Wirtschaft: Frankreich und Deutschland schwächeln

Sinkende Konsum- und Bauausgaben haben den deutschen Aufschwung im zweiten Quartal fast zum Erliegen gebracht. Zugleich steigt in Deutschland die Inflation - Kaffee und Diesel kosten rund 20 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. EURACTIV.de zeigt, wie groß die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Euro-Zone sind.

Schwächelnde Euro-Riesen: In Frankreich stagniert das Wirtsachaftswachstum und das Handelsdefizit bleibt hoch. Auch in Deutschland ist der Boom vorbei. Foto: dpa.
Schwächelnde Euro-Riesen: In Frankreich stagniert das Wirtsachaftswachstum und das Handelsdefizit bleibt hoch. Auch in Deutschland ist der Boom vorbei. Foto: dpa.

Sinkende Konsum- und Bauausgaben haben den deutschen Aufschwung im zweiten Quartal fast zum Erliegen gebracht. Zugleich steigt in Deutschland die Inflation – Kaffee und Diesel kosten rund 20 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. EURACTIV.de zeigt, wie groß die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Euro-Zone sind.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs in Deutschland von April bis Juni nur noch um 0,1 Prozent im Vergleich zum ersten Vierteljahr, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag in einer Schätzung mit. "Das ist das langsamste Wachstum seit Jahresbeginn 2009, als die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreichte", sagte ein Statistiker. Das Plus im ersten Quartal wurde zudem auf 1,3 von 1,5 Prozent korrigiert. Experten schließen weitere Rückschläge nicht aus. "Wir sind noch lange nicht am Ende der Krise", warnte der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt. "Es wird ein Auf und Ab geben, zu dem eben auch Rückschläge gehören."

Deutschland wandelte sich damit von der Wachstumslokomotive zum Bremsklotz der Euro-Zone. Die Währungsunion insgesamt schaffte mit 0,2 Prozent ein doppelt so starkes Wachstum, wie die europäische Statistikbehörde Eurostat am Dienstag mitteilte. Im Verlauf des zweiten Quartals 2011 nahm das BIP in den USA um 0,3 Prozent zu. In Japan sank das BIP um 0,3 Prozent. 

Selbst die mit einer schweren Schuldenkrise kämpfenden Staaten Italien (0,3 Prozent) und Spanien (0,2 Prozent) schlugen sich besser als Deutschland. In Frankreich – dem wichtigsten deutschen Handelspartner – stagnierte allerdings die Wirtschaft.

Am kräftigsten fiel das Wachstum in Lettland (Plus 2,2 Prozent), Estland (Plus 1,8 Prozent) und Finnland (Plus 1,2 Prozent) aus. 

Der Handelsbilanzüberschuss des Euroraums lag im Juli bei 0,9 Milliarden Euro, wie Eurostat am Dienstag außerdem mitteilte.

Export in Schwellenstaaten boomt

Die Ausfuhren der EU27-Staaten in die wichtigsten Partnerländern nahmen von Januar bis Mai 2011 gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu. Zu den höchsten Steigerungen kam es bei den Exporten in die Türkei (+41 Prozent), nach Russland (+39 Prozent), Indien (+28 Prozent), China (+26 Prozent) und Südkorea (+24 Prozent).

Überschuss in Deutschland, Defizit in Frankreich und Italien

Deutschland erzielte innerhalb der EU den höchsten Handelsüberschuss (+65,9 Milliarden Euro von Januar bis Mai 2011), gefolgt von den Niederlanden (+20,2 Milliarden) und Irland (+16,9 Milliarden). Das Vereinigte Königreich (-46,7 Milliarden) verbuchte das größte Defizit, gefolgt von Frankreich (-38,5 Milliarden), Italien (-20,3 Milliarden), Spanien (-20,1 Milliarden), Griechenland (-8,2 Milliarden) und Portugal (-7,6 Milliarden).

Inflation setzt Deutschland unter Druck

"Die privaten Konsumausgaben und die Bauinvestitionen bremsten die deutsche Wirtschaft im zweiten Vierteljahr 2011", begründeten die Statistiker den Tempoverlust. Während ein Rückgang der Bauinvestitionen nach dem Boom zu Jahresbeginn noch erwartet worden war, überraschte die Kaufzurückhaltung der Verbraucher. "Das passt nicht zu den guten Rahmenbedingungen", sagte DekaBank-Experte Andreas Scheuerle angesichts der Rekordbeschäftigung und steigender Löhne. Vermutlich habe die hohe Inflation die Kauflaune gedrückt. Die Teuerungsrate hatte im April mit 2,4 Prozent den höchsten Stand seit Oktober 2008 erreicht.

Flugreisen, Kaffee und Pommes werden deutlich teurer

Das Statistische Bundesamt hat in seiner Brochüre "Preise auf einen Blick" die Entwicklung zahlreicher Güter dargestellt, etwa in den Bereichen Energie, Mobilität und Verkehr, Wohnen und Ernährung. Eine Liste zeigt besonders auffällige Preisveränderungen bei Waren und Diensleistungen im Vergleich zum Juli 2010.

