WAZ-Umbau: Zäsur in Österreichs Medienmarkt?
Der anstehende Verkauf des 50-prozentigen Anteils der Brost-Erben am WAZ-Medienkonzern führt auch in Österreich zu massiven Spekulationen. Der Umbau bei WAZ könnte Wellen bis nach Wien schlagen und Österreichs Medienmarkt verändern.
Der anstehende Verkauf des 50-prozentigen Anteils der Brost-Erben am WAZ-Medienkonzern führt auch in Österreich zu massiven Spekulationen. Der Umbau bei WAZ könnte Wellen bis nach Wien schlagen und Österreichs Medienmarkt verändern.
Die WAZ ist auf dem österreichischen Medienmarkt seit 1987 engagiert. Aus einem zunächst sehr hochgepriesenen Engagement wurde im Laufe der Zeit vor allem ein Kleinkrieg mit dem vor eineinhalb Jahren verstorbenen Zeitungszaren Hans Dichand. Schon seit einiger Zeit ist immer wieder vom Ausstieg des in Essen beheimateten Verlags aus der Alpenrepublik die Rede. Nun könnten die Veränderungen in der Gesellschafterstruktur Anlass sein, auch in Österreich für neue Medienverhältnisse zu sorgen.
Kompliziertes Firmengeflecht
Das Firmengeflecht, in das die WAZ in Wien verwoben ist, wirft ein besonderes Licht auf die Medienlandschaft, vor allem auf jene mit dem Schwerpunkt Ost-Österreich. Die WAZ ist derzeit vor allem an jenen beiden Tageszeitungen beteiligt, deren Reichweite derzeit zusammen bei knapp über 50 Prozent liegt. Konkret:
· Die WAZ hält 50 Prozent am Kurier und 49,44 Prozent an der Kronenzeitung
· 50,56 Prozent der Kronenzeitungsanteile liegen bei der Familie Dichand
· Beim Kurier werden die restlichen 50 Prozent von der Raiffeisengruppe gehalten
· Kronenzeitung und Kurier sind wieder mit jeweils 50 Prozent an der Mediaprint beteiligt, die für Druck, Anzeigen und Vertrieb der beiden Zeitungen verantwortlich ist.
· Der Kurier ist mit 25,3 Prozenz bei der Verlagsgruppe News involviert, die u.a. die beiden großen Wochenmagazine News und profil herausgibt.
· 56 Prozent werden bei News vom deutschen Verlagshaus Gruner+Jahr verwaltet, die restlichen 18,7 Prozent liegen in den Händen der Familie Fellner
· Die Fellners geben schließlich mit Österreich eine Boulevardzeitung heraus, die ihr Heil in einer Mischung aus Gratisvertrieb und Einzelverkauf sucht, wobei Raiffeisen eine der kreditgebenden Banken ist.
· Nicht zu vergessen ist noch Eva Dichand, die Schwiegertochter des verstorbenen Kronenzeitungsgründers, zugleich Herausgeberin von Heute, der größten Gratis-Tageszeitung, über deren Eigentumsverhältnisse schon seit langem gerätselt (und eine Nähe zum rot regierten Wiener Rathaus nachgesagt) wird.
Boulevard gegen Qualitätsmedien
Außerdem gibt es auch noch eine Tageszeitungsszene, die etwas übersichtlicher ist und sowohl klassische Regionalmedien als auch vier inhaltlich anspruchsvolle Blätter umfasst. Die größte Gruppe ist der Styria-Konzern, bei dem mit der Kleinen Zeitung das auflagengrößte Bundesländerblatt sowie die Qualitätszeitung Die Presse und das Wirtschaftsblatt erscheinten.
Darüber hinaus werden in Wien noch der Standard (gehalten von einem privaten Verleger und seiner Stiftung) und die im Eigentum der Republik stehende Wiener Zeitung gedruckt.
Abgerundet wird die Bundesländerpalette, fast durchwegs im Besitz eingesessener Verlegerfamilien, durch die Oberösterreichischen Nachrichten, die Salzburger Nachrichten, die Tiroler Tageszeitung, die Vorarlberger Nachrichten und die Neue Vorarlberger Tageszeitung. Hinzu kommt noch als letztes Überbleibsel der einstigen Parteitageszeitungslndschaft das Volksblatt.
Wohlwollen mit Inseraten erkauft?
In letzter Zeit ging ein ziemlicher Riss durch die Zeitungszene. Man kann es auch so nennen: Boulevardmedien gegen Qualitätszeitungen. Ausgelöst durch eine sich seit Jahren hinziehende Protegierung einiger weniger Zeitungen bei der Inseratenvergabe durch öffentliche Stellen – und hier vor allem jener, die im Einflussbereich von SPÖ-Politikern lagen bzw. liegen.
Im Mittelpunkt der Kritik stand der amtierende Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), dem vorgewofen wird, er habe sich bei einigen Zeitungen politisches Wohlwollen durch überproportional große Inseratenaufträge „erkauft“. Konkret ging es dabei um die Kronenzeitung, Heute und Österreich, die besonders stark absahnten.
Das brachte alle anderen Tageszeitungen gemeinsam auf die Palme und führte dazu, dass das Parlament ein Medientransparenzgesetz beschloss.
Die ÖVP, Koalitionspartner der SPÖ, zahlte gleichsam die sprichwörtliche Zeche in Form eines niedrigeren Wählervotums bei den letzten Wahlen, verstand es aber nicht, aus der demokratiepolitisch bedenklichen Affäre Kapital zu schlagen.
Das jüngste Gerücht
Zurück zu den möglichen Auswirkungen einer Verschiebung der Eigentümerstruktur infolge eines Ausstiegs der WAZ-Gruppe aus dem Österreich-Geschäft. Die zentrale Frage gilt dem Massenblatt Kronenzeitung. Hier wird vor allem spekuliert, wer die WAZ-Anteile übernehmen könnte. Da war einmal vom Interesse des Springer-Verlags, einmal von Raiffeisen die Rede, ja sogar der mächtige Glückspielkonzern Novomatic wurde auf der Gerüchteküche zumindest als Kreditgeber für die Familie Dichand genannt. Doch nichts Genaues weiß man nicht…
Das gilt erst recht für das aktuelle Kulissengeflüster, wobei nun überhaupt von einer Neuformierung die Rede ist, wonach „Österreich“ auf die Kurier-Seite wechseln könnte und dort als Kontrapunkt zu Heute den Gratiszeitungsmarkt abdecken könnte.
Inwieweit auch die Magazinlandschaft in diesen Transfermarkt hineingezogen werden könnte, lässt sich noch nicht abschätzen. Sicher scheint indessen nur, dass – wenn es zu einer Änderung der Gesellschafterverhältnisse bei der WAZ in Essen kommt – diese nicht spurlos an Österreich vorbeigehen werden. Umso mehr als auch der österreichische Zeitungsmarkt unter einem Rückgang der Leserzahlen (zufolge neuer Mediennutzungsgewohnheiten vor allem beim jüngeren Publikum), sinkenden Erlösen aus den Inseratengeschäften und tiefroten Bilanzen bei einigen Produkten leidet.
Herbert Vytiska, Wien