Maria Tandeck: Junge Europäerin des Jahres 2010

Wie wird man "Junge Europäerin des Jahres 2010"? Die 21-jährige Maria Tandeck aus Polen weiß es. Sie erhielt diesen Preis von der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa. Maria Tandeck war zu Gast bei EURACTIV.de.

Maria Tandeck, „Junge Europäerin des Jahres 2010“, zu Besuch bei EURACTIV.de (Foto: Daniel Tost)
Maria Tandeck, "Junge Europäerin des Jahres 2010", zu Besuch bei EURACTIV.de (Foto: Daniel Tost)

Wie wird man „Junge Europäerin des Jahres 2010“? Die 21-jährige Maria Tandeck aus Polen weiß es. Sie erhielt diesen Preis von der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa. Maria Tandeck war zu Gast bei EURACTIV.de.

Die Auszeichnung "Junge Europäerin 2010" kam für Maria Tandeck sehr überraschend. "Ich wusste nicht, dass das, was ich mache, für einen solchen Preis reichen würde, und ich habe nie daran gedacht, dass jemand davon etwas mitkriegen würde. Es ist eine Ehre, einen solchen Preis zu bekommen. Wenn man sich die Lebensläufe meiner Vorgänger durchliest, ist man manchmal atemlos." Die junge Polin wirkt tatsächlich oft atemlos und hetzt derzeit von einem Termin zum nächsten. Sie betont aber, dass sie immer etwas Konstruktives machen wolle, auch wenn das wenig Freizeit bedeute.

Sprungbrett nach Europa

Eine Jury, der Persönlichkeiten aus dem Europäischen Jugendparlament, dem Europäischen Parlament, der Europäischen Kommission und der Schwarzkopf-Stiftung angehören, wählte nach einem europaweiten Nominierungsverfahren die Preisträgerin aus. Tandeck ist sicher, dass die Auszeichnung einen großen Einfluss auf ihr Leben haben wird. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis ermöglicht ein halbjähriges Praktikum bei einem Abgeordneten des Europäischen Parlaments oder einer anderen europäischen Institution, das sie innerhalb der nächsten drei Jahren absolvieren soll. Noch weiß Tandeck jedoch nicht genau, wohin es gehen wird. Festgelegt hat sie sich jedenfalls auf die Themengebiete Jugendpolitik in Europa, europäisches Recht und Sozialpolitik.

"Auch Polen braucht einen Jugendrat"

Die EU-Ratspräsidentschaft Polens steht 2011 bevor, und laut Tandeck muss ein nationaler Polnischer Jugendrat eingerichtet werden. Polen ist eines der wenigen europäischen Länder, das einen solchen Jugendrat als Dachverband nationaler Jugendverbände nicht hat. Das polnische Bildungsministerium hatte sie zu einer Debatte hierzu eingeladen, bei der zwei Tage lang über Organisation und Aufbau diskutiert wurde. "Das ist alles ziemlich kompliziert, und die goldene Mitte ist schwer zu finden. Aber Polen braucht das."

Den Eindruck des ehemaligen EU-Kommissars Günter Verheugen vom Desinteresse Westeuropas an den östlichen Beitrittländern teilt Tandeck nicht. Westeuropa könne den osteuropäischen Ländern dabei helfen, sich weiter in Richtung Europa zu entwickeln. Die östlichen Länder müssten aber erst einmal Schritte unternehmen, um solch eine Unterstützung zu ermöglichen. Sie glaubt, dass es als schlecht angesehen werden könnte, sollten sich westeuropäische Staaten "auf einmal in viele Bereiche einmischen".??

Zur Debatte um Erika Steinbach und der Besetzung des Beirats der Vertriebenen-Stiftung überlegt Tandeck zunächst lange. "Ich glaube, wir sprechen einfach zu viel über Geschichte und zu wenig über die Zukunft." Sie interessiere sich zwar sehr für die Geschichte Polens, freue sich aber, dass sich die Debatte um Steinbach nun ein wenig beruhigt habe. Man müsse mehr in die Zukunft schauen, als beispielsweise "zum zehnten Mal überprüfen, wer wann mal Kommunist gewesen ist".

Probleme der Politiker im Umgang mit Jugendlichen

Zentrales Anliegen ist ihr die Partizipationsförderung Jugendlicher in der EU: "Es gibt einfach Menschen, die sich nicht interessieren. Aber der Großteil der Leute bemüht sich einfach nicht darum, an Informationen zu kommen." Die Bildungspolitik sei also ein wichtiges Thema. Hinzu komme, dass mangelnde Fremdsprachenkenntnisse eine wesentliche Hürde seien, um "Menschen in Richtung Europa zu aktivieren". Zuletzt sieht sie die Einstellung von Politikern zu Jugendlichen als ein Problem an: "Sie sprechen vielleicht einmal im Jahr während einer Kampagne mit ihnen. Jugendliche denken so, sie könnten gar nichts bewegen, und das ist schade."

"German and Polish Law" an der Europa-Uni

Maria Tandeck stammt aus Pozna? (deutsch: Posen). Dieser größte Verkehrsknotenpunkt zwischen Berlin und Warschau ist eine der ältesten Städte Polens. Dort engagierte sie sich schon früh in sozialen Bereichen: etwa als Pfadfinderin in der Betreuung für gewalttätige Kinder. Die polnischen EU-Beitrittsverhandlungen weckten ihr Interesse für Europapolitik. Als Mitglied der Sozialdemokratischen Jugend Polen sorgt sie für internationale Kontakte. Im Kreisverband Pozna? ist sie Vizevorsitzende und wurde für zwei Jahre in den Landrat gewählt. Seit Oktober 2009 studiert sie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder "German and Polish Law" (GPL), mit Schwerpunkt auf deutsch-polnischen sowie europäischen Rechtsbeziehungen.

Frankfurt an der Oder als perfekter Ort

"Über ein Studium in Frankfurt hatte ich schon nachgedacht, als ich in Berlin als Austauschschülerin gewesen bin." Sie bezeichnet Frankfurt an der Oder als den perfekten Ort für sich, da genau zwischen Berlin und ihrer Heimatstadt Pozna? gelegen. Das Studium ermögliche den zeitgleichen Erwerb des "Master of German and Polish Law" sowie des polnischen rechtswissenschaftlichen Magistertitels.

Sie weiß noch nicht, ob sie vielleicht doch eher das Staatsexamen machen soll und in Deutschland in einer internationalen Kanzlei arbeiten will. Die Arbeit in einer europäischen Institution würde sie reizen. Zunächst aber ist sie als gewähltes Mitglied des Fachschaftsrats vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und sieht sich als Interessenvertreterin der GPL-Studenten.

Kein Wunder, wenn der Tag der ausgezeichneten "Jungen Europäerin" um sechs Uhr morgens beginnt.

Daniel Tost