Vier Euro-Länder verbieten Leerverkäufe
Die Börsenkurse fahren Achterbahn - nun wollen vier Euro-Länder mit einem vorläufigen Verbot hochspekulativer Börsengeschäfte die Markturbulenzen eindämmen. Experten bezweifeln, dass das auf Dauer hilft.
Die Börsenkurse fahren Achterbahn – nun wollen vier Euro-Länder mit einem vorläufigen Verbot hochspekulativer Börsengeschäfte die Markturbulenzen eindämmen. Experten bezweifeln, dass das auf Dauer hilft.
Frankreich, Italien, Spanien und Belgien untersagten ab heute (12. August 2011) bestimmte Leerverkäufe, Betroffen von dem Verbot sind Finanztitel. Die europäische Finanzmarktaufsicht ESMA hat gestern zudem angekündigt, die nationalen Börsenaufsichten würden rasch und entschieden gegen den Missbrauch von Marktregeln vorgehen. Zwar seien Leerverkäufe für sich genommen eine zulässige Handelsstrategie. Doch in Verbindung mit der Verbreitung von Marktgerüchten handele es sich um einen klaren Regelverstoß.
Zweifel an den Maßnahmen
Experten bezweifeln, ob die Maßnahmen auf Dauer Wirkung zeigten. Spekulanten wichen einfach auf andere Börsenplätze aus, etwa nach London. "Das ist einer dieser Schritte, zu denen Politiker greifen, wenn sie keine anderen Pfeile mehr im Köcher haben", kritisierte Regulierungsspezialist James Angel von der Georgetown University in Washington. "Das streut dem Markt Sand in die Augen und zeigt der Welt, dass ihre Führer keine Ahnung haben, was vor sich geht." Als Leerverkäufe auf Finanztitel nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman 2008 für drei Wochen fast überall verboten worden waren, bremste das zwar die Leihe von Wertpapieren, den Kursverfall konnte es nicht aufhalten.
Maßnahmen gegen Spekulationen
ESMA hat eine Übersicht nationaler Maßnahmen bezüglich Leerverkäufe erstellt.
Die französische Aufsicht AMF kündigte gestern ein 15-tägiges Verbot von Leerverkäufen für die Aktien von elf Banken und Versicherern an. Dazu zählen Societe Generale, BNP Paribas, Credit Agricole und Axa. In Spanien sollen 16 Finanztitel über 15 Tage geschützt werden, darunter Santander und BBVA. Der belgische Regulierer will Leerverkäufe von vier Finanzwerten für eine unbegrenzte Periode unterbinden. Für Italien wurden zunächst keine Details bekannt.
ESMA-Chef Steven Maijoor sagte, es gebe keine Pläne für eine Ausweitung auf andere Länder, wollte dies allerdings auch nicht ausschließen. Das Leerverkaufsverbot werde nicht auf ewig gelten.
Zuvor verlautete aus Regulierer-Kreisen, dass ein EU-weites Leerverkaufsverbot unwahrscheinlich sei. An der Athener Börse wurden nach massiven Kursverlusten bereits Leerverkäufe für zwei Monate verboten.
Prinzip der Leerverkäufe
Bei Leerverkäufen leihen sich Investoren Aktien eines Unternehmens und verkaufen diese, um sie zu einem niedrigeren Kurs zurückzukaufen und dem Verleiher zurückzugeben. Leerverkäufe können Kursausschläge einer Aktie drastisch beschleunigen.
Deutschland: Regelung und Forderungen
In Deutschland gilt seit dem vergangenen Jahr eine Meldepflicht für alle Leerverkäufe der wichtigsten zehn Versicherer- und Bankaktien. Ungedeckte Leerverkäufe sind in Deutschland für alle Aktien und für Staatsanleihen der Euro-Länder ganz verboten. Die Bundesregierung setzt sich zudem "für ein weitgehendes Verbot von ungedeckten Leerverkäufen von Aktien, Staatsanleihen und Credit Default Swaps in Europa ein", sagte am Freitag ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums. "Nur so kann einer destruktiven Spekulation überzeugend begegnet werden." Daher unterstütze Deutschland auch entsprechende Maßnahmen in Frankreich, Italien, Belgien und Spanien.
SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte im Deutschlandradio Kultur, Wetten auf Finanzkrisen "generell in Europa und nach Möglichkeit international" zu verbieten.
EURACTIV/rtr/mka
Ein englischsprachiger Beitrag zu diesem Beitrag erschien auf EURACTIV.com.
Links
ESMA: ESMA promotes harmonised regulatory action on short-selling in the EU (11. August 2011)
ESMA: Measures adopted by competent authorities on short selling (9. Februar 2011, aktualisiert)
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