Tschechiens geplante Penicillin-Produktion stößt auf Kritik

Das tschechische Gesundheitsministerium plant, die Produktion von Penicillin im Land anzuregen. Die Überlegung stößt jedoch auf viele Herausforderungen und Kritik, da weder im Land noch in der EU ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung stehen.

EURACTIV.cz
Penicillin,Antibiotic,Bacterial,Infection,Antibiotic,Injection,Oral
Die Tschechische Republik sieht sich, wie andere EU-Länder auch, mit einem Penicillin-Mangel konfrontiert. Angesichts der bevorstehenden Herbst- und Wintersaison, in der üblicherweise mehr Krankheiten auftreten, ist das Problem besonders akut [[Shutterstock/luchschenF]]

Das tschechische Gesundheitsministerium plant, die Produktion von Penicillin im Land anzuregen. Die Überlegung stößt jedoch auf viele Herausforderungen und Kritik, da weder im Land noch in der EU ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung stehen.

Die Tschechische Republik sieht sich, wie andere EU-Staaten auch, mit einem Penicillin-Mangel konfrontiert. Angesichts der bevorstehenden Herbst- und Wintersaison, in der üblicherweise mehr Krankheiten auftreten, ist das Problem besonders akut.

Das Land versucht nun, genügend Packungen Penicillin aus dem Ausland zu beschaffen, indem es Vereinbarungen mit potenziellen Händlern trifft.

Wie Euractiv bereits berichtet hat, arbeitet Prag auch an neuen Gesetzen, um der Arzneimittelknappheit im Allgemeinen entgegenzuwirken. In der Zwischenzeit ist auch eine Diskussion über eine mögliche Penicillin-Produktion im Land entbrannt.

Der tschechische Gesundheitsminister Vlastimil Válek (TOP 09/EVP) ist überzeugt, dass die Produktion innerhalb von zwei Jahren aufgenommen werden könnte, da er bereits mit Pharmaunternehmen verhandelt.

„Wir verhandeln mit mehreren potenziellen Unternehmen, die die Bedingungen für die Produktion von beispielsweise Penicillin erfüllen könnten. Bislang scheinen die Verhandlungen sehr gut zu verlaufen. Ich rechne damit, dass wir die Verhandlungen noch sechs Monate lang fortsetzen werden, möglicherweise auch länger“, sagte Minister Válek gegenüber tschechischen Medien.

Das Ministerium gab jedoch nicht an, in welcher Herstellungsphase von Penicillin der Staat einsteigen will. Er könnte die Produktion von pharmazeutischen Wirkstoffen (API), die Herstellung von Tabletten aus den zugelieferten API oder nur die Verpackung der fertigen Tabletten übernehmen.

Penicillin wurde in der Tschechischen Republik seit den 1940er Jahren hergestellt, doch die Produktion wurde nach und nach eingestellt.

Heute liefern Unternehmen aus der Slowakei, Slowenien, Österreich und Deutschland Antibiotika in die Tschechische Republik.

Die Produktion von wichtigen Komponenten, in diesem Fall die Wirkstoffe von Antibiotika, findet hauptsächlich außerhalb Europas in asiatischen Ländern statt. In Europa werden die Antibiotika aus gelieferten Substanzen hergestellt.

Penicillin-Produktion in Europa wurde verschlafen

Der Plan des tschechischen Ministeriums stieß auf Kritik. Laut der tschechischen EU-Abgeordneten Kateřina Konečná (KSČM/EU-Linke) ist die Produktion von Penicillin nicht nur in der Tschechischen Republik, sondern auch in Europa ein Langzeitprojekt, doch es wurde nichts ernsthaft unternommen, um bestehende Hindernisse zu überwinden.

„Die Wiederaufnahme der Produktion von Arzneimitteln im Allgemeinen, nicht nur von Antibiotika, ist seit der Ankündigung der sogenannten Arzneimittelstrategie für Europa im Jahr 2020 ein Langzeitprojekt der Europäischen Kommission. Leider wurde seither weder auf EU- noch auf nationaler Ebene etwas unternommen, um diesen Plan umzusetzen“, so Konečná gegenüber Euractiv.

„Was die Herstellung von Antibiotika betrifft, so sehe ich hier überhaupt keine Initiative der EU“, sagte Konečná. [European Parliament]

Konečná ist davon überzeugt, dass die Herstellung von Arzneimitteln, insbesondere den für die Medikamentenproduktion notwendigen pharmazeutischen Wirkstoffe (API), massive Investitionen erfordern wird.

„Niemand hat diese Mittel bisher bereitgestellt, sie stehen noch nicht einmal auf der Agenda“, erklärte die tschechische EU-Abgeordnete, die sich seit mehreren Jahren mit der Gesundheitsagenda befasst.

„Was die Produktion von Antibiotika betrifft, so sehe ich hier überhaupt keine Initiative der EU“, sagte Konečná.

Die Pläne der Tschechischen Republik, die Produktion in ihrem Land aufzunehmen, hält Konečná für leere Versprechen.

„Um erfolgreich zu sein, müsste der tschechische Staat Milliarden von Kronen an Fördergeldern zahlen oder einen starken Privatinvestor finden. Selbst wenn es dem tschechischen Gesundheitsministerium gelingen sollte, Investitionen zu erhalten, könnte die Wiederaufnahme der Produktion erst in einigen Jahren realistisch sein“, sagte sie.

„Das hätte keinen Einfluss auf die aktuelle Krise“, sagte Konečná.

Euractiv sprach auch mit Vertretern von innovativen Unternehmen. Ihnen zufolge ist der Plan des Ministeriums unrealistisch, solange es nicht seine Preisstrategie ändert und ein neues System zur Erstattung von Antibiotika einführt.

Tschechische Vertreter der Hersteller von Generika (Nachahmerpräparate) wiesen darauf hin, dass es notwendig sei, die Produktion von Medikamenten auf gesamteuropäischer Ebene voranzutreiben, damit nicht in dieselben Produktionsphasen derselben Medikamente in einzelnen Ländern investiert werden müsse.

Euractiv fragte das tschechische Ministerium nach näheren Einzelheiten, insbesondere, ob die geplante Penicillin-Produktion in der Tschechischen Republik als ein Versuch gesehen werden kann, den Antibiotikamangel auf europäischer Ebene zu bekämpfen. Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels ist jedoch keine Antwort auf diese Frage eingegangen.

[Bearbeitet von Vasiliki Angouridi/Kjeld Neubert]