Mittelstand auf Innovationen gesetzt, wie eine DIHK-Umfrage gezeigt hat. Die schwierige wirtschaftliche Situation in der zurückliegenden Krise mit steigendem Wettbewerbs- und Kostendruck hat viele mittelständische Betriebe dazu bewegt, Etabliertes zu hinterfragen und die eigene technologische Basis für Weiterentwicklungen auszubauen, um zum Beispiel neue Marktnischen zu besetzen. Den KMU kam dabei besonders ihre Flexibilität zugute.
Der "DIHK-Mittelstandsreport 2010" zeigt: Es zahlt sich jetzt aus, dass viele kleine und mittlere Betriebe auch in der Krise auf innovative Produkte und Dienstleistungen gesetzt haben. Denn der deutsche Mittelstand hat heute die heftigen Auftragsrückgänge der Krise schon fast wieder wett gemacht – und sucht bereits jetzt zusätzliches qualifiziertes Personal, insbesondere in wissensintensiven Wachstumsbranchen.
Unternehmen wollen weniger Bürokratie
EURACTIV.de: Was sind typische Hürden für Innovationen von KMU?
HEIDENREICH: Gefragt nach Maßnahmen zur Verbesserung des Innovationsstandorts Deutschland hat für die Unternehmen der Bürokratieabbau höchste Priorität (58 Prozent). Gefordert ist auch eine grundsätzliche Vereinfachung des Steuerrechts (54 Prozent). Zudem verschärft sich die Fachkräfteproblematik: 40 Prozent der Betriebe sehen die Stärkung der Fachkräftebasis als besonders wichtig an. Auch beim Thema Finanzierung von Innovationsprojekten besteht aus Sicht jedes dritten Unternehmens Handlungsbedarf.
EURACTIV.de: Inwiefern hemmt die Bürokratie Innovationen?
HEIDENREICH: Die IHK-Organisationen haben 71 Vorschläge zum Abbau bürokratischer Hemmnisse vorgelegt. Ein Beispiel: Mit der deutschen Besteuerung von "Funktionsverlagerungen" wird die Nutzung von Know-how erheblich verteuert. Denn wer eine gute Idee in Deutschland entwickelt und sie im Ausland produktiv umsetzt, muss dafür im Inland Steuern zahlen.
EURACTIV.de: Welche Rolle spielt die Finanzierung für Innovationen?
HEIDENREICH: Durch die Krise sind Banken bei risikoreichen Projekten merklich vorsichtiger geworden. Zwar hat die konjunkturelle Erholung dazu geführt, dass sich die Situation bei der Kreditfinanzierung im 1. Halbjahr 2010 stabilisiert hat, wie eine DIHK-Auswertung zeigt. Doch nach wie vor haben insbesondere junge innovative KMU aufgrund ihrer in der Regel niedrigen Eigenkapitaldecke Probleme, für ihre Projekte Kredite zu bekommen. Häufig benötigen sie privates Beteiligungskapital, um sich zu finanzieren. Auch für Gründungen im Technologie- und Hightech-Bereich ist der Einstieg eines finanziellen Partners oftmals eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Marktzugang bzw. den Zugang zu Fremdkapital.
Investoren meiden deutsche Wagniskapitalfonds
EURACTIV.de: Wie etabliert sind in Deutschland "Business Angels", die sich an der Finanzierung beteiligen?
HEIDENREICH: Dem DIHK-Gründerreport 2010 zufolge erwägt nur ein Fünftel aller Gründer den Einstieg eines Business-Angels oder eines Beteiligungskapitalfonds – trotz der schwierigen Fremdkapitalbedingungen. Dies zeigt, dass Deutschland noch keine ausgeprägte Kultur der Beteiligungsfinanzierung hat.
Hilfreich wäre ein größeres Angebot in diesem Bereich. Gefordert ist dafür aber auch ein tragfähiger gesetzlicher Rahmen in Deutschland. Die derzeitige Regelung bietet gerade internationalen Investoren kaum Sicherheit; die steuerliche Behandlung ist gesetzlich nicht klar geregelt – Stichwort "Steuertransparenz".
