Rezessionsängste wachsen: Euroraum-Inflation erreicht Dreijahrestief
Die Inflation im Euroraum sank im Juli auf 1 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit 2016. Nun steigt der Druck auf die Europäische Zentralbank, die Wiederaufnahme ihres Konjunkturprogramms im September in Erwägung zu ziehen.
Die Inflation im Euroraum ist im Juli auf ein Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit 2016 gefallen, so kürzlich veröffentlichte Eurostat-Daten. Diese Daten erhöhen den Druck auf die Europäische Zentralbank, die Wiederaufnahme ihres Konjunkturprogramms im September in Erwägung zu ziehen.
Die Inflation in der Eurozone sank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (2,2 Prozent) um mehr als einen Prozentpunkt und lag damit unter dem EZB-Ziel von 2 Prozent.
Die vergangene Woche veröffentlichte Eurostat-Prognose zeigte auch, dass das BIP zwar weiter wächst, aber im zweiten Quartal 2019 nur um 0,2 Prozent gestiegen ist.
Deutschland, die stärkste Wirtschaftsmacht der Eurozone, könnte bald in eine Rezession geraten, warnte die Bundesbank in einer am Montag veröffentlichten Mitteilung.
„Wichtige Gründe sind die internationalen Handelskonflikte und der Brexit,“ ließ der deutsche Zentralbanker Jens Weidmann verlauten und bezeichnete die Konjunkturabschwächung als Flaute.
Der Euroraum leide unter der „nachlassenden globalen Wachstumsdynamik und dem schwachen internationalen Handel“, erklärte auch EZB-Präsident Mario Draghi auf einer Pressekonferenz im Juli.
Keine Entscheidung vor September
Draghis Kommentare wurden in diesem Zusammenhang weithin als eine „offene Tür“ für die EZB interpretiert, um ihr Anleihekaufprogramm wieder in Gang zu bringen. Nach der Sitzung des EZB-Rates im Juli lagen alle Optionen zur Ankurbelung der Wirtschaft des Euroraums auf dem Tisch.
Die EZB wird im September auf Grundlage der neuesten Prognose eine Entscheidung treffen. Aber einige seiner Mitglieder geben bereits öffentliche Stellungnahmen ab, um die Weichen zu stellen: Der estnische Zentralbankgouverneur Madis Müller hat in einem Artikel zum Ausdruck gebracht, dass die Bank, da die Inflation in der Eurozone weiter vom EZB-Ziel entfernt ist, „die Wirtschaft noch in Schwung bringen muss“.
In einem Interview mit dem Wall Street Journal vor einigen Tagen erklärte der finnische Zentralbankgouverneur Olli Rehn indes, dass „substanzielle und ausreichende“ Anleihenkäufe sowie Zinssenkungen erforderlich sein könnten. Die EZB hielt ihren Leitzins im Juli bei Null.
„Es ist wichtig, dass wir im September ein bedeutendes und wirkungsvolles Maßnahmenpaket vorlegen“, betonte Rehn.
Draghi zufolge prüft die EZB seit mehreren Monaten einen geldpolitischen Stimulus, „um sicherzustellen, dass die finanziellen Bedingungen weiterhin sehr günstig bleiben und die Expansion des Euroraums unterstützen“.
Wenn sich die Situation nicht verbessert, sei der EZB-Rat „entschlossen, zu handeln“, betonte der EZB-Präsident.
Draghi wird im Oktober durch Christine Lagarde, die ehemalige Leiterin des Internationalen Währungsfonds, ersetzt.
Anleihekaufpolitik
Die EZB lancierte im März 2015 ein Programm zum Ankauf von Vermögenswerten des öffentlichen Sektors in Sekundärmärkten (PSPP). Im Rahmen dieses Programms kaufte die EZB öffentliche Anleihen auf Sekundärmärkten, um das Wachstum zu stimulieren und der Deflation in der Eurozone entgegenzuwirken.
Die Regelung wurde im Dezember 2018 eingestellt, nur wenige Tage nachdem die EZB einen wegweisenden Prozess vor dem Europäischen Gerichtshof gewonnen hatte. Das Gericht unterstützte das Programm, indem es bestätigte, dass es in den Zuständigkeitsbereich der EZB falle und das einzige Mittel des Kreditgebers zur Bekämpfung der Deflation gewesen sei.
Draghi könnte diesen Trumpf im September erneut nutzen.
[Bearbeitet von Frédéric Simon und Britta Weppner]