Über 90 Tote bei Anschlag und Massaker in Norwegen
Bei einer Bombenexplosion in Oslos Regierungsviertel und einem Massenmord an Jugendlichen in einem Ferienlager starben gestern in Norwegen mindestens 91 Menschen. Es ist der schwerste Anschlag in Europa seit dem Terrorangriff in Madrid 2004. Der Täter hat teilweise gestanden, beide Attentate allein ausgeführt zu haben.
Bei einer Bombenexplosion in Oslos Regierungsviertel und einem Massenmord an Jugendlichen in einem Ferienlager starben gestern in Norwegen mindestens 91 Menschen. Es ist der schwerste Anschlag in Europa seit dem Terrorangriff in Madrid 2004. Der Täter hat teilweise gestanden, beide Attentate allein ausgeführt zu haben.
Der schwerste Terroranschlag in Norwegen seit Ende des zweiten Weltkriegs hat vermutlich einen rechtsextremen Hintergrund. Die Polizei nahm einen 32 Jahre alten Norweger fest. Sie macht ihn für das Bombenattentat im Osloer Regierungsviertel und für den Massenmord an Jugendlichen in einem Ferienlager der regierenden Arbeiterpartei wenige Stunden später verantwortlich.
Bei dem Doppelanschlag wurden mindestens 91 Menschen getötet. Die Zahl der Opfer könnte weiter steigen, da noch Schwerverletzte in Krankenhäusern behandelt wurden und unklar war, ob alle Toten geborgen worden waren. Weltweit löste die Tat Entsetzen aus.
Motiv des Täters
Nach Medienberichten handelt es sich bei dem Festgenommenen um den Norweger Anders Behring Breivik, der Kontakte zur rechtsextremen Szene in Norwegen unterhalten haben soll.
Medienberichten zufolge sollen Zeugen gegenüber der Polizei von einem Komplizen des Täters gesprochen haben. Die Polizei konnte dafür bisher keine Bestätigung finden. Breivik soll inzwischen beide Attentate teilweise gestanden haben. Er habe gesagt, beide Attentate allein ausgeführt zu haben. Laut seinem Anwalt soll er seine Taten als "grausam, aber notwendig" erachtet haben, um Europa vor "Marxismus und Islamisierung" zu retten.
Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg erklärte bei einer Pressekonferenz, das er nicht über die Motive der Attentate spekulieren wolle. Norwegen habe Probleme mit Rechtsextremen. "Aber verglichen mit anderen Ländern würde ich nicht sagen, dass wir ein großes Problem mit ihnen haben."
Zeugen des Massakers auf Utöya
Bei dem Bomenanschlag in der Osloer Innenstadt kamen mindestens sieben Menschen ums Leben. Nach bisherigen Ermittlungsergebnissen betrat Breivik wenige Stunden später in Polizeiuniform und bewaffnet die Ferieninsel Utöya in einem See bei Oslo. Bei dem Massaker sollen mindestens 84 Jugendliche getötet worden sein.
"Wir waren alle im Haupthaus, um die Ereignisse in Oslo zu besprechen", berichtete eine 16-jährige Zeugin. "Plötzlich hörten wir Schüsse. Wir dachten zuerst an einen Streich. Dann aber begann jeder wegzulaufen", sagte sie der Zeitung "Aftenposten". Sie habe einen Polizisten mit Ohrstöpseln gesehen. Der habe gesagt "Ich werde jeden kriegen" und habe begonnen zu schießen. "Wir rannten dann zum See und schwammen los."
"Ich sah, wie Leute erschossen wurden", sagte ein Überlebender. "Ich versuchte so still zu kauern wie möglich. Ich hatte mich hinter ein paar Steinen versteckt. Ich sah ihn einmal, 20 bis 30 Meter von mir entfernt." Er fürchte, dieses Grauen werde ihn nie mehr loslassen. Später habe er einige Boote gesehen, aber nicht gewusst, ob er den Insassen trauen könne. "Ich wusste nicht, wem ich überhaupt noch trauen konnte." Eine Anwohnerin, die auf der der Insel gegenüber liegenden Seeseite wohnt, berichtete: "Ich sah Leute ins Wasser springen, rund 50 versuchten das Ufer zu erreichen. Sie schrien, winkten, sie waren panisch. Die meisten seien jung gewesen, zwischen 14 und 19 Jahre alt.
Ermittlungen der Polizei
Später fand die Polizei nicht detonierten Sprengstoff auf der Insel, der wahrscheinlich dem Attentäter gehörte. Ein Journalist der Zeitung "Aftenposten" sagte im Deutschlandfunk, der Mann sei vor einigen Wochen in ein Dorf übergesiedelt und habe sich dort als Gemüsebauer registrieren lassen. Er habe dort auch ein Laboratorium zur Sprengstoffherstellung eingerichtet, das von der Polizei in der Nacht zum Sonntag untersucht worden sei. Eine norwegische Ladenkette für landwirtschaftlichen Bedarf teilte mit, der Verdächtige habe sechs Tonnen Dünger an 4. Mai gekauft. Dünger kann zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden.
islamistischer Hintergrund unwahrscheinlich
Ein islamistischer Hintergrund gilt derzeit als unwahrscheinlich. Wegen Drohungen des islamistischen Netzwerks Al-Kaida und der Machart des Bombenanschlags in der Innenstadt mit einer Autobombe war zunächst spekuliert worden, radikale Moslems stünden hinter dem Anschlag.
Frühere Anschläge
Der letzte rechtsextreme Anschlag einer dermaßen großen Dimension wurde 1995 in der US-Stadt Oklahoma ausgeführt. Damals kamen 168 ums Leben, weil Timothy McVeigh Sprengstoff in einem Laster vor einem Regierungsgebäude zündete.
Das Massaker in Norwegen ist zugleich der schwerste Anschlag in Europa seit den Zuganschlägen am 11. März 2004 in Spaniens Hauptstadt Madrid. Damals töteten islamistische Terroristen bei einer Serie von zehn Bomenexplosionen auf Züge insgesamt 191 Menschen, 2051 Menschen wurden verletzt.
EURACTIV/rtr/mka