"Latente Islamfeindlichkeit steigt an"

Berlin ist nicht Genf. Deutschland ist nicht die Schweiz. Zum Glück, meinen Muslime in Berlin mit Blick auf das Schweizer Referendum zum Minarett-Verbot. Doch auch sie registrieren den Anstieg der latenten Islamfeindlichkeit. Eine Moscheerundfahrt durch Berlin.

Der Gebetsraum im Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken in Berlin-Kreuzberg. Eine Stationen bei der Moscheerundfahrt durch Berlin. Foto: Michael Kaczmarek
Der Gebetsraum im Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken in Berlin-Kreuzberg. Eine Stationen bei der Moscheerundfahrt durch Berlin. Foto: Michael Kaczmarek

Berlin ist nicht Genf. Deutschland ist nicht die Schweiz. Zum Glück, meinen Muslime in Berlin mit Blick auf das Schweizer Referendum zum Minarett-Verbot. Doch auch sie registrieren den Anstieg der latenten Islamfeindlichkeit. Eine Moscheerundfahrt durch Berlin.

"Ich bin zum Türken gemacht worden", sagt Burhan Kesici. Der Vizepräsident der Islamischen Föderation Berlin (IFB) ist in Deutschland geboren und hier aufgewachsen. "35 Jahre lang habe ich gesagt: Ich bin Spandauer. Ich bin Berliner." 35 Jahre lang habe man ihm geantwortet, er sei Türke. "Jetzt sage ich, dass ich Türke bin." Kesici ist sogar nach Ankara gezogen, um dort ein türkisches Leben zu leben. "Nach fünf Tagen bin ich zurückgekommen. Die Türkei ist wunderschön, doch ich habe gemerkt, dass ich von der Mentalität viel mehr Deutscher bin, als ich vorher gedacht habe."

Das Minarett im Dorf lassen

In Deutschland beobachtet Kesici allerdings einen "Anstieg der latenten Islamfeindlichkeit". Von Schweizer Verhältnissen sei man in Deutschland aber zum Glück weit entfernt. "Man muss das Minarett im Dorf lassen", meint Kesici mit Blick auf die Diskussion um Minarett- und Moscheebauten. In Deutschland seien die Diskussionen viel sachlicher als in der Schweiz.

Der IFB-Vize war einer der muslimischen Repräsentanten, die gestern etwa 50 internationalen Journalisten das islamische Gemeindeleben in Berlin näher bringen wollten. Organisiert wurde die Moscheerundfahrt vom Integrationsbeauftragten des Berliner Senats Günter Piening – übrigens unabhängig vom und mehrere Wochen vor dem Schweizer Minarett-Verbot.

Bildungsarbeit in Hinterhofmoscheen

In Berlin gibt es insgesamt 80 Moscheen, darunter fünf repräsentative Moscheebauten mit insgesamt 12 Minaretten. Die meisten Moscheegemeinden befinden sich in Berliner Hinterhöfen, in ehemaligen Fabrikgebäuden oder Privatwohnungen. Der eingetragene Verein ist dabei die klassische Organisationsform der Moscheegemeinden, die sich über Spenden finanzieren und vom Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiter leben.

Einer der muslimischen Freiwilligen ist Selcuk Saydam, Sprecher der Haci Bayram Moschee. Die 1976 von türkischen Gastarbeitern gegründete Moscheegemeinde, will mehr bieten als nur einen Gebetsraum. "Wir übernehmen soziale Verantwortung. Wir gehen direkt in die Familien, besonders zu bildungsfernen Familien und versuchen zu erklären, wie wichtig die Bildung für die Jugendlichen ist", so Saydam.

Vorbild für die Jugend

Auch im Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken ist die "edukative Arbeit" ein wichtiger Eckpfeiler neben der religiösen und der humanitären Arbeit. Meho Travljanin, zuständig für die Pressearbeit des Zentrums, erklärt, dass viele Eltern in der bosniakischen Gemeinde kein Vorbild für die eigenen Kinder sein können, weil sie sich hier in Deutschland nicht zurecht finden. Diese Vorbildfunktion übernehme daher das Zentrum. "Wir helfen den Jugendlichen, sich im Leben zurecht zu finden", erklärt Travljanin. Zugleich sollen die Jugendlichen im bosnischen Ergänzungsunterricht zu bosnischer Kultur und Sprache an ihre Wurzeln erinnert werden.

Auch Faical Sathi, Vorsitzender des Interkulturellen Zentrums für Dialog und Bildung e.V. (IZDB), spricht von den kulturellen Aktivitäten – Nähkursen, Diskussionsrunden oder Deutschkursen für Mütter, die das Zentrum anbietet. Doch obwohl sich die Muslime nach außen hin öffnen, sei die Skepsis in der Mehrheitsgesellschaft groß.

Im Namen der Freiheit

Anstatt steigender Toleranz registriert der aus Tunesien stammende Sathi, "dass die Islamfeindlichkeit in die Mitte der Gesellschaft rückt". Es sei "beängstigend", dass es in Deutschland "tagtäglich Angriffe" gegen Muslime gebe, nur weil jemand einen Bart oder ein Kopftuch trage. "Das Schweizer Minarett-Verbot wirft uns um Jahrzehnte zurück. Wir Muslime fühlen uns ausgeschlossen. Im Namen der Freiheit nimmt man uns die Freiheit weg", sagt Sathi.

Michael Kaczmarek