NGOs: Europa weltweit größter Umschlagplatz für Kinderpornografie

Die Verbreitung von Kinderpornographie ist während der Pandemie explodiert, warnten NGOs am Safer Internet Day (8. Februar). Sie drängten die Kommission, ihre Initiative zu deren Bekämpfung nach monatelangen Verzögerungen vorzustellen.

EURACTIV.com
CSAM3
Der Vorschlag der EU-Kommission zur Bekämpfung von Inhalten im Zusammenhang mit Kindermissbrauch (Child Sexual Abuse Material, CSAM) wurde mehrfach verschoben und wird nun für den 30. März erwartet. [[SB Arts Media/Shutterstock]]

Die Verbreitung von Kinderpornographie ist während der Pandemie explodiert, warnten NGOs am Safer Internet Day (8. Februar). Sie drängten die EU-Kommission, ihre Initiative zur Bekämpfung des Phänomens nach monatelangen, ungeklärten Verzögerungen vorzustellen.

Nach Angaben der Internet Watch Foundation (IWF), der größten europäischen Hotline für die Meldung von Material über sexuellen Kindesmissbrauch, hat sich die Verbreitung von durch Webcams erzeugten sexuellen Inhalten im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie fast vervierfacht.

„Europa ist jetzt der weltweit größte Host von Websites, die kinderpornografische Darstellungen enthalten, was ein sofortiges Handeln der EU-Mitgliedstaaten erfordert“. Dies geht aus einem offenen Brief hervor, der von 20 Interessengruppen unterzeichnet wurde, die sich für den Kinderschutz einsetzen, darunter IWF, Thorn, Save the Children, 5Rights und Eurochild.

Diese so genannten „selbst erstellten“ Inhalte entstehen häufig im Kinderzimmer ohne Erwachsene und werden online geteilt. Nach Ansicht der Experten ist die exponentielle Zunahme der Verbreitung dieser Art von Inhalten auf die zunehmende Zeit zurückzuführen, die Kinder aufgrund von Lockdowns zu Hause verbringen.

Laut IWF machen selbst erstellte Inhalte inzwischen fast drei Viertel aller gemeldeten Inhalte aus, die Minderjährige sexualisieren.

Die NGOs verweisen auf die jüngsten Erkenntnisse von Europol über die sexuelle Ausbeutung von Kindern. Europol hat insgesamt mehr als 46 Millionen Bilder oder Videos von Kindesmissbrauch archiviert.

Im Jahr 2020 wurden 86 Prozent des von der IWF entdeckten Materials über sexuellen Kindesmissbrauch im Internet in Europa gehostet.

„Hinter den Zahlen stehen echte Kinder, die leiden. Wann immer kinderpornografische Inhalte erstellt werden, wird das darin abgebildete Kind in seiner persönlichen Sicherheit, Würde und Privatsphäre verletzt“, heißt es in dem Brief.

In ihrer Bewertung der Bedrohungslage hat Europol zwei zunehmende Probleme identifiziert, die behandelt werden müssen: die zunehmende Nutzung von Live-Streaming und die Verbreitung von Grooming-Techniken – zwei Vorgehensweisen, die Sexualstraftäter nutzen, um sich Kindern zu nähern.

Darüber hinaus unterstreicht der Bericht der EU-Agentur, dass Kindesmissbrauch im Internet nach wie vor eine Straftat ist, über die viel zu wenig berichtet wird und bei der viele Opfer nie identifiziert werden.

Die IWF-Einschätzung weist darauf hin, dass junge Mädchen zunehmend die am stärksten gefährdete Kategorie sind: Schätzungen zufolge entfallen heute 97 Prozent der illegalen Online-Inhalte auf sie, verglichen mit 60 Prozent vor zehn Jahren. Letztes Jahr war die Altersgruppe der 11- bis 13-Jährigen am stärksten vertreten, aber Experten warnen, dass die Altersgruppe der 7- bis 10-Jährigen am schnellsten wächst.

„Wir unterstützen die Pläne der EU, neue Rechtsvorschriften zur Bekämpfung dieses verabscheuungswürdigen Verbrechens vorzulegen. Wir hoffen, dass diese Vorschriften eine deutlichere Strategie beinhalten, um die Entstehung dieser Bilder zu verhindern und die Situation in Bezug auf das Hosting in Europa zu verbessern“, sagte Emma Hardy, Kommunikationsdirektorin der IWF.

Verzögerungen bei der Kommission

Die Europäische Kommission sollte ihre Initiative zur Bekämpfung der Verbreitung von Kinderpornographie sowohl online als auch offline eigentlich Ende letzten Jahres vorlegen. Nach mehreren Verzögerungen wird der Gesetzesvorschlag Medienberichten zufolge jedoch für den 30. März erwartet.

Die EU-Exekutive hat bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht auf EURACTIVs Anfrage geantwortet, ob der neue Zeitplan bestätigt wurde oder welche Gründe hinter den Verzögerungen stecken.

„Während sich die Täter als sehr erfinderisch bei der Nutzung dieser Technologien erwiesen haben, muss das Potenzial der Technologie zur Eindämmung dieses Verbrechens noch voll ausgeschöpft werden“, so die NGOs in ihrem Brief. Sie forderten die Kommission auf, automatisierte Werkzeuge zur Aufdeckung von Kinderpornographie zu genehmigen.

Der Gesetzesvorschlag stand bereits im Mittelpunkt hitziger Debatten, da Datenschützer KI-gestützte Lösungen für fehleranfällig halten und befürchten, dass sie einer allgemeinen Überwachung der zwischenmenschlichen Kommunikation Tür und Tor öffnen könnten.

Die Überwachung von Inhalten würde die Verschlüsselung schwächen, die für die Verteidiger der Privatsphäre ein grundlegendes Instrument zum Schutz privater Kommunikation ist.

Außerdem, so das Argument, gebe es keine Garantie dafür, dass die Überwachung in Zukunft nicht nach einem Terroranschlag oder anderen schweren Erschütterungen ausgeweitet werden könnte.

„Die Regierungen müssen nicht nur die Täter verfolgen, sondern auch die digitalen Umgebungen zu einem sichereren Ort für Kinder machen, an dem ihre Rechte geschützt und respektiert werden“, wird im Brief betont.

„Der Vorschlag sollte einen rechtlichen Rahmen schaffen, der langfristig technologische Innovationen ermöglicht”, heißt es weiter.

Bei einem Treffen mit der für Inneres zuständigen Kommissarin Ylva Johansson Ende Januar drängte Julie Cordua, die Geschäftsführerin von Thorn, auf die Einrichtung eines EU-Zentrums, das den Kampf gegen sexuellen Missbrauch in der gesamten Union koordinieren soll.

Die drei kommenden Ratspräsidentschaften der EU, geführt von Frankreich, Tschechien und Schweden, verpflichteten sich zu einem gemeinsamen Programm zum besseren Schutz von Kindern, auch vor sexuellem Missbrauch im Internet.

[Bearbeitet von Alice Taylor]