Wo es sich vor der Krise am besten lebte
In Norwegen lebt es sich weltweit am besten. In der EU führt Irland das UN-Ranking zur Lebensqualität an. Deutschland steht auf Platz 22, eine schlechte Platzierung für ein "altes EU-Land". Die EU-Schlusslichter sind Bulgarien und Rumänien. EURACTIV.de hat eine Übersicht aller EU-Länder mit Vergleichswerten zu 2000 erstellt.
In Norwegen lebt es sich weltweit am besten. In der EU führt Irland das UN-Ranking zur Lebensqualität an. Deutschland steht auf Platz 22, eine schlechte Platzierung für ein „altes EU-Land“. Die EU-Schlusslichter sind Bulgarien und Rumänien. EURACTIV.de hat eine Übersicht aller EU-Länder mit Vergleichswerten zu 2000 erstellt.
Der UN-Bericht über die menschliche Entwicklung 2009 (englisch) wurde heute in Berlin vorgestellt. Allerdings bezieht sich das Ranking der Lebensqualität auf Daten aus dem Jahr 2007, also vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise.
Ob zum Beispiel Island, EU-Anwärter seitdem es vor dem Staatsbankrott steht, auch in diesem Jahr weltweit auf Platz 3 bleibt, müssen kommende UN-Berichte klären.
"Alte EU" vor "neuer EU"
EURACTIV.de hat eine
PDF-Übersicht erstellt, in der die Daten für die 27 EU-Staaten und die EU-Beitrittsanwärter aus dem über 200-seitigen Bericht herausgefiltert wurden. Außerdem ermöglicht die EURACTIV.de-Übersicht einen Langzeitvergleich, da Vergleichsweite zu 2006 und zu 2000 eingearbeitet wurden.
Vor allem der Langzeitvergleich zeigt die unterschiedliche Entwicklung innerhalb der EU. So konnte Irland im weltweiten Ranking von 2000 bis 2007 insgesamt 13 Plätze zulegen, Spanien immerhin 6 Plätze und der EU-Kandidat Albanien rückte sogar um 15 Plätze nach vorn. Größter Verlierer der letzten Jahre waren in der EU: Belgien (-12), Malta (-8) und Großbritannien, Zypern, Slowakei, Ungarn (jeweils -7). Bei den EU-Kandidaten büßte vor allem Mazedonien (-12) in diesem internationalen Vergleich ein.
Bei den aktuellen Werten fällt auf, dass die "alten EU-Länder", die EU-15, mit einer einzigen Ausnahme – Portugal – vor den "neuen EU-Ländern" stehen. Die zwei jüngsten EU-Länder, Bulgarien und Rumänien, bilden zudem die EU-Schlusslichter.
Hinter den EU-Schlusslichtern folgen schließlich die EU-Kandidaten aus dem Westbalkan (Montenegro, Serbien, Albanien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina), die Türkei und am Ende schließlich die Ukraine.
Interessant ist, dass Kroatien, das wahrscheinlich als nächstes Land der EU beitreten wird, im Ranking sogar noch vor den baltischen Staaten Litauen und Lettland steht. Und Island, EU-Kandidat seit wenigen Monaten, wird auf Platz 3 und damit vor allen derzeitigen EU-Staaten gelistet.
Wie die Lebensqualität berechnet wird
Der Index der menschlichen Entwicklung ist die offizielle Übersetzung des englischen Begriffs Human Development Index (HDI).
Der HDI kombiniert verschiedene Faktoren, die die "menschliche Entwicklung", beziehungsweise die Lebensqualität in dem jeweiligen Land widerspiegeln sollen. Mit einbezogen werden z. B. die Lebenserwartung, das Bildungsniveau und das Einkommen in dem jeweiligen Land. Berücksichtigt werden zudem Kindersterblichkeitsraten, die Alphabetisierung, und der Zugang zur Gesundheitsversorgung. Daraus ergibt sich nach einer Gewichtung der verschiedenen Faktoren ein HDI, der mit einem Wert von 0 bis 1 ausgedrückt wird. Je höher der HDI, desto höher die Lebensqualität.
Eine ausführliche Darstellung, wie der HDI berechnet wird, gibt es hier (englisch).
Vorurteile zu Migration
Der diesjährige UN-Bericht rückt die Migration und seine Bedeutung für die menschliche Entwicklung in den Mittelpunkt.
Von einer Weltbevölkerung von 6,7 Milliarden Menschen sind etwa 1 Milliarde Menschen Migranten. Etwa drei Viertel dieser Migranten, 796 Millionen Menschen, lassen sich dabei innerhalb eines Landes an einem neuen Ort nieder (Binnenmigranten). Bei den etwa 214 Millionen internationalen Migranten zieht es die meisten Menschen in Nachbarländer oder in Länder derselben Region.
Der Grund für diesen Trend seien vor allem die kulturellen, sprachlichen und religiösen Ähnlichkeiten, sagt Flavia Pansieri, Koordinatorin des Freiwilligenprogramms der Vereinten Nationen (UNV), als Sie den aktuellen Bericht heute in Berlin vorstellte.
Von den internationalen Migranten kämen nur 70 Millionen Menschen aus einem Entwicklungsland in ein entwickeltes Land. Davon seien 14 Millionen Flüchtlinge.
Diese Statistik zeige wie falsch die gängigen Vorurteile sind, wonach Migranten immer von einem armen in ein vermeintlich reiches Land ziehen würden, unterstrich Rita Süssmuth, die u. a. Vorsitzende der Hochrangigen EU-Beratergruppe für die Integration von ethnischen Minderheiten ist. "In den Köpfen hält sich die Idee, dass alle nach Europa kommen. Das stimmt nicht", sagte Süssmuth.
Kritik an Frontex und der Festung Europa
"Die EU-Politik von Frontex wird das Problem der illegalen Grenzübertritte nicht lösen", so Süssmuth. Auch eine "noch so tolle Grenzüberwachung" werde weder die Menschen beruhigen noch das Problem lösen. "Ja, wir brauchen Kontrollen, aber wir brauchen keine Festung Europa. Auch die mexikanische Mauer hält die Migranten nicht ab." Stattdessen müssten neue Formen gefunden werden, um eine kontrollierte legale Zuwanderung zu ermöglichen. Süssmuth plädierte dafür, die Migration vertraglich zwischen Herkunftsland und Zielland zu regeln. Das würde zwar illegale Migration nicht verhindern, aber sei im Interesse beider Seiten.
"Deutschland ist kein Einwanderungsland"
Süssmuth machte auch klar, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. "Noch nie zuvor kamen so wenige Immigranten nach Deutschland und noch nie sind so viele Menschen ausgewandert", erklärte Süssmuth. Das sei auch ein Grund, weshalb Deutschland im Ranking keinen besseren Platz belege. "Deutschland hat sich erst sehr spät mit der Frage befasst, wie es mit Integration umgehen soll." Vor wenigen Jahren habe da ein Umdenken eingesetzt, doch die positiven Ergebnisse würden sich erst in den nächsten Jahren zeigen, so Süssmuth.
Kein Musterland in Sicht
Wie es Deutschland schaffen könnte, im Ranking nach oben zu rutschen, bleibt aber weiterhin offen. "Es gibt kein Land der Welt, von dem die Maßnahmen 1:1 auf Deutschland übertragen werden können." Die Suche nach der besten Politik für hohe Lebensqualität geht weiter.
Michael Kaczmarek
Dokumente:
UNDP: Links zu den Berichten über die menschliche Entwicklung (englisch)