Umgang mit Russlands Wirtschaftsgiganten

Die Rede ist von Giganten, wenn man von den Staatlichen Körperschaften im modernen Russland spricht. Gazprom mit 450.000 Mann ist nur eine davon. Bei der Vorstellung seines Buches über diese neuen Wirtschaftseinheiten übte Andrey Zverev, Wirtschaftschef an der Russischen Botschaft, auch Kritik an russischen Maßnahmen.

Zum Beispiel: Das Zentralstadion von Sotschi für die Olympischen Winterspiele 2014. (Foto: iCube)
Zum Beispiel: Das Zentralstadion von Sotschi für die Olympischen Winterspiele 2014. (Foto: iCube)

Die Rede ist von Giganten, wenn man von den Staatlichen Körperschaften im modernen Russland spricht. Gazprom mit 450.000 Mann ist nur eine davon. Bei der Vorstellung seines Buches über diese neuen Wirtschaftseinheiten übte Andrey Zverev, Wirtschaftschef an der Russischen Botschaft, auch Kritik an russischen Maßnahmen.

Humor hat er, der Professor aus Moskau, Leiter des Handels- und Wirtschaftsbüros und Gesandter der russischen Botschaft in Deutschland – auch wenn sein Thema auf den ersten Blick spröde wirkt. Als Andrey Zverev in Berlin sein Buch vor- und einen Systemvergleich anstellt, wer wie am besten auf die Krise reagiert habe, meint er: Der Kampf zwischen staatlicher und privater Ökonomie sei voll im Gange. "Wer recht hat, wissen wir nicht. Die Amerikaner kennen ja bereits die ganz private Ökonomie – und nun können sie sich in den sowjetische Gosplan einarbeiten."

Gosplan war in Sowjetzeiten das Staatskomitee für die zentrale Wirtschaftsplanung, jene Behörde, die vor allem den Fünfjahresplan zu erarbeiten hatte.

Zeit vor, während und nach der Krise

Seither hat sich viel in Russland geändert – aber die Richtung scheint noch nicht ganz klar. "Zwanzig Jahre nach Beginn der Reformen suchen wir immer noch Antworten und Lösungen", meint Zverev. Der bisherige Mainstream werde jedoch immer zweifelhafter. Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise habe alle vorangegangenen Prognosen der Weltwirtschaft entwertet und die Entwicklung eingeteilt in die Zeit vor, während und nach der Krise.

Man dürfe nicht vergessen: "Die russische Geschichte der Marktwirtschaft ist erst zwanzig Jahre alt! Und bis jetzt dauert die Suche nach optimalen Marktstrukturen noch immer an."

"Es gibt keine ideale Struktur"

Zur Zeit werde in Russland sehr viel über die Zukunft der Körperschaften diskutiert. Zverev stellt rhetorisch die Frage, ob starke Körperschaften die ideale Struktur für den Markt seien, und gibt gleich selbst die Antwort: "Nein. Denn es gibt keine ideale Struktur."

Klaus von Dohnanyi meinte anlässlich der Buchvorstellung: "Wir sind zu oft zu ungeduldig mit den Partnern in der Welt. Wir können ja aus unserem Sozialsystem auch nicht einfach so raus, obwohl es vielleicht bessere gibt."

Pfaffenbach: Im Tempo nicht überfordern


Bernd Pfaffenbach
, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und Vorsitzender einer Strategischen Arbeitsgruppe für Wirtschaft und Finanzen, betonte an Zverevs Seite: "Viele von uns sehen Russland in erster Linie als Energiepartner. Seit Jahrzehnten ist es ein verlässlicher Partner, der uns in keiner Stunde enttäuscht hat."

Auch Deutschland unterstütze Russland in der Stärkung seines Wirtschaftssystems und der Schaffung der Infrastruktur, "wo es nur geht".

"Wir unterstützen Russland auf seinem Weg von der Zentralverwaltungswirtschaft zur Marktwirtschaft. Manche sind dabei, Russland im Tempo zu überfordern. Wir sicher nicht."

Ähnlich wie Dohnanyi meint auch Pfaffenbach: "Es kann nicht alles über Nacht kommen. Es braucht eine gewisse Entwicklung." Die Wirtschaft dränge die Regierung, den Druck zu erhöhen, "aber wir werden den Druck nicht überziehen."

Rechtsstatus der Körperschaften unklar

Der Rechtsstatus der Staatskörperschaften in Russland ist juristisch noch nicht eindeutig festgelegt. Dieser Status, eine Art öffentlich-rechtliche Körperschaft, löste bereits einige politische Diskussionen aus. Präsident Dmitri Medwedew habe nicht zufällig zugestimmt, dass die Mehrheit dieser Staatskörperschaften nächstes Jahr in Aktiengesellschaften umgewandelt wird.

Hauptaufgabe der Körperschaften sei die Wirtschaftsentwicklung und nicht Gewinnerzielung. Sie seien keine kommerziellen Körperschaften, nicht profitorientiert und betrieben keinen Wettbewerb.

Aber auch für ausländische Investoren solle es sich lohnen, in die Körperschaft zu investieren. Sogar Medwedew gibt sich selbstkritisch. Russland selbst und Deutschland sind nicht hundertprozentig zufrieden mit dem erreichten Status der Offenheit für Investitionen. Oft sei es noch kritisch und schwer, hineinzukommen. Aber man verweist auf die enormen Fortschritte.

