Trichet verteidigt Kauf von Anleihen
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat die jüngsten Anleihen-Käufe europäischer Notenbanken verteidigt. FDP-Generalsekretär Christian Lindner übt indessen Kritik: "Die Notenbank darf nicht Partei werden."
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat die jüngsten Anleihen-Käufe europäischer Notenbanken verteidigt. FDP-Generalsekretär Christian Lindner übt indessen Kritik: „Die Notenbank darf nicht Partei werden.“
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"Wir haben beobachtet, dass unsere Entscheidungen in der Euro-Zone nicht angekommen sind. Deshalb haben wir entschieden, von unseren Regeln in der Geldpolitik abzuweichen", sagte Jean-Claude Trichet am Montag im ZDF. In der ARD erklärte der EZB-Präsident: "Wenn die Märkte in Aufruhr sind, erreichen unsere geldpolitischen Maßnahmen, unsere Zinsentscheidungen, nicht mehr alle Volkswirtschaften. Dann können wir aus geldpolitischen Gründen auch außergewöhnliche Maßnahmen ergreifen, zum Beispiel die, Sicherheiten aufzukaufen."
Zuvor hatten Händler gesagt, europäische Zentralbanken hätten in zwei Runden Staatsanleihen Italiens und Spaniens aufgekauft, um die Schuldenkrise in der Euro-Zone einzudämmen. Einem Marktteilnehmer zufolge hätten sich an der Aktion neben der italienischen Notenbank auch andere Zentralbanken beteiligt. Die Aufkäufe am Nachmittag seien weniger massiv als am Vormittag gewesen.
FDP-Vorwürfe auch an Barroso
FDP-Generalsekretär Christian Lindner übt indes heftige Kritik am Ankauf spanischer und italienischer Staatsanleihen durch die Zentralbank. "Die EZB fällt in eine Politik zurück, die ich nicht für empfehlenswert halte. Die Notenbank darf nicht Partei werden", sagte Lindner dem "Handelsblatt". Auf die Frage, was die Bundesregierung dagegen tun könne, sagte Lindner: "Die EZB ist unabhängig in ihren Entscheidungen."
Zudem warf Lindner EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vor, zwei Wochen nach dem Eurogipfel dessen Ergebnisse quasi amtlich anzuzweifeln. "Er sollte sich darauf konzentrieren, den beschlossenen Stabilitätspakt zu konkretisieren." Barroso habe die Märkte verunsichert, wurde Lindner zitiert. Barroso brachte in der vergangenen Woche eine erneute Ausweitung des Euro-Rettungsschirmes EFSF ins Gespräch. Damit stieß er auch schon bei der Bundesregierung auf Kritik (EURACTIV.de vom 4. August 2011).
"Falsches Signal"
Der Chefökonom des Ifo-Instituts hält den Feuerwehreinsatz der EZB für die Schuldenstaaten Italien und Spanien an den Anleihemärkten für ein gewagtes Manöver. "Das ist zwar momentan hilfreich, sendet über die kurze Sicht hinaus aber ein falsches Signal", sagte Kai Carstensen am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Die EZB spiele für die Politik den Nothelfer, womit ihre Unabhängigkeit weiter Schaden nehme. "Die Politik lässt alles immer so lange anköcheln, bis es anbrennt. Dann kommt die EZB."
Die Zentralbank vertraue bei ihren Stützungskäufen am Anleihemarkt auf die Zusicherung der Politik, dass der Europäische Rettungsschirm (EFSF) diese Rolle später übernehmen werde, kritisierte der Experte des Münchner Ifo-Instituts. Die Ankäufe seien aber nur "Ad-hoc-Maßnahmen", die nichts an den Grundproblem der überhöhten Schuldenlast der betroffenen Länder änderten. Insbesondere Italien habe lange Zeit zu wenig getan, um das Problem anzugehen.
