Lobbyverbände wollen Bulgariens Schiefergas-Schatz heben

Bulgarien verfügt über schätzungsweise 500 Milliarden Kubikmeter (bcm) Schiefergas, aber die derzeitigen Rechtsvorschriften verhindern die Förderung. Obwohl Russland die Gaslieferungen eingestellt hat, hat die Regierung nicht vor, daran etwas zu ändern.

EURACTIV Bulgaria
Bulgarians protest against shale gas exploration
Während einer Kundgebung gegen die Förderung von Schiefergas in Sofia, Bulgarien, am 14. Januar 2012, schwenkt eine Frau die bulgarische Nationalflagge. Die Demonstrant:innen forderten das bulgarische Parlament auf, die Exploration und Förderung von Schiefergas im Land zu verbieten, nachdem die Regierung dem US-Energieunternehmen Chevron erlaubt hatte, im Nordosten des Landes nach Schiefergas zu suchen. [EPA/EFE/VASSIL DONEV]

Bulgarien verfügt über schätzungsweise 500 Milliarden Kubikmeter (bcm) Schiefergas, aber die derzeitigen Rechtsvorschriften verhindern die Förderung. Lobbyverbände versuchen jetzt, die Regierung umzustimmen und einem Fracking zuzustimmen.

Die Einstellung der Erdgaslieferungen durch Russland führte dazu, dass die USA dringend benötigtes Flüssigerdgas lieferten. Wie die Regierung bereits angekündigt hat, wird der Ende 2022 auslaufende Vertrag mit dem russischen Unternehmen Gazprom nicht verlängert. Expert:innen brachten daraufhin die Förderung von unkonventionellem Gas zur Sprache.

Um die starke Abhängigkeit Bulgariens von russischem Gas und Öl zu verringern, forderten Sachverständige des bulgarischen Energie- und Bergbauforums (BEMF), des bulgarischen Erdgasverbandes und andere Lobbyisten die Aufhebung des vor zehn Jahren eingeführten Moratoriums für das höchst umweltschädliche Schiefergas.

Wie viel Gas?

Im Rahmen des 2012 verhängten Moratoriums für die Exploration und Gewinnung von Schiefergas durch Fracking wurde Schiefergas als Energieressource ausgeschlossen.

Das Moratorium wurde infolge von Protesten lokaler Gemeinden und Umweltaktivist:innen sowie auf Druck der rechtsextremen Ataka, der Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP) und der inzwischen aufgelösten Partei „Ordnung, Recht, Gerechtigkeit“ erlassen.

Bevor das Moratorium in Kraft trat, prüften drei Unternehmen das Potenzial für Schiefergas: Park Place, das in der Nähe des Kavarna-Dorfes Vranino Testbohrungen durchführte, Direct Petroleum in der Nähe des Dorfes Deventsi und Rusgeocom in der Region Dobrudja.

Dennoch wurden die Bulgar:innen nicht über die im Land vorhandenen Ressourcen informiert, obwohl in Nordbulgarien seit mehreren Jahren geologische Untersuchungen durchgeführt werden.

Nach verschiedenen Schätzungen werden die Gasvorkommen Bulgariens auf etwa 500 Milliarden Kubikmeter geschätzt.

Auf der Grundlage einer von Direct Petroleum im Jahr 2013 durchgeführten Studie schätzte die US Energy Information Administration (EIA) die Schiefergasressourcen in Bulgarien auf 481 Milliarden Kubikmeter. Laut Hristo Kazandjiev vom bulgarischen Energie- und Bergbauforums gilt diese Zahl als zuverlässig.

Ihm zufolge können 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas ohne den Einsatz von Fracking gefördert werden.

Die bulgarische Position – und der europäische Kontext

Bis heute scheint es keinen politischen Willen zu geben, die Schiefergasförderung in Bulgarien zu genehmigen. EURACTIV fragte Umweltminister Borislav Sandov, unter welchen Umständen eine Aufhebung des Moratoriums denkbar sei.

„Aus Umweltsicht hat sich an den Gründen für die Proteste [gegen den Einsatz von Fracking] vor Jahren nichts geändert. Zum jetzigen Zeitpunkt ist eine Aufhebung also nicht zu erwarten“, sagte Sandov.

Er war einer der Anführer der groß angelegten Proteste gegen die umweltschädliche und extrem wasserintensive Fracking Methode und wurde als Vertreter der Umweltbewegung zum Umweltminister des „Demokratischen Bulgarien“ ernannt.

Der Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für Umwelt und Wasser, Manol Genov (BSP), betonte ebenfalls, dass das Moratorium aufrechterhalten werden sollte.

Gegenüber EURACTIV erklärte er, dass die mögliche Förderung von Schiefergas „gefährliche Umweltfolgen“ haben könnte, da sie die Grundwasserressourcen bedrohen und langfristig kontaminieren würde.

„Am besten ist es, im Schwarzmeerschelf zu bohren. Rumänien und die Türkei rechnen bereits mit großen Erträgen, das könnte auch für unser Land gelten“, so Genov.

Im Jahr 2014, nach der Annexion der Krim und der Ausrufung der separatistischen Republiken Donezk und Luhansk, richtete die Europäische Kommission ihre Aufmerksamkeit stärker auf das Potenzial des Schiefergases.

In einer Mitteilung an den Rat und das Europäische Parlament über die Exploration und Förderung von Kohlenwasserstoffen in der EU erklärte die Kommission, dass Europas größtes Potenzial unter den unkonventionellen fossilen Brennstoffen das Schiefergas sei.

Dennoch gibt es auch acht Jahre später keine Schiefergasproduktion in Europa – trotz Studien in Polen, Rumänien, Bulgarien, Litauen und einiger Pilotprojekte zur Förderung.

Internationale Konzerne wie Chevron, Exxon Mobil, Eni und andere Unternehmen haben sich aus Südosteuropa zurückgezogen. Der Widerstand der Bevölkerung und Umweltschützer:innen, die auf die Verschmutzung des Grund- und Oberflächenwassers beim Fracking hinweisen, war zu groß.

Professor Spartak Keremedchiev von der bulgarischen Akademie der Wissenschaften verwies auf eine weitere Sorge.

„Angesichts der mangelhaften Verwaltungsstrukturen und Qualitätskontrollen in Bulgarien ist es nicht verwunderlich, dass sich die Menschen Gedanken darüber machen, was im Falle einer Schiefergasförderung passieren könnte und wie die Unternehmen überwacht werden könnten.“

Potenzielle Verbindung zu Russland

Fracking-Befürworter sind zum Teil der Meinung, dass Fracking-Gegner finanziell von russischen Konzernen unterstützt wurden.

„Es gab inoffizielle Informationen von den [Nachrichten]Diensten, dass der russische Staatskonzern Gazprom die Proteste gegen die Schiefergasförderung in Bulgarien über Brüsseler Stiftungen finanziert hat“, sagte Traicho Traikov, der ehemalige bulgarische Energieminister, am 11. Mai gegenüber Nova TV.

Traikov ist inzwischen Bürgermeister des Bezirks Sredets in Sofia.

Angesichts der politischen Instabilität und der Regierungskrise, die Bulgarien derzeit erneut erschüttert, bleibt eine Aufhebung des Fracking-Moratoriums allerdings unwahrscheinlich.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/Benjamin Fox]