Scharfe Kritik an Ackermann: "Kein Massenexodus von Bankern aus der EU"

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat mit seiner Aktionismus-Schelte gegen europäische Politiker massive Kritik ausgelöst. Die EU-Abgeordneten Sven Giegold (Grüne) und Udo Bullmann (SPD) verteidigen auf EURACTIV.de harte Regeln für den EU-Finanzmarkt. Giegold erinnert Ackermann an seine Führungsaufgabe. Bullmann beharrt darauf, dem "Bonuswahnsinn im Bankenwesen" ein Ende zu setzen.

Fliehen Europas Banker bald in asiatische Finanzzentren wie Singapur, weil die Bonus-Regeln in der EU zu streng sind? Josef Ackermanns Ängste führen zu massiver Kritik. Fotos: Ulla Trampert / pixelio.de (L), dpa (R).
Fliehen Europas Banker bald in asiatische Finanzzentren wie Singapur, weil die Bonus-Regeln in der EU zu streng sind? Josef Ackermanns Ängste führen zu massiver Kritik. Fotos: Ulla Trampert / pixelio.de (L), dpa (R).

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat mit seiner Aktionismus-Schelte gegen europäische Politiker massive Kritik ausgelöst. Die EU-Abgeordneten Sven Giegold (Grüne) und Udo Bullmann (SPD) verteidigen auf EURACTIV.de harte Regeln für den EU-Finanzmarkt. Giegold erinnert Ackermann an seine Führungsaufgabe. Bullmann beharrt darauf, dem „Bonuswahnsinn im Bankenwesen“ ein Ende zu setzen.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann erntet mit seiner Kritik an einer strengen Finanzmarktregulierung in der EU (EURACTIV.de vom 17. November 2010) heftigen Widerspruch. "Ackermann irrt, wenn er glaubt, die überfälligen Reformen wieder in Frage stellen zu können", sagte der grüne EU-Politiker Sven Giegold heute gegenüber EURACTIV.de. Man habe in der EU auf Druck des Europaparlaments die weltweit strengsten Regeln für die Bezahlung von Bankmanagern beschlossen. Doch trotz der Strenge sei "mitnichten zu erwarten, dass dadurch ein Massenexodus von Bankern aus der EU erfolgt".So groß sei die internationale Mobilität jenseits der EU selbst bei Bankern nicht.

"Vielmehr stehen die Banken nun vor der Aufgabe, ihre Unternehmenskultur zu verändern", so der finanz- und wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen im EU-Parlament. "Einige Banken, wie auch die deutschen Sparkassen und Volksbanken, machen längst vor, dass es auch anders geht." Hier liege "Ackermanns Führungsaufgabe".

Ackermann: Aktionismus gefährdet Finanzplatz Europa

Ackermann hatte  am Dienstag angesichts schärferer Bonus- und Hedgefondsregeln in der EU vor Nachteilen für den europäischen Finanzmarkt gewarnt. Einige europäische Politiker verfielen unter dem Druck ihrer Heimatländer in Aktionismus, so der Chef der Deutschen Bank. Die Entwicklungen gefährdeten das Ansehen, die Attraktivität und die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Finanzmarktes, der mit wachsender Konkurrenz aus Asien zu kämpfen habe.

Die EU hat sich im Sommer auf eine Deckelung von Banker-Boni verständigt (EURACTIV.de vom 7. Juli 2010) und jüngst die Regulierung von Hedge-Fonds und Private-Equity-Gesellschaften auf den Weg gebracht (EURACTIV.de vom 11. November 2010).

In Zukunft werden in der EU Boni nur teilweise in bar und im Voraus gezahlt. Zwischen 40 und 60 Prozent müssen mindestens drei Jahre zurückgestellt werden, um die Nachhaltigkeit des Erfolges abzuwarten. Verluste der Banken sollen die Boni schmälern.

