Kritik an Englisch-Vorherrschaft
Zwar bemüht sich die EU-Kommission, bei der Einstellung von Sprechern stärker auf Mehrsprachigkeit und Vielfalt zu achten. Dennoch beobachten Kritiker einen „gefährlichen“ Trend zu einer sprachlichen und kulturellen Vorherrschaft des Englischen innerhalb der europäischen Institutionen.
Zwar bemüht sich die EU-Kommission, bei der Einstellung von Sprechern stärker auf Mehrsprachigkeit und Vielfalt zu achten. Dennoch beobachten Kritiker einen „gefährlichen“ Trend zu einer sprachlichen und kulturellen Vorherrschaft des Englischen innerhalb der europäischen Institutionen.
Einem internen Dokument zufolge, das EURACTIV vorliegt, sind 11 der 26 bereits ausgewählten Sprecher der neuen Europäischen Kommission angelsächsisch: sieben Briten und vier Iren (EURACTIV vom 21. Januar 2010).
Weit verbreitete Gerüchte besagen, dass sogar der 27. Sprecher, der offiziell noch vom rumänischen Kommissar Dacian Ciolo? ernannt werden muss, Brite sein wird.
Kommissionsbeamte räumen ein, dass sogar die aktuelle Liste bereits das Ergebnis einer starken Überarbeitung ist. Denn ursprünglich hatten die designierten Kommissare noch weit mehr angelsächsische Sprecher vorgeschlagen. Zunächst sollte die Gruppe der Sprecher etwa 20 Sprecher und Sprecherinnen aus Großbritannien und Irland umfassen.
Auswahlverfahren dauert noch an
Ein EU-Beamter erklärte, dass die Ernennungen noch andauerten und Neubewertungen möglich seien. „Der neue Dienst des Sprechers ist noch nicht endgültig eingerichtet“, sagte die Leiterin des Kommissionsdienstes des Sprechers, Pia Ahrenkilde Hansen. Auf Fragen von Journalisten während des täglichen Pressegesprächs der Kommission in Brüssel wiederholte sie gestern (21. Januar) diese Haltung: „Das Auswahlverfahren dauert immer noch an und muss noch finalisiert werden.“
Ein Vertreter der spanischen EU-Präsidentschaft betonte die Notwendigkeit, „ein Gleichgewicht zwischen unterschiedlichen Nationalitäten in den öffentlichen Diensten zu wahren, wozu auch der Dienst des Sprechers gehört”.
„Kulturelle Vielfalt in Gefahr“
„Nach der Erweiterung 2004 war im Pressezentrum eine klare Entwicklung hin zu einer Privilegierung von Beamten, die Englisch als Muttersprache haben, zu erkennen. Damit geht das Risiko einher, dass sprachliche Kriterien bei der Auswahl der Sprecher über fachliche Kompetenz oder Kommunikationsfähigkeiten gestellt werden“, sagte Lorenzo Consoli, Präsident der International Press Association (IPA/API).
„Die sprachliche Vorherrschaft des Englischen kann kulturelle und politische Auswirkungen haben”, erklärte er weiter. So sei die kulturelle Vielfalt in Gefahr, sollte diese Entwicklung nicht rückgängig gemacht werden.
Zudem wäre seiner Ansicht nach die Kommunikationspolitik der Europäischen Kommission selbst gefährdet, wenn sie fast ausschließlich von englischsprachigen Beamten ausgeführt würde. Diese verwendeten eher Ausdrücke aus der englischsprachigen Literatur und Kultur, die für die Mehrheit der nicht englischsprachigen Journalisten vielleicht nicht verständlich seien.
Das Paradoxon mit der Englisch-Qualität
Nicht zuletzt deswegen besteht Consoli zufolge paradoxerweise die Gefahr, dass englischsprachige Sprecher und Sprecherinnen weniger gut auf Englisch kommunizierten als ihre Kollegen aus anderen Ländern.
Um Vielfalt zu erhalten, spricht sich API für eine proportionale Aufteilung der Sprecherpositionen aus und verteidigt zudem das im Pressezentrum geltende zweisprachige System, wonach Journalisten Fragen auf Französisch und Englisch stellen können.
Immer weniger mehrsprachige Pressemitteilungen
Trotz dieser Bemühungen zeigen jüngste Entwicklungen jedoch, dass die EU-Institutionen sich weiterhin in die andere Richtung bewegen. Neben der verhältnismäßig hohen Zahl der angelsächsischen Sprecher nimmt zudem die Zahl der mehrsprachigen Pressemitteilungen immer weiter ab.
„Die Pressemitteilungen der neuen Hohen Vertreterin für Außenpolitik, Catherine Ashton, sind fast ausschließlich auf Englisch und werden nur selten – mit einer ungerechten Verzögerung – von einer französischen Übersetzung gefolgt”, beschwerte sich Consoli.
Sarkozy unterstützt Französisch
Vergangene Woche hatte der ehemalige französische Ministerpräsident Jean-Pierre Raffarin, von Präsident Nicolas Sarkozy eingesetzter Sonderbotschafter für die Frankophonie, in einem Besuch in Brüssel auf ein besseres sprachliches Gleichgewicht in den EU-Institutionen gedrängt.
Seinen Worten zufolge werde Paris bei der Förderung der Frankophonie „freundlich, aber bestimmt“ vorgehen. Die Mehrsprachigkeit habe wichtige geopolitische Auswirkungen für Europa – die Alternative sei eine G2 zwischen den USA und China. Die Frankophonie verbinde hingegen Europa und Afrika und spiele in dieser Hinsicht eine strategische Rolle (EURACTIV vom 18. Januar 2010).
Hintergrund: Drei Arbeitssprachen
Die Europäische Union übersetzt alle offiziellen Dokumente in ihre 23 Amtssprachen. Um interne Verfahren zu vereinfachen und Kosten zu senken, werden jedoch nur drei Sprachen als Arbeitssprachen genutzt: Englisch, Französisch und Deutsch.
Kein Deutsch im Pressezentrum
Im Pressezentrum, das als strategisch bedeutend angesehen wird, da es das Bild der Europäischen Kommission in die Welt hinausträgt, sind nur Englisch und Französisch Arbeitssprachen. Ausnahmen werden jedoch für die wichtigsten Mitteilungen oder Pressekonferenzen der Kommissare gemacht.
In diesen Fällen wird für die Journalisten in einer Reihe von Sprachen simultan gedolmetscht. Sprecher sollen je nach Sprache des Journalisten auf Englisch oder Französisch antworten, es wird jedoch zunehmend üblich, dass englischsprachige Sprecher oder Sprecherinnen in ihrer Muttersprache antworten.
EURACTIV.com (Brüssel)
Dieser Artikel auf Englisch:
http://euractiv.com/en/future-eu/commission-wants-fewer-anglo-saxon-spokespersons/article-189155
Dieser Artikel auf Französisch:
http://euractiv.com/fr/avenir-europe/commission-veut-porte-parole-anglo-saxons/article-189165
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