Umweltschützer prangern "vermeidbare" Pestiziden auf italienischen Äpfeln an
Apfelproduzent:innen in Südtirol setzen mehr gefährliche Pestizide ein als nötig - zumindest aus Sicht einer von Umweltschützer:innen und mehreren deutschen Medien herausgegebenen Analyse. Doch nicht alle halten die Daten für so eindeutig.
Apfelproduzent:innen in Südtirol setzen mehr gefährliche Pestizide ein als nötig – zumindest aus Sicht einer von Umweltschützer:innen und mehreren deutschen Medien herausgegebenen Analyse. Doch nicht alle halten die Daten für so eindeutig.
In Südtirol befindet sich das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Europas. Die norditalienische Region ist ein wichtiger Exporteur von Äpfeln in andere EU-Länder, darunter auch Deutschland.
Nachdem Umweltschützer:innen bereits seit Langem den massiven Einsatz von Pestiziden in der Region beklagt hatten, konnte das Münchner Umweltinstitut nun gemeinsam mit SZ und NDR Daten aus dem Jahr 2017 zum Pestizideinsatz im Südtiroler Vinschgau auswerten.
„Über sieben Monate hinweg wurden 2017 im Vinschgau für Umwelt und Gesundheit
hochproblematische Wirkstoffe in hoher Frequenz und Menge eingesetzt“, heißt es in dem Bericht.
Die Analyse stützt sich auf Daten aus sogenannten „Pestizid-Tagebüchern“, in denen Landwirt:innen detailliert festhalten müssen, welche Pestizide wann und in welcher Menge ausgebracht werden.
Während solche Tagebücher normalerweise vertraulich sind und von den Behörden nur stichprobenartig kontrolliert werden, erhielt das Umweltinstitut 681 davon als Folge eines Gerichtsverfahrens, in dem Landwirt:innen aus dem Vinschgau die NGO erfolglos wegen Verleumdung verklagt hatten.
„Unsere Auswertung zeigt, dass im Vinschgauer Apfelanbau 2017 zahlreiche Pestizide zum Einsatz kamen, die für die Anwender:innen selbst, aber auch für Anrainer:innen gesundheitsgefährdend sein können“, erklärte Christine Vogt, eine der Autorinnen des Berichts, in einer Mitteilung der NGO.
Abgesehen von den Risiken für die menschliche Gesundheit, fügte sie hinzu, seien fast ein Viertel der verwendeten Pestizide besonders schädlich für Nützlinge wie beispielsweise Schlupfwespen.
Biologische Alternativen
Während keine Verstöße gegen nationales oder EU-Recht festgestellt wurden und alle verwendeten Pestizide für die Verwendung in der EU zugelassen waren, hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) mehrere der Mittel als „potenziell reproduktionstoxisch“ oder „potenziell krebserregend“ eingestuft.
Auch die Menge und Häufigkeit des Pestizideinsatzes waren dem Bericht zufolge nicht illegal, die NGO kommt jedoch zu dem Schluss, sie teilweise vermeidbar waren.
Aus Sicht der Autor:innen hätten die Landwirt:innen durch Methoden der sogenannten integrierte Schädlingsbekämpfung einige der chemischen Substanzen durch „alternative, nachhaltigere Maßnahmen“ ersetzen können.
„Die Betriebe könnten zum Beispiel robustere Apfelsorten pflanzen, Beikräuter maschinell in Schach halten und natürliche Gegenspieler von Schädlingen fördern“, erklärte Vogt.
Aus Sicht des Grünen-Europaabgeordneten Thomas Waitz zeigt der Bericht, dass der Widerstand der Mitgliedsstaaten gegen eine neue EU-Pestizidverordnung auf wackligen Füßen steht.
Die Vorschläge für eine neue Verordnung über den nachhaltigen Einsatz von Pestiziden (SUR), die die Europäische Kommission im letzten Sommer vorgelegt hat, sehen eine Halbierung des Einsatzes und der Risiken von Pestiziden bis 2030 vor und sind auf heftigen Widerstand seitens der nationalen Regierungen gestoßen. Diese argumentieren, die EU-Länder täten bereits alles in ihrer Macht Stehende, um Pestizide zu reduzieren.
Die Landwirtschaftsminister:innen „ignorieren aktiv die Auswirkungen auf die Umwelt, die biologische Vielfalt und die Gesundheit von Mensch und Tier und versuchen, die EU-Pestizid-Verordnung zu verwässern„, erklärte Waitz gegenüber EURACTIV. „Sie behaupten, dass es keine Alternativen gibt.“
Der grüne Abgeordnete und Mitglied des Landwirtschaftsausschusses forderte außerdem gesetzliche Änderungen, um den übermäßigen Einsatz von Pestiziden zu verhindern.
„Diese Daten aus Südtirol zeigen deutlich, dass alle Kontrollmechanismen versagt haben“, sagte er und forderte die EFSA auf, „die Auswirkungen von Pestizidcocktails und deren Abbauprodukten zu untersuchen und neue Vorschriften zu erlassen.“
Alles halb so schlimm?
Doch nicht alle würden aus den vorliegenden Daten die gleichen Schlüsse ziehen wie die Umweltschützer:innen.
Für Ralf Vögele, Professor für Phytopathologie an der Universität Hohenheim, stellt der Bericht eine „einseitige Sichtweise“ dar. Aus Sicht des Forschers sind 38 Pestizidbehandlungen pro Plantage in einer Saison – der in den Daten ermittelte Durchschnitt – eine „begrenzte Anzahl.“
„In dem Bericht wird es so dargestellt, als hätten Landwirte eigentlich nichts Besseres zu tun, als mit der Pflanzenschutzspritze durch die Anlage zu fahren und Betriebsmittel zu verschwenden“, sagte er. Angesichts der hohen Kosten sowohl für die Mittel selbst als auch deren Ausbringung gehe es „an der Realität vorbei“, zu glauben, Landwirt:innen würden freiwillig eine unnötige Menge an Pestiziden verwenden.
Vögele betonte, dass er den Einsatz des integrierten Pflanzenschutzes nachdrücklich unterstütze, und es „unbestritten“ sei, „dass wir unsere landwirtschaftliche Produktion besser für die Zukunft aufstellen müssen, in dem wir andere Parameter als ökonomische höher priorisieren.“ Er warnte jedoch, dass der Verzicht auf Pestizide in der Apfelproduktion nicht von einem Tag auf den anderen möglich sein werde.
Aktuell gebe es noch nicht genügend Alternativen, um synthetische Pestizide vollständig zu ersetzen.
[Bearbeitet von Alice Taylor]