UK verklagt: „Negative Emissionen“ durch Holzverbrennung

Umweltgruppen brachten die Regierung des Vereinigten Königreichs am Montag (13. November) vor Gericht. Diese plant, Milliarden für Biomasse mit CO2-Abscheidung und -Speicherung auszugeben.  Auch die Europäischen Union denkt über diese Technologie nach.

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Biomass plant
„Die Begründung der Regierung dafür, dass BECCS negative Emissionen verursacht, verstößt gegen die internationalen CO2-Bilanzierungsprotokolle, die dem Pariser Abkommen zugrunde liegen, welches das Vereinigte Königreich unterzeichnet hat“, heißt es in einer Erklärung von The Lifescape Project und Partnership for Policy Integrity (PPI), zwei Umweltgruppen, die in diesem Fall als Kläger auftreten. [<a href="https://www.shutterstock.com/image-photo/warehouse-felled-trees-factory-smoking-chimneys-1953156904" target="_blank" rel="noopener">EvGavrilov / Shutterstock</a>]

Umweltgruppen brachten die Regierung des Vereinigten Königreichs am Montag (13. November) vor Gericht. Diese plant, Milliarden für Biomasse mit CO2-Abscheidung und -Speicherung auszugeben.  Auch die Europäischen Union denkt über diese Technologie nach.

Die Kläger behaupten, die CO2-Abscheidung und -Speicherung (Biomass with Carbon Capture and Storage, BECCS) beruhe auf fehlerhaften Buchhaltungsannahmen. So werde das abgeschiedene CO2 durch die Holzverbrennung als negative Emissionen angerechnet, obwohl der Prozess aus klimatischer Sicht bestenfalls neutral sei.

„Die Begründung der Regierung dafür, dass BECCS negative Emissionen verursacht, verstößt gegen die internationalen CO2-Bilanzierungsprotokolle, die dem Pariser Abkommen zugrunde liegen, welches das Vereinigte Königreich unterzeichnet hat“, heißt es in einer Erklärung von The Lifescape Project und Partnership for Policy Integrity (PPI), zwei Umweltgruppen, die in diesem Fall als Kläger auftreten.

„Indem man Waldbiomasse verbrennt und sich auf BECCS verlässt, um negative Emissionen zu erzeugen, trägt man nicht zur gesetzlichen Verpflichtung der Regierung bei, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen“, warnten sie.

CO2-Amortisationszeit

Die im August veröffentlichte Biomassestrategie der britischen Regierung enthält ein Kapitel über BECCS, in dem erläutert wird, wie mithilfe der Technologie negative Emissionen erzielt werden können.

BECCS beruht auf einer einfachen Annahme: Da Bäume und Pflanzen beim Wachstum CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen, führt die Verbrennung von Biomasse zur Stromerzeugung und die Abscheidung der damit verbundenen Emissionen, um sie unterirdisch zu speichern, zu negativen Emissionen.

Nach Ansicht von Wissenschaftlern werden die negativen Emissionen jedoch erst dann realisiert, wenn neue Bäume gepflanzt werden und ausreichend wachsen, um die gleiche Menge an CO2 zu absorbieren – ein Prozess, der als „CO2-Amortisationszeit“ bezeichnet wird und mehrere Jahrzehnte dauern kann.

„Biomasseenergie wird als erneuerbar eingestuft, weil davon ausgegangen wird, dass das CO2 in den geernteten Materialien durch das Nachwachsen aus der Atmosphäre entfernt und das bei der Verbrennung freigesetzte CO2 im Laufe der Zeit wieder absorbiert wird“, so der European Academies Science Advisory Council (EASAC), ein Zusammenschluss der nationalen wissenschaftlichen Akademien der 27 EU-Mitgliedstaaten sowie Norwegens und der Schweiz.

Während jedoch im Falle von Solar- und Windenergie die typischen Amortisationszeiten für CO2 – in Verbindung mit Bergbau und Produktion – nur Monate bis wenige Jahre betragen, ist die Amortisationszeit für Biomasse höchst ungewiss und hängt stark von der Art der verwendeten Biomasse ab.

„Pflanzen im Kurzumtrieb und Reststoffe aus nachhaltiger Forstwirtschaft können kurze Amortisationszeiten haben, aber die Ernte ganzer Bäume und die zusätzliche Gewinnung von Stammholz haben nachweislich Amortisationszeiten von vielen Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten“, so der EASAC in einer im letzten Jahr veröffentlichten Stellungnahme.

