Postkarte aus Gastein: Europas Gesundheits-Davos in den Alpen

Als der österreichische Arzt Günther Leiner 1998 das Forum ins Leben rief, wollte er einen Raum schaffen, in dem Politiker, NGOs, Wissenschaft und Pharmaindustrie an einem Tisch zusammenkommen.

EURACTIV.com
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image-1000x700 [Foto: Emma Pirnay/Euractiv]

BAD GASTEIN, Österreich – Eingebettet zwischen Bergen, Wäldern und Wolken ist das European Health Forum Gastein – kurz: Gastein – weit mehr als nur eine malerische Kulisse für Gesundheitspolitik-Insider. Für jene, die es sich leisten können, bietet es die Gelegenheit, auf die Menschen zu treffen, die Europas wichtigste Gesundheitsdebatten prägen.

Der Ort sei keineswegs zufällig gewählt, betont Dorli Kahr-Gottlieb, Generalsekretärin der „unabhängigen, überparteilichen“ Jahreskonferenz, die seit fast 30 Jahren in derselben alpinen Umgebung stattfindet.

„Wir bekommen diese Frage oft: Warum ausgerechnet dieser abgelegene Ort in den Alpen und warum ganz Europa hierherbringen? Wir wissen, es ist nicht einfach, hierherzukommen“, sagt Kahr-Gottlieb.

Als der österreichische Arzt Günther Leiner 1998 das Forum ins Leben rief, wollte er einen Raum schaffen, in dem Politiker, NGOs, Wissenschaft und Pharmaindustrie an einem Tisch zusammenkommen.

Ein „bisschen Davos steckt schon darin“, räumt Kahr-Gottlieb ein. Nicht umsonst trägt Gastein den inoffiziellen Beinamen „Public-Health-Davos“ – in Anlehnung an das Weltwirtschaftsforum, wo Eliten, Politiktechnokraten und dicht getaktete Meetings aufeinandertreffen.

Dass dabei durchaus handfeste Ergebnisse entstehen, „aus den Wolken von Gastein“, wie sie sagt, zeigen Initiativen wie die EU-Richtlinie zur grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung oder die europäische Global-Health-Strategie.

Gleichzeitig ist Gastein auch jener Ort, an dem man in derselben Sitzung der EU-Gesundheitskommissar über eine „wettbewerbsfähige Wirtschaft“ sprechen hört – nur um direkt danach aus dem Publikum eine Wortmeldung zu „Neofaschisten“ zu erleben.

Im Unterschied zu Davos zieht Gastein allerdings mehr NGOs und zivilgesellschaftliche Organisationen an als Pharma-Topmanager. Zwar rücken Panels verstärkt Innovation und Industrie in den Vordergrund, doch auch große Themen – von der Prävention chronischer Krankheiten bis hin zu fossilen Brennstoffen und Gesundheit – bleiben präsent.

Neben Diskussionsrunden bietet das Programm Tanzsessions, „Walking Dialogues“ und Smoothie-Pausen – was dem Event eher den Charakter eines teuren Sommercamps verleiht als den eines Davos. Mit einer Einschränkung: Zahlreiche Treffen finden hinter verschlossenen Türen statt.

Netzwerk und Zugang

Viele beschreiben Gastein als wichtigsten Networking-Hub für Gesundheitspolitik außerhalb Brüssels – und bis zu einem gewissen Grad stimmt das. Doch für jene, die seit einem Jahrzehnt regelmäßig oder sporadisch dabei sind, fallen die Veränderungen auf.

Einst, so heißt es, konnte man den Gesundheitskommissar noch zufällig im Gang abfangen – und er nahm sich Zeit für Fragen.

Bei einem privaten VIP-Dinner am Rande des Forums erklärte EU-Gesundheitskommissar Olivér Várhelyi laut Teilnehmern, er wolle die Finanzierung von „Konferenztourismus“ stoppen. Die EU-Kommission hatte bereits im Juli entschieden, die Betriebskostenzuschüsse für NGOs zu streichen – viele Gastein-Besucher profitieren jedoch genau von dieser Förderung.

Eine junge Teilnehmerin vom Roten Kreuz, die über ein Gastein-Stipendium anreisen konnte, sagte gegenüber Euractiv, die Veranstaltung sei eine hervorragende Gelegenheit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, denen man sonst wohl nie begegnet wäre.

Sichtbarkeit hat allerdings ihren Preis: Das Forum, unterstützt vom österreichischen Gesundheitsministerium und der EU-Kommission, verlangt von Sponsoren rund 40.000 Euro pro Panel. Der reguläre Eintritt liegt bei 1.950 Euro, vergünstigt für Beamte und Zivilgesellschaft.

Blick nach vorn

Für manche Besucher sind die Gründe strategischer Natur: Gastein ist einer der wenigen Orte, um die richtigen Leute direkt zu erreichen – und um zu testen, ob Ideen über Österreich hinaus Bestand haben.

Willo Brock, EU-Repräsentant der Impfstoff-Allianz CEPI und heuer erstmals dabei, betont: „Es ist tatsächlich eine gute Gelegenheit, verschiedene Minister aus Mitgliedstaaten zu treffen.“ Besonders spannend werde das kommende Jahr, wenn die Regierungen über den nächsten siebenjährigen EU-Haushalt von zwei Billionen Euro verhandeln.

Für die meisten bleibt Gastein jedoch jener Ort, an dem man EMA-Chefin Emer Cooke am Salatbuffet trifft – oder zufällig ins Gespräch kommt mit jemandem, der in ein paar Jahren zu den Entscheidungsträgern zählen könnte.

(bms, jl)