Zu viel Unterstützung: "Ist das wirklich gut?“

Zverev äußerte sich kritisch zur staatlichen Unterstützung in Russland als Maßnahme gegen die Krise: 2009 habe Russland im Staatshaushalt sehr viel investiert in russische Unternehmen des Finanz- und Industriesektors. "Ob es wirklich nützlich war, ist die andere Frage", sagte Zverev. "Die Unterstützung 2009 war meiner Meinung nach zu viel."

Nach der offiziellen Statistik sei keine Industrie in Russland pleite gegangen. "So sehen wir, dass mit staatlicher Hilfe die Industrie funktioniert. Aber die Frage ist: Ist das wirklich gut?"

Die Unterstützung des Staates sollte außerdem nicht nur finanziell erfolgen, sondern auch steuerliche oder zolltarifliche Hilfen umfassen.

Europäische Investitionen in Körperschaften

Der Hintergrund, vor dem das Buch erscheint: Seit 1999 wuchs das Volumen des deutschen Außenhandels mit Russland fast dreimal schneller als das durchschnittliche Außenhandelswachstum mit anderen Ländern. Gerade die Krise biete den in Russland etablierten deutschen Unternehmen die Möglichkeit, sich als zuverlässige Partner zu erweisen und an der Umstrukturierung der russischen Wirtschaft mitzuwirken, heißt es im Buch.

Ein von deutscher Seite viel zu wenig genutztes Potenzial sind demnach die Unternehmen in staatlicher Hand. Wirtschaft und Politik vieler Länder stellen sich oft die Frage, wie man mit diesen "Monstern" umgehen soll, wer dort die Entscheidungen trifft, an wen man sich bei Problemen wendet und so fort. Das Buch zeigt, wie man mit diesen Strukturen umzugehen hat – und mit  den kulturellen Unterschieden, die es nicht ratsam machen, Rezepte aus der EU ungeprüft auf Russland zu übertragen. "Es ist nicht damit getan, im Vertrag Madrid durch Moskau oder bei Verhandlungen Euro durch Rubel zu ersetzen."

Hintergrund:

Die Staatlichen Körperschaften als innovative Großunternehmen ermöglichen es der Staatsökonomie, auch abseits der bisher auf Erdöl und Erdgas beruhenden Wirtschaftstypen zu agieren. Größe, Finanzausstattung und Fachpersonal erlauben es, Synergien bestmöglich auszunutzen.

Das betrifft vor allem die Bereiche Kernenergie, Nanotechnologie, Biotechnologie und Medizintechnik.

Die Körperschaften wollen sich zunehmend auf dem internationalen Markt etablieren und sind daher an jeglichen Kooperationen mit westlichen Unternehmen interessiert. Insbesondere deutsche Unternehmen gehören dafür dank ihrer Reputation zu den bevorzugten Partnern.

Gazprom und die anderen

Im Westen bestens bekannt ist Gazprom mit einem Umsatz von 80 Milliarden Euro und 445.000 Mitarbeitern (www.gazprom.com).

Zusätzlich existieren folgende Staatsunternehmen, die als Staatskörperschaften organisiert sind:

Die Staatskörperschaft "Olympstroy" ist verantwortlich für die Vorbereitung der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi. Diese Körperschaft befasst sich mit der Finanzierung der Infrastruktur und Sportobjekte (www.sc-olympstroy.ru)

Rosatom: Ausbau der Nuklearenergie (www.rosatom.ru)

Rosnano: Ausbau von Nanotechnologie (www.rusnano.com)

Rostechnologii: Aufgabe dieser Staatskörperschaft ist die Verwaltung von mehr als 450 Unternehmen vor allem in der Verteidigungsindustrie, aber auch in anderen Wirtschaftsbereichen (www.rostechnologii.ru).

Ewald König

Links:

Informationen zum Buch


Zur Person:

Prof. Dr. Andrey V. Zverev absolvierte die Moskauer Finanzhochschule (1978), die Moskauer Rechtshochschule (1986) sowie die Staatliche Universität – Wirtschaftshochschule (2004). Er promovierte zum Ph. D. in Economics (1981) sowie zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften (2009) und ist Professor der Russischen Plechanov-Wirtschaftsakademie. Zverev ist Autor von mehr als 200 wissenschaftlichen Publikationen und zehn Monografien.

Nach seiner Anstellung bei der Staatsbankverwaltung und der Staatlichen Plankommission der Sowjetunion war er von 1990 bis 1992 Stellvertretender Finanzminister der Russischen Sowjetrepublik und Erster Stellvertretender Finanzminister der Sowjetunion. Anschließend war er als Leiter des Wirtschaftsdepartements des Regierungsamts Russlands, als Vizepräsident der russischen Öl- und Gasgesellschaft „Slavneft“ und als Leiter der Aufsichtsabteilung des Rechnungshofs der Russischen Föderation tätig. Danach leitete er das Analytische Zentrum bei der Regierung der Russischen Föderation.

Seit April 2009 ist Professor Zverev Leiter des Handels- und Wirtschaftsbüros und Gesandter der Botschaft der Russischen Föderation in Deutschland.