Viehzüchter warnen vor künstlicher Stopfleber als Wegbereiter für Laborfleisch
Ein französisches Unternehmen hat die Zulassung für den Verkauf eines zellbasierten Entenprodukts beantragt, das die berühmte Stopfleber imitiert. Der EU-Viehzuchtsektor hat diesen Schritt als „perfekten Türöffner“ für andere im Labor gezüchtete Produkte angeprangert und deren Sicherheit und Nachhaltigkeit infrage gestellt.
Ein französisches Unternehmen hat die Zulassung für den Verkauf eines zellbasierten Entenprodukts beantragt, das die berühmte Stopfleber imitiert. Der EU-Viehzuchtsektor sieht den Schritt als „Türöffner“ für andere im Labor gezüchtete Produkte und stellte dessen Nachhaltigkeit in Frage.
Im Labor gezüchtetes Fleisch – auch bekannt als kultiviertes oder zellbasiertes Fleisch – wird aus tierischen Zellen hergestellt. Sie wachsen in einer nährstoffreichen Umgebung auf und bilden Muskeln, Fett und Bindegewebe.
Das in Paris ansässige Start-up Gourmey gab am 26. Juli bekannt, dass es bei der Europäischen Kommission einen Antrag auf Marktzulassung für seine kultivierte Gänsestopfleber in der EU gestellt hat.
Der Antrag ist der erste seiner Art in der Europäischen Union. Die Aussicht, dass Fleisch aus dem Labor Realität werden könnte, hat in den letzten Monaten eine hitzige Debatte ausgelöst.
„Dieser erste Antrag wird die Tür für viele weitere öffnen, für größere Akteure und größere Märkte“, erklärte die European Livestock Voice (ELV), in einer am Dienstag (30. Juli) veröffentlichten Pressemitteilung. Die Organisation vertritt die Interessen der Fleischproduzenten.
Die Interessensgruppe, zu der auch die einflussreiche Agrarlobby COPA-COGECA gehört, vereint Sektoren von der Tiergesundheit bis zur Zucht.
European Livestock Voice betonte, dass die Ausrichtung auf einen „Nischen“-Sektor wie Stopfleber die Grundlage für künftige Anwendungen für Mainstream-Fleischprodukte bildet.
Ein Kommissionssprecher bestätigte Euractiv den Eingang des Antrags von Gourmey. Das Produkt werde nun einer Risikobewertung durch die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) unterzogen. Sie wird von der Kommission „als eine der strengsten der Welt“ bezeichnet.
Die Behörde für Lebensmittelsicherheit hat neun Monate Zeit, um ihr Gutachten abzugeben. Danach muss die Kommission den Vertretern der Mitgliedstaaten einen Vorschlag zur Genehmigung oder Ablehnung des Marktzugangs für das Produkt vorlegen.
Das französische Start-up bemüht sich auch um eine Marktzulassung in der Schweiz, im Vereinigten Königreich, in Singapur und in den USA.
Vermeidung von Zwangsernährung
Foie gras – was auf Deutsch „Fettleber“ bedeutet – wird durch Zwangsfütterung von Enten oder Gänsen hergestellt, um deren Leber zu vergrößern. Dabei handelt es sich um eine umstrittene Praxis, die nach Ansicht von Tierschutzgruppen in allen EU-Mitgliedstaaten verboten werden sollte.
Zurzeit wird dieses Genussmittel nur in Frankreich, Ungarn, Bulgarien, Spanien und der belgischen Region Wallonien hergestellt.
Nach Ansicht der Interessensgruppe ELV ist der Versuch, Fleisch aus dem Labor in der EU durch einen Sektor, der auf einige wenige Länder beschränkt ist, einzuführen, „der einfachste Weg“.
Sie verweisen ebenfalls auf das Potenzial von Zuchtfleisch, zu einem nachhaltigeren Lebensmittelsystem beizutragen.
Die NGO Eurogroup for Animals sagte zu dem Schritt von Gourmey, dass das Entenprodukt eine Möglichkeit sein könnte, „grausame“ Lebensmittelproduktionsmethoden zu vermeiden.
„Kultiviertes Fleisch kann das Wohlergehen der Tiere verbessern, während es Platz für traditionelle und robuste Rassen schafft, die durch Weidehaltung zur Artenvielfalt beitragen können und gleichzeitig als Zellvorrat dienen“, sagte Jonathan Sander, Projektleiter bei Eurogroup for Animals, gegenüber Euractiv.
Im Gegensatz zu anderen Herstellern von im Labor gezüchteten Lebensmitteln behauptet Gourmey, das umstrittene fötale Rinderserum nicht zu verwenden. Das Serum wird aus dem Blut von Rinderföten gewonnen, die trächtigen Kühen bei der Schlachtung entnommen werden. Dieses Vorgehen wirft Bedenken hinsichtlich des Tierschutzes auf.
Uneinigkeit über Risiken und Tradition
Gourmey erklärte, dass sein ökologischer Fußabdruck deutlich geringer sein könnte als bei Unternehmen, die Stopfleber konventionell herstellen. European Livestock Voice stellt hingegen die angebliche Nachhaltigkeit von Zuchtfleisch infrage.
„Die Auswirkungen von im Labor gezüchteten Produkten könnten größer sein als die der traditionellen Viehzucht, da die Bioreaktoren, in denen die Zellen gezüchtet werden, energieintensiv sind“, heißt es in der Pressemitteilung.
Starker Widerstand gegen kultiviertes Fleisch kommt auch aus einigen Mitgliedsstaaten.
Im Januar dieses Jahres forderten die Landwirtschaftsminister Frankreichs, Italiens und Österreichs – unterstützt von neun weiteren EU-Ländern – eine strengere Bewertung zellbasierter Produkte. Sie stellten ebenfalls die Zweckmäßigkeit der EU-Vorschriften infrage.
Im Labor gezüchtetes Fleisch fällt derzeit unter die Verordnung über neuartige Lebensmittel. Diese schließt Produkte ein, die vor Mai 1997 in der Ernährung der Europäer nicht in nennenswertem Umfang vorkamen. Die Kommission muss diesen Lebensmitteln vor dem Inverkehrbringen grünes Licht geben.
Kürzlich meldete Ungarn der Kommission seine Pläne, die nationale Produktion und den Verkauf von Zuchtfleisch einzuschränken. Das entspricht einem Verbot in Italien, das zwar genehmigt, aber nie durchgesetzt wurde.
Zurückhaltende Staaten sehen das im Labor gezüchtete Fleisch eher als Bedrohung für die traditionellen Produktionsmethoden an. Gourmey hingegen präsentiert seine Stopfleber auf Zellbasis als einen Weg zur Erhaltung der europäischen Esskultur.
Diese Ansicht vertritt auch die gemeinnützige Organisation Good Food Institute (GFI), die auf die Koexistenz von innovativen Produkten und Lebensmitteltraditionen pocht.
„Lebensmittelinnovationen können mit unseren kulinarischen Traditionen koexistieren und den Verbrauchern Stopfleber anbieten, die auf eine Weise hergestellt wird, die die Auswirkungen auf die Umwelt und das Wohlergehen der Tiere reduziert“, sagte Seth Roberts, Policy Manager bei Good Food Institute, in einer Reaktion auf die Nachricht letzte Woche.
[Bearbeitet von Sofía Sánchez Manzanaro und Zoran Radosavljevic]