Auffällige Preisveränderungen (Im Vergleich Juli 2010 zu Juli 2011 in Prozent):

Pflanzenöl (kein Olivenöl)

+

21,2

Kaffee

+

20,4

Pommes frites (tiefgefroren)

+

17,9

Dieselkraftstoff (Cetanzahl unter 60)

+

16,6

Flugticket

+

15,6

Fruchtsaft aus Zitrusfrüchten

+

14,6

Lammfleisch

+

13,5

Fruchtsaft aus Kernobst

+

13,2

Sahne

+

12,6

______

Paprika                                           

– 25,5

PC-Anwendersoftware

22,4

Mobiltelefon (ohne Dienstleistung)

22,3

Tomaten

17,6

Zitronen

17,5

Notebook

15,9

Gurken

15,8

Fernsehgerät

15,6

Monitor

12,9

Bananen

12,6

Deutsche Inflation, Ärger für die EZB?

 
Die Inflation in Deutschland dürfte die Diskussion um das Dilemma der Europäischen Zentralbank (EZB) weiter befeuern, mit einem Leitzins verschiedenen konjunkturellen Entwicklungen in den Euro-Staaten gerecht werden zu müssen. Um die Inflation in Deutschland zu dämpfen, wurde bereits ein höherer Leitzins gefordert, der allerdings die schwierige Lage in Ländern wie Griechenland, Portugal und Spanien noch verschärfen könnte. Bislang wird damit gerechnet, dass die EZB den Leitzins von 1,5 Prozent bis Mitte 2012 unverändert lässt, um die Konkunktur in den Krisen-Ländern nicht vollends abzuwürgen.

BGA: "Deutschland bleibt Wachstumsmotor"

Weil in Deutschland die Importe schneller stiegen als die Exporte, kamen auch vom Außenhandel negative Impulse. "Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft: Wenn die USA und Europa in Schwierigkeiten sind, spüren wir das", sagte der Wirtschaftsweise Schmidt. "Die Schwellenländer allein können die Lücke auf Dauer nicht vollständig schließen."

"Die deutsche Wirtschaft hat in diesem Jahr bislang mehr Güter und Dienstleistungen erwirtschaftet als im Spitzenjahr 2008", erklärte Anton F. Börner, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA). "Deutschland erweist sich weiterhin als Wachstumsmotor, auch wenn leichte Abschwächungstendenzen erkennbar sind." Davon profitiere auch Europa, wie die im Vergleich höheren Einfuhren belegen. "Es gilt nun mit aller Macht zu verhindern, dass die derzeitigen Turbulenzen auf den Finanzmärkten auf die Realwirtschaft übergreifen."

Börner sagte: "Gelingt es, die Kapitalmärkte wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen, kann die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte wieder auf Wachstumskurs einschwenken, wenn auch nicht mehr so stark wie im ersten Halbjahr." Ursächlich dafür seien insbesondere fehlende Impulse aus wichtigen Märkten, die Entwicklung der Rohstoffpreise und politische Instabilitäten.

Börner hatte Anfang der Woche als erster Chef eines wichtigen deutschen Wirtschaftsverbandes für die rasche Einführung von Euro-Bonds ausgesprochen. "Man muss den Märkten erklären, wir ergreifen jetzt die notwendigen Maßnahmen, und das heißt: Euro-Bonds mit deutscher Handschrift", sagte Börner am Montag im Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir brauchen Eurobonds mit strengen Auflagen." Dazu müsse unter anderem die Aufnahme einer Schuldenbremse in die Verfassungen der Euro-Länder gehören. Wenn diese Auflage nicht erfüllt würden, müsse es Konsequenzen für die betreffenden Länder geben – etwa ein Stimmrechtsentzug in der EU (EURACTIV.de vom 16. August 2011).

"Kein Grund zur Panik"

Trotz des unerwarteten Rückschlags warnen Experten vor Panikmache. "Das ist zwar ein deutlicher Dämpfer, bedeutet aber kein Ende des Aufschwungs", sagte der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner. "Der Trend weist in der Industrie weiterhin aufwärts, wenngleich sich ein Tempoverlust abzeichnet." Auch der Konsum werde wieder anspringen. "In der zweiten Jahreshälfte werden aber die sinkende Inflation und anziehende Löhne den privaten Verbrauch stützen", sagte Fichtner. Noch immer sei 2011 ein Wachstum von rund drei Prozent möglich, nachdem es 2010 zu einem Plus von 3,7 Prozent gereicht hatte. Selbst wenn die Wirtschaftsleistung im zweiten Halbjahr stagniere, wäre noch ein Plus von mehr als 2,5 Prozent möglich, sagte auch Schmidt, der dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) vorsteht. "Das sieht im langfristigen Vergleich gar nicht schlecht aus."

Im Vergleich mit dem Vorjahresquartal legte das Bruttoinlandsprodukt um kräftige 2,8 Prozent zu. Zu Jahresbeginn waren es allerdings noch 5 Prozent. Die meisten Institute hielten in diesem Jahr bislang ein Wachstum von deutlich mehr als drei Prozent für möglich.

EURACTIV/rtr/awr

Links


Destatis:
Bruttoinlandsprodukt im 2. Quartal 2011 nur leicht im Plus (16. August 2011)

Destatis: Die neue Broschüre "Preise auf einen Blick" zeigt die wichtigsten Ergebnisse der Preisstatistik (16. August 2011)

Eurostat: Schnellschätzung für das zweite Quartal 2011. BIP im Euroraum und in der EU27 um 0,2 Prozent gestiegen. (16. August 2011)

Eurostat: Juni 2011. Handelsbilanzüberschuss des Euroraums bei 0,9 Mrd. Euro
Defizit von 12,2 Mrd. Euro für die EU27
(16. August 2011)

DIW: Schwaches Wachstum nur vorübergehender Dämpfer (16. August 2011)

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