Die Zukunft der Mehrwegverpackungssysteme steht auf dem Spiel
Europa muss sich auf wiederverwendbare Verpackungen umstellen, um nachhaltiger zu werden. Dies erfordert einen strukturellen Wandel, der durch ein ehrgeiziges Gesetz über Verpackungsabfälle untermauert wird, und die Gesetzgeber im Europäischen Parlament müssen dies unterstützen, schreibt Aline Maigret.
Europa muss sich auf wiederverwendbare Verpackungen umstellen, um nachhaltiger zu werden. Dies erfordert einen strukturellen Wandel, der durch ein ehrgeiziges Gesetz über Verpackungsabfälle untermauert wird, und die Gesetzgeber im Europäischen Parlament müssen dies unterstützen, schreibt Aline Maigret.
Aline Maigret ist Head of Policy bei Zero Waste Europe.
Unsere derzeitige Herangehensweise für Verpackungen in der Europäischen Union ist nicht nachhaltig: Nahezu alle Bereiche der Verpackungsindustrie setzen auf Einwegverpackungen. Dies verursacht erhebliche Kosten für die Gesellschaft und die Umwelt, während der gegenwärtige Status quo auch unsere kollektive Fähigkeit einschränkt, alternative Lösungen zu entwickeln.
Maßnahmen zur Abfallvermeidung und wiederverwendbare Verpackungen bieten dabei herausragende Perspektiven. Viele Interessengruppen fordern mehr Ambition für Mehrweg, insbesondere da das Europäische Parlament auf eine entscheidende Abstimmung zur Überarbeitung der europäischen Verpackungsvorschriften durch die Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR) zusteuert. Wird die Europäische Union ein klares Signal an all jene senden, die sich für den Übergang zu wiederverwendbaren Verpackungssystemen einsetzen?
Zeit für einen tiefgreifenden Wandel
Pendler und Röstkaffee-Liebhaber, aufpassen: Jedes Jahr werden 16 Milliarden Pappbecher für Kaffee verwendet, wofür 6,5 Millionen Bäume gefällt, 15 Milliarden Liter Wasser verschwendet und so viel Energie verschwendet wird, dass damit 54.000 Haushalte ein Jahr lang versorgt werden könnten. Die Herstellung von Einwegverpackungen (aus Papier oder anderen Materialien) geht mit einem hohen Energieverbrauch einher, erschöpft natürliche Ressourcen und setzt Treibhausgase frei – ganz zu schweigen von den gesundheitlichen und gesellschaftlichen Problemen. Zudem stammen die für die Verpackungsherstellung benötigten Materialien oft aus Ländern außerhalb der EU.
Eine Studie nach der anderen belegt, dass wir die planetarischen Grenzen schneller denn je überschreiten, während gleichzeitig die Produktion von Verpackungen und die damit verbundenen Abfälle in den letzten 20 Jahren stetig zugenommen haben – in der EU wird im Jahr 2020 ein Rekordwert von 177 kg Verpackungsabfällen pro Person erreicht. Die Zeit ist reif für einen strukturellen und widerstandsfähigen Wandel.
Umstellung Europas auf Mehrwegverpackung
Mehrwegsysteme ermöglichen es uns, aus dem herkömmlichen linearen Modell von Herstellung, Verwendung und Entsorgung auszubrechen. Durch die Einführung von Mehrwegverpackungssystemen, in denen Produkte wie Becher oder Tupperware so gestaltet und auf den Markt gebracht werden, dass sie von Verbrauchern mehrmals genutzt werden, kann der Verbrauch von Neumaterialien reduziert werden. Dies hat das Potenzial, die Treibhausgasemissionen der meisten Verpackungsoptionen zu reduzieren.
Die bereits auf dem Markt existierenden Beispiele zeigen, dass die Vorteile wiederverwendbarer Verpackungen über Umweltaspekte hinausgehen: Sie bieten neue Einnahmequellen, schaffen Arbeitsplätze vor Ort und erhalten den Wert in unserer Wirtschaft. In dieser kritischen Phase, in der Europa versucht, seine Energie- und Materialabhängigkeit von Drittländern zu verringern, kann die Einführung solcher Mehrwegsystemen die lokale Wirtschaft wieder ankurbeln, indem sowohl die Importe als auch die Abhängigkeit von globalen Lieferketten verringert werden.
Aber täuschen Sie sich nicht: Mehrwegverpackungen müssen in ganz Europa verbreitet werden. Dafür müssen wir eine Infrastruktur aufbauen, wo es keine gibt, und wir brauchen Zeit, um sie in jeder Stadt einzuführen bzw. zu entwickeln.
Die Blue print for reuse, die diese Woche von Zero Waste Europe in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Unternehmen und europäischen Städten im Rahmen des Reuse Vanguard Project (RSVP) vorgestellt wurde, markiert den Beginn einer echten Veränderung. Der Plan soll eine robuste Grundlage für kommunale Behörden, Betreiber von Mehrwegssystemen und Systemnutzer wie Gastronomiebetriebe und Verbraucher bieten. Er ermöglicht das Entwerfen und Umsetzen von Systemen für die Wiederverwendung von Verpackungen für Lebensmittel und Getränke zum Mitnehmen. Derzeit wird der Plan in Städten wie Aarhus, Barcelona, Berlin, Gent, Haar, Leuven, Paris, Rotterdam und Tallinn getestet.
Wir brauchen ein deutliches Signal von unseren politischen Entscheidungsträgern
Zurück zum Beispiel mit dem Morgenkaffee: Es genügt nicht, dass Pendler auf wiederverwendbare Kaffeebecher für unterwegs umsteigen. Der umfassende Wandel, den wir benötigen, sollte sicherstellen, dass die Verantwortung nicht erneut den Verbrauchern auferlegt wird, sondern dass umweltfreundliche Alternative, wie einfach verfügbare Mehrwegkaffeebecher mit unkomplizierten Rückgabemöglichkeiten, zur Norm werden. Hierfür sind jedoch konkrete Wiederverwendungsziele in den EU-Rechtsvorschriften erforderlich.
Es gibt eine breite Unterstützung für diesen Wandel – von führenden globalen Marken und Einzelhändlern bis hin zu Organisationen der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft. Jedoch lässt das aktuell beispiellose Ausmaß an Lobbyarbeit in Brüssel im Zusammenhang mit dem PPWR einige Politiker seltsam zögern. Die EU läuft Gefahr, an Einwegverpackungen und einer Wegwerfwirtschaft festzuhalten.
Der Fokus liegt nun auf den Mitgliedern des Europäischen Parlaments, die in der Woche vom 23. Oktober 2023 ihre Stimme abgeben werden. Werden sie für ambitionierte Maßnahmen abstimmen, um den Übergang zum Mehrweg im Verpackungssektor voranzutreiben? Oder werden sie im Gegenteil den Status quo beibehalten und sogar die bestehenden nationalen Bemühungen durch die Schaffung rechtlicher Unklarheiten beeinträchtigen? Der Ball liegt in ihrem Feld.