So kann sich ein ausländischer Investor nicht gewiss sein, ob seine in Deutschland erzielten Beteiligungsgewinne zusätzlich zum Heimatland auch noch durch den deutschen Fiskus besteuert werden. Aufgrund dessen meiden große internationale Risikokapitalgeber – wie etwa amerikanische Pensionskassen oder Universitäten – Investitionen in deutsche Wagniskapitalfonds, die wiederum in Start-Ups und Technologieunternehmen investieren würden.
Gefragt: Innovationsmanagement
EURACTIV.de: Wie könnte die Innovationskultur in deutschen KMU gefördert werden?
HEIDENREICH: Die steigende Komplexität moderner Technologien bei gleichzeitig verkürzten Produktlebenszyklen erhöht die Anforderungen an die interne Unternehmensorganisation in Sachen Innovation. Gerade KMU mangelt es meist nicht an Ideen oder an einer Innovationskultur. Vielmehr fehlt oft die strukturelle Verankerung der Innovationskultur im Unternehmen in Form eines systematischen innerbetrieblichen Innovationsmanagements.
EURACTIV.de: Woran zeigt sich das?
HEIDENREICH: Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass Ideen von Mitarbeitern nicht systematisch erfasst werden, oder dass letztlich mit Patenten bzw. dem Patentschutz nicht strategisch genug umgegangen wird. Innovationsmanagement ist für die langfristige Positionierung eines Unternehmens jedoch von großer Bedeutung.
Vor allem mit Blick auf die Kreditfinanzierung ist es bei Innovationsprojekten, bei denen meist immaterielle Unternehmenswerte im Vordergrund stehen, wichtig, die Kapitalgeber mit einem professionellen Innovationsmanagement zu überzeugen.
Es ist erforderlich, die Unternehmen in der Breite noch stärker zu sensibilisieren und ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, um einen strukturierten Innovationsprozesses schrittweise entwickeln zu können. Im Rahmen ihrer Innovations- und Technologieberatung unterstützen die Industrie- und Handelskammern (IHKs) die KMU zum Beispiel mit Leitfäden, Fachveranstaltungen und speziellen Weiterbildungsangeboten in diesem Bereich.
Interview: Alexander Wragge
Hintergrund: IHK-Innovations- und Technologieberatung
In jährlich über 10.000 Beratungsgesprächen und mehr als 2.000 Veranstaltungen mit rund 100.000 Teilnehmern unterstützen bundesweit rund 140 Innovations- und Technologieberaterinnen und –berater der 80 Industrie- und Handelskammern (IHKs) die Unternehmen bei der Suche nach innovativen Lösungen. Sie helfen bei allen Fragen rund um das Thema Innovation: Von Finanzierungsmöglichkeiten über CE-Kennzeichnung und Normung bis hin zur technologieorientierten Existenzgründung. Weitere Informationen finden Sie auf der Interseite des DIHK.
Links
EU-Kommission: Innovation in KMU
EU-Kommission: 6,4 Mrd. EUR für intelligentes Wachstum und Beschäftigung – Europa investiert so viel wie nie in Forschung und Innovation. Pressemitteilung (19. Juli 2010)
DIHK: Innovationsverhalten deutscher Unternehmen in der Krise – erstaunlich offensiv (August 2009)
DIHK: Mittelstandsreport 2010 (August 2010)
DIHK: "Freiraum für Wachstum und Wohlstand – 71 Vorschläge der IHK-Organisation zum Abbau bürokratischer Hemmnisse" (August 2010)
DIHK: Sonderauswertung "Kreditkonditionen". Umfrage bei den Industrie- und Handelskammern (Frühsommer 2010)
DIHK: Pioniere gesucht – DIHK-Gründerreport 2010 (Juni 2010)
EURACTIV: KMU im Zentrum europäischer Innovationspolitik (31. August 2010)
EURACTIV: Schütte: EU muss "Innovationslücke" schließen (24. August 2010)
EURACTIV: EU pumpt Milliarden in die Forschung (20. Juli 2010)