"Glaubwürdige" Ankündigung
Der Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, Gustav Horn, hingegen hält es für richtig, dass etwa die EZB während der Marktturbulenzen Verantwortung übernimmt: "Von ganz entscheidender Bedeutung ist es, dass die Zentralbanken hinter den Regierungen stehen und ihre Staaten, Währungen und auch Staatsanleihen schützen", sagte der Ökonom gegenüber Reuters. "Die Notenbanken haben de facto unbegrenzte Macht, was Aufkäufe angeht. Sie sind die Herrinnen des Geldes und sie können notfalls so viel Geld drucken, wie es bedarf." Wenn die Banken "glaubwürdig" ankündigten, dass sie ihre Mittel einsetzen, könne dies auf Dauer zur Beruhigung der Märkte beitragen, sagte Horn.
Mit der Beruhigung der Märkte sollte sich auch die Weltkonjunktur wieder ein bisschen stabilisieren, betonte Horn. Er gehe weiter von einem gemäßigten globalen Aufschwung aus und davon, "dass ein konjunktureller Absturz vermieden wird". Deshalb sei er auch optimistisch, dass bei erfolgreichem Krisen-Management die IMK-Wachstumsprognose für Deutschland von vier Prozent in diesem Jahr erreicht werden könne.
EURACTIV/rtr/dto
Links
EZB: Stellungnahme des EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet (7. August 2011)
Presse
Handelsblatt: "Die Märkte riechen doch die Angst" (9. August 2011)
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Barroso fordert Überprüfung des Euro-Rettungsfonds (4. August 2011)
Dokumente zu Euro-Bonds
Jacques Delpla/Jakob von Weizsäcker: ‚The Blue Bond Proposal‘. Erschienen im Bruegel Policy Brief 2010/03 (Mai 2010)
Jacques Delpla/Jakob von Weizsäcker: ‚Eurobonds: The blue bond concept and its implications‘. Erschienenin: Bruegel Policy Contribution 2011/02 (März 2011)
Axel Weber, Jens Ulbrich und Karsten Wendorff: ‚Safeguarding financial market stability, strengthening investor responsibility, protecting taxpayers. A proposal to reinforce the European Stability Mechanism through supplementary bond issuance terms‘. Deutsche Bundesbank (März 2011)
Dokumente zum Euro-Gipfel / zur Griechenland-Hilfe
EZB: Statement by the President of the ECB (7. August 2011)
Bundesregierung: Gemeinsames deutsch-französisches Kommuniqué zur aktuellen Situation in der Euro-Zone (7. August 2011)
Barroso: Brief an die Staats- und Regierungschefs der Eurozone (3. August 2011)
Rat: A common response to the crisis situation. Pressemitteulung zum Euro-Gipfel (21. Juli 2011)
Rat: Erklärung der Staats- und Regierungschefs des Euro-Währungsgebiets und der EU-Organe (22. Juli 2011)
Rat: Remarks by President Van Rompuy at the press conference following the Eurozone Summit (21. Juli 2011)
Kommission: Statement by President Barroso following the meeting of the Heads of State or Government of the Euro area (21. Juli 2011)
IIF: Greece Financing Offer: Statement by the IIF Board of Directors. Pressemitteilung (21. Juli 2011)
IIF: IIF Financing Offer (21. Juli 2011)
Bundesregierung: Mitschrift Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Merkel zum Euro-Gipfel (22. Juli 2011)
Bundestag: Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP
zu der Abgabe einer Regierungserklärung durch den Bundesminister der Finanzen
Stabilität der Eurozone sichern – Reformkurs in Griechenland vorantreiben (10. Juni 2011)
EZB: Building Europe, building institutions
Speech by Jean-Claude Trichet, President of the ECB on receiving the Karlspreis 2011 in Aachen (2. Juni 2011)
EZB: Target 2
EFSF: Internetseite
EFSF: Newsletter July 2011
Deutsche Bank: Zwischenbericht zum 30. Juni 2011 (26. Juli 2011)
EURACTIV.de-Interviews zur europäischen Schuldenkrise
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