Künstliche Intelligenz und europäische Werte

Die Debatte um Künstliche Intelligenz dreht sich nicht nur um technische Fragen, sondern auch um ethnische. In der EU trägt dazu wesentlich der EWSA bei, der Anfang der Woche ein "Stakeholder-Gipfel" zum Thema durchführte.

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EWSA-Berichterstatterin Catelijne Muller beim Stakeholder-Summit. [EESC]

Die Debatte um Künstliche Intelligenz dreht sich längst nicht mehr nur um technische Fragen, sondern immer mehr auch um ethische. In der EU trägt dazu wesentlich der Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) bei, der Anfang der Woche ein „Stakeholder-Gipfel“ zum Thema durchführte.

Dass technischer Fortschritt nicht zwingend ein Segen ist, lässt sich in der Geschichte des Kapitalismus besonders eindrucksvoll am Beispiel der Industriellen Revolution des 19. Jahrhundert erkennen. Schließlich bedeuteten die Mechanisierung und der rasante technische Fortschritt keineswegs, dass das Leben der Menschen einfacher wurde, weil die Maschinen einen großen Teil der Arbeit verrichteten. Im Gegenteil, zunächst bedeutete die Industrialisierung eine nie dagewesene Ausbeutung, massenhafte Verelendung, die Zerstörung sozialer Strukturen und eine unglaubliche Ungleichheit. Es dauerte lange, bis Arbeitsstandards und soziale Rechte erkämpft waren, die das Leben der Fabrikarbeiter in den Städten halbwegs erträglich machten.

Glaubt man den Prognosen, steht die Menschheit heute vor ähnlich weitreichenden Umbrüchen. Die Digitalisierung hat das Potenzial, nicht nur die Arbeitswelt, sondern sämtliche Lebensbereiche erheblich zu verändern. Die Szenarien reichen bis in eine Welt, in der die Roboter die Vorherrschaft übernehmen. Auf der technischen Seite schreitet die Digitalisierung rasch voran. Die Smartphones, Pads und ähnliches sind nur der Anfang. Geforscht wird heute – mit beachtlichem Fortschritt – vor allem auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz (KI). Dabei sind die möglichen Anwendungsfelder schier unendlich – von selbstfahrenden Autos über die Optimierung medizinischer Diagnosen bis hin zur Optimierung spekulativer Investitionsentscheidungen.

Oder bis in sensible Bereiche hinein: Schon heute können KI-Systeme entwickelt werden, die beispielsweise Satellitenbilder analysieren und im Falle eines Militäreinsatzes die „optimalen Angriffsziele“ auswählen. Man könnte es so weit treiben, dass diese Ziele dann automatisch attackiert werden. Viele Militärstrategen wünschen sich derartige Lösungen, denn sie nehmen die Last der Entscheidung über Leben und Tod vom Menschen und machen den Einsatz dadurch wesentlich einfacher. Das ist nur eines von vielen möglichen Beispielen, die zeigen, wie wichtig es ist, den technischen Fortschritt nicht einfach geschehen zu lassen, sondern ihn politisch zu steuern.

Dementsprechend betonte der EWSA anlässlich des Stakeholder-Gipfels die Notwendigkeit, KI sicher zu machen und sie in Einklang mit den europäischen Werten zu bringen. Dies war der Ansatz, entlang dem die beteiligten Interessensgruppen in Brüssel diskutierten. Im Mittelpunkt standen Themen wie Privatsphäre, Arbeit, Sicherheit oder Bildung und Weiterbildung.

Die EWSA-Berichterstatterin für KI, Catelijne Muller, verfolgt das Thema seit längerer Zeit intensiv. Sie hat bereits eine Stellungnahme des Ausschusses herbeigeführt, die sich vor allem mit Fragen nach der Zukunft der Arbeit befasst, sowie eine Anhörung mit Vertretern der EU-Kommission initiiert. Zudem leitet sie eine Studiengruppe, die der EWSA zu diesem Thema eingerichtet hat. Anlässlich des Stakeholder-Gipfels warnt Muller, KI dürfe uns nicht überwältigen. Die Menschen müssen die Kontrolle behalten und vorgeben „ob, wann und wie die neuen Technologien in unserem Alltag zur Anwendung kommen“.

An der Veranstaltung teilgenommen hat auch die zuständige EU-Kommissarin Mariya Gabriel. Sie betonte, dass die Kommission KI zu einer „starken politischen Priorität“ machen will. Erst letzte Woche habe man eine KI-Allianz gegründet, um Interessensgruppen besser in die politischen Prozesse einzubinden.

„Wir sind in eine neue Phase des technologischen Wandels eingetreten und Europa muss diese Revolution anführen“, unterstrich Gabriel die Ambitionen der Kommission. Sie betonte allerdings auch, dass die Forschungskapazitäten in der EU noch hinter jenen der USA und Chinas herhinken. Im kommenden Mehrjährigen Finanzrahmen soll das geändert werden. Die Kommissarin sprach von 20 Milliarden Euro jährlich an privaten und öffentlichen Investitionen.

Die zivilgesellschaftlichen Akteure, die am Gipfel teilnahmen, diskutierten derweil in einer Reihe von Arbeitsgruppen verschiedene Aspekte des Themas. Strukturiert waren die Gruppen entlang der drei Säulen der EU-Strategie zu KI: Industrielle Wettbewerbsfähigkeit, sozio-ökonomische Folgen sowie ethnische und rechtliche Herausforderungen. Besonders betont wurde in den Debatten die Notwendigkeit neuer Formen von Bildungsangeboten, die die Menschen auf die Veränderungen der Arbeitswelt vorbereiten. Eine prominente Rolle spielte auch das Thema Kohäsion. Mehrere Teilnehmer betonten, wie wichtig es ist, dass alle Regionen profitieren.

Der EWSA wird das Thema weiter verfolgen und wichtige ethische Aspekte in die Debatte bringen. So sind bereits drei Stellungnahmen in Arbeit, über die im September abgestimmt werden soll. Darin wird es um die Auswirkungen auf die Arbeitswelt, die Bedeutung für Europa bzw. das „Internet der Dinge“ gehen.