„Diese Verzögerung ist zu lang, um zur Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens beizutragen“, das die Klimaneutralität bis 2050 in den EU-Ländern vorsieht, warnte der EASAC und forderte die Politiker auf, „die Erwartung auszusetzen, dass BECCS bis 2050 einen signifikanten CDR-Abbau liefern kann.“

CO2-Bilanzierung als „Spielerei“

Selbst Befürworter von BECCS räumen einige Vorbehalte ein. In der Biomassestrategie des Vereinigten Königreichs heißt es beispielsweise, dass ein echter CO2-Abbau nur möglich ist, „wenn die Biomasse ‚gut reguliert‘ ist, also nachhaltig und mit einer entsprechenden Zertifizierung bezogen wird“, um die Abholzung von Wäldern zu vermeiden.

Die Aktivisten sagen hingegen, dass BECCS bestenfalls als Nullemissionen gezählt werden kann, aber unmöglich kurzfristig zu negativen Emissionen beitragen kann.

Nach den Bilanzierungsregeln der Vereinten Nationen gilt die Holzernte als Kohlenstoffquelle, die der Atmosphäre CO2 hinzufügt, und wird im Energiesektor als Null-Emissionen behandelt, um eine Doppelzählung der Emissionen zu vermeiden.

Die erneute Zählung der Emissionen bei der Verbrennung von Biomasse sei daher entweder ein mathematischer Fehler oder ein Trick bei der CO2-Bilanzierung, sagte Mary Booth, Direktorin bei PPI, einer der Beschwerdeführer in dem britischen Rechtsstreit.

„Dies ist eine Bilanzierungsspielerei“, sagte Booth gegenüber Euractiv und betonte, dass BECCS keine Nettoveränderung der CO2-Emissionen bewirke.

„Zuvor war der Kohlenstoff in den Bäumen enthalten und gelangte somit nicht in die Atmosphäre. Jetzt wird das CO2 unter der Erde gespeichert und ist somit immer noch nicht in der Atmosphäre. Aber es wurde kein neues CO2 aus der Atmosphäre ‚entfernt‘“, betonte Booth.

„Sie begehen die erste Todsünde von CO2-Inventaren – sie zählen die Entfernung des CO2 doppelt. Es ist wirklich keine Übertreibung zu sagen, dass das ganze System auf der Unfähigkeit oder dem Unwillen der Politiker beruht, Berechnungen anzustellen.“

Auswirkungen in der EU

Nach Ansicht von Aktivisten könnte der britische Rechtsstreit über das Vereinigte Königreich hinausgehen und Auswirkungen auf der anderen Seite des Ärmelkanals haben, wo die Europäische Union BECCS als eine Technologie mit negativen Emissionen fördert.

Am 30. November letzten Jahres schlug die Europäische Kommission ein System zur Zertifizierung des Abbaus von CO2 aus der Atmosphäre vor, das neue EU-weite Regeln für die Überprüfung durch Dritte, die Verwaltung von Zertifizierungssystemen und die Funktionsweise von Registern vorsieht.

BECCS wurde in dem Vorschlag als eine der wichtigsten Technologien zur Gewährleistung der dauerhaften Speicherung von CO2 aufgeführt, neben CO2-Anbautechniken wie der Agroforstwirtschaft und der CO2-Speicherung in Produkten wie Baumaterialien auf Holzbasis.

Darüber hinaus kündigte die EU-Kommission die Bereitstellung von 180 Millionen Euro für ein Projekt an, mit dem ein bestehendes Biomasseheizkraftwerk in Stockholm in eine BECCS-Anlage „von Weltrang, im großen Maßstab“, umgewandelt werden soll.

Befürworter des Projekts sagen, dass die Stockholmer BECCS-Anlage das Potenzial hat, in den ersten zehn Betriebsjahren etwa sieben Megatonnen CO2-Äquivalente zu beseitigen und den Weg für einen neuen Markt für den Netto-CO2-Abbau zu ebnen.

Booth sagte jedoch, das Projekt beruhe auf der falschen Annahme, dass Biomasse immer emissionsfrei sei. Sie verwies auf Belege dafür, dass Holzpellets, die in britischen Biomassekraftwerken verwendet und aus Amerika importiert werden, zur Abholzung artenreicher Wälder im Südosten der USA und in Kanada beigetragen haben, was den Klimawandel weiter begünstigt.

„Im Fall des schwedischen BECCS-Projekts – wenn man davon ausgeht, dass das Holz aus Schweden kommt – würde man, wenn man alle Senken und alle Emissionen aus dem Energiesektor und dem Landsektor zusammenzählt, sehen, dass das BECCS-Projekt bestenfalls Null-Emissionen, aber keine negativen Emissionen erzeugt“, erklärte Booth gegenüber Euractiv.

„Dies führt zu dem alten Problem zurück. Sie wollen Biomasse so behandeln, als hätte sie tatsächlich ‚null‘ Emissionen, und zwar ausschließlich auf der Grundlage der Bilanzierungskonvention, nach der Biomasse im Energiesektor als Null angerechnet wird“, sagte Booth.

Der Projektträger, Stockholm Exergi, reagierte nicht auf die Anfrage von Euractiv nach einer Stellungnahme.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]