Organspenden: Es mangelt an europäischer Zusammenarbeit
Angesichts des Mangels an Spenderorganen in der EU, der zu immer längeren Wartelisten führt, betonen Experten und Ärzte die Notwendigkeit einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten und von mehr Transparenz bei den Wartelisten für Spenderorgane.
In der gesamten EU mangelt es an Spenderorganen, was zu immer längeren Wartelisten führt. Experten und Ärzte betonen die Notwendigkeit einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten und von mehr Transparenz.
Nieren für Patienten, die an Nierenversagen leiden, gefolgt von Lungen, Lebern und Herzen, sind die am häufigsten benötigten Organe für eine Transplantation.
Im Jahr 2021 gab es in der EU 15.684 Nierentransplantationen, 6.483 Lebertransplantationen, 2.026 Herztransplantationen und 1.711 Lungentransplantationen, so die Zahlen der Europäischen Kommission.
Dies entspricht insgesamt etwa 26.000 Transplantationen. Die Zahl der Patienten, die noch auf der Warteliste stehen, ist mit 52.000 jedoch doppelt so hoch, womit die Nachfrage nach verfügbaren Organen das Angebot bei weitem übersteigt.
Angesichts der langen Wartezeiten müssen klare und verlässliche Informationen zur Verfügung gestellt werden, sagte Professor Thomas Müller vom Zürich Spital anlässlich einer von der spanischen EU-Ratspräsidentschaft am Donnerstag und Freitag (9. bis 10. November) organisierten Hybridveranstaltung.
„Der Erhalt und die Verteilung von Spenderorganen auf der Warteliste für Patienten sollte sehr transparent sein. Es sollte ein klares Verfahren geben, wie ein Patient auf die Warteliste gesetzt wird, wie ein Patient behandelt wird, und es sollte rückverfolgbar sein“, sagte Müller.
Die Engpässe betreffen vor allem Nieren. Ende 2021 warteten nach Angaben von Eurotransplant fast 10.000 Patienten aus Österreich, Belgien, Kroatien, Deutschland, Ungarn, Luxemburg, den Niederlanden und Slowenien auf eine Nierentransplantation. Allerdings wurden in diesem Jahr in den genannten Ländern weniger als 3.000 Nieren transplantiert.
Müller unterstrich die Notwendigkeit einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den EU-Ländern und betonte, dass eine „länderübergreifende Zusammenarbeit“ Transplantationen erleichtern und Patienten helfen würde, verfügbare Organe zu finden.
Ihm zufolge sollte jedes Land unabhängig sein und den Bedürfnissen seiner eigenen Bevölkerung gerecht werden.
Spanien: In der EU und weltweit führend
Was den Zugang zu Spenderorganen anbelangt, stellt Spanien eine Ausnahme dar, denn das Land ist derzeit sowohl weltweit als auch in Europa führend im Bereich der Transplantationen.
Im Jahr 2020 gab es in Spanien etwa 37 Organspender pro eine Million Einwohner. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 lag diese Zahl in Deutschland bei elf Spendern pro Million Einwohner, in Italien bei 25 und in Frankreich bei weniger als 30, so Esanum, ein soziales Netzwerk für Ärzte und Wissenschaftler.
Einer der Gründe für den Erfolg in Spanien ist die Zahl der Ärzte, die für die Durchführung von Transplantationen ausgebildet und qualifiziert sind.
„In den letzten 15 Jahren wurden mehr als 10.000 Notfallmediziner und fast 2.000 Assistenzärzte für die Intensivstation ausgebildet“, sagte Daniel Gallego von der European Kidney Patients‘ Federation und der European Kidney Health Alliance bei der von der spanischen Ratspräsidentschaft organisierten Veranstaltung.
Insgesamt gibt es in Spanien fast 200 medizinische Zentren, in denen Organspenden möglich sind. Wie in anderen Mitgliedstaaten gibt es jedoch große Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen des Landes. In einigen Regionen gibt es nur wenige Zentren.
Aus diesem Grund hat Spanien mobile Ärzteteams gebildet, die in allen kleineren Zentren des Landes Organspenden möglich machen sollen. Die Teams bestehen aus „einem Chirurgen, einem Transplantationskoordinator und einem Kardiotechniker“, so Gallego.
Die mobilen Teams haben die Warteliste von sechs Monaten im Jahr 2016 auf etwa drei Monate im Jahr 2023 verkürzt.
Unterstützung durch die Kommission
Obwohl Organspende und -transplantation für jeden Mitgliedstaat spezifisch sind und vom jeweiligen Gesundheitssystem abhängen, sucht die Europäische Kommission nach Möglichkeiten, die europäischen Länder auf EU-Ebene zu unterstützen.
„Die Europäische Kommission unterstützt die nationalen zuständigen Behörden (NCAs), indem sie den Austausch von Informationen zwischen ihnen erleichtert, einschließlich der Leitlinien des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), insbesondere während der COVID-19-Krise“, so die EU-Kommission in einer Presseerklärung.
Das ECDC erstellt beispielsweise Pläne für den Umgang mit Epidemieausbrüchen, bei denen Blut, Gewebe, Zellen und Organe betroffen sind. In jüngster Zeit konzentrierten sich seine Bewertungen auf das Ebola-Virus, das West-Nil-Virus, das Zika-Virus und Hepatitis A.
Die Kommission und die EU-Abgeordneten arbeiten auch an der Überarbeitung der Sicherheits- und Qualitätsstandards für Substanzen menschlichen Ursprungs (SoHO). Die spanische EU-Ratspräsidentschaft hofft, eine vorläufige Einigung zu finden, bevor die Präsidentschaft am 31. Dezember endet.
Bei allen Transplantationen sollten die Versorgungsstandards „in jedem Land so hoch wie möglich“ sein, ohne „irgendwelche Kompromisse“, so Müller abschließend.
[Bearbeitet von Giedrė Peseckytė/Nathalie Weatherald/Kjeld Neubert]