Bullmann: Bonuswahnsinn im Bankenwesen ein Ende setzen

Auch der sozialdemokratische EU-Abgeordnete Udo Bullmann widerspricht den Thesen Ackermanns: "Der europäische Finanzmarkt wird nicht durch die Regulierung der Banker-Boni gefährdet, sondern vielmehr durch falsche Anreizsysteme für Manager und die Gier der Spekulanten", so der Fraktionssprecher für Wirtschaft und Währung gegenüber EURACTIV.de.

Die Vergütungsregeln der Branche hätten dazu beigetragen, dass Banker im Vorfeld der Krise unverhältnismäßig hohe Risiken eingegangen seien. "Mittels Bonuszahlungen wurde im Erfolgsfall Kasse gemacht", so Bullmann. "Für die Misserfolge hingegen musste am Ende der Steuerzahler gerade stehen." Deshalb sei es höchste Zeit, dass der Bonuswahnsinn im Bankenwesen ein Ende findet.

Bullmann verteidigte das Vorgehen des EU-Parlaments. Die neue Vergütungspolitik habe das langfristige Wohl von Unternehmen und Beschäftigten im Auge. "Dazu gehört auch, dass Missmanagement in Zukunft sanktioniert wird", so Bullmann. "Wir beobachten jetzt sehr genau, wie sich die neuen Regeln in der Praxis bewähren." Sollte sich herausstellen, dass Banken versuchen, die Vorschriften zu umgehen, werde man "nachlegen".

Giegold: "Unverhohlen drohen Ackermann & Co"

Giegold sieht ebenfalls gute Gründe für die neuen EU-Regeln. Die Konkurrenz der Banken und Fonds um die ‚besten‘ Investmentexperten habe die Institute verführt, am kurzfristigen Erfolg orientierte Boni zu vereinbaren. "Erwiesen sich die getätigten Geschäfte in der Zukunft aber als verlusttragend, so gab es in der Regel keinen Malus", so Giegold. "Den Schaden hatten Aktionäre, Anleger und Steuerzahler."

Hier müsse und werde sich das "Primat der Politik" beweisen, sagte Giegold. Die neuen europäischen Regeln für Gehälter und Boni von Managern in Finanzinstituten seien ein großer Fortschritt der Finanzmarktregulierung. "Selbstverständlich werden sie jetzt auch umgesetzt."

Giegold verwies auf weitere Maßnahmen der europäischen Finanzmarktregulierung. 2011 würden die neuen Eigenkapitalvorschriften für Banken verhandelt. "Auch hier kündigen die Bankenverbände das Ende des Abendlandes an, wenn die Institute nun selbst für ihr Tun haftbar werden sollen", so Giegold.

"Unverhohlen drohen Ackermann & Co, die Kreditversorgung der Wirtschaft massiv zurückzufahren, wenn die Eigenkapitalanforderungen ernstlich angehoben werden." Auch hier werde der EU-Rat und das Europaparlament, angeführt von Berichterstatter Othmar Karas, das Primat der Politik verteidigen müssen. "Solange Banken genug Geld für Dividenden, Boni und Übernahmen haben, darf die Politik sie nicht aus der Verantwortung für die Kreditversorgung des Mittelstands lassen."

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Links


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EURACTIV.de: Ackermann: EU-Finanzmarkt in Gefahr (17. November 2010)

EURACTIV.de: Hedge-Fonds: Die Zeit für Heuschrecken ist vorbei (11. November 2010)

EURACTIV.de: EU deckelt Banker-Boni (7. Juli 2010)

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EURACTIV.de: Banker-Boni: Barroso für EU-Alleingang (21. September 2009)

EURACTIV.de:
Europa debattiert Bonus-Exzesse (28. August 2009)

Dokumente

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EU-Kommission: Aufsicht und Ausschussstruktur im Finanzdienstleistungssektor. Übersicht.

Europäischer Rat: Proposal for a Directive of the European Parliament and of the Council amending Directives 2006/48/EC and 2006/49/EC as regards capital requirements for the trading book and for re-securitisations, and the supervisory review of remuneration policies – Letter to European Parliament (30. Juni 2010)