Mit neuen Atommächten leben lernen

Analyse zu Nordkorea und IranNordkorea und Iran bauen auf eine "nuklear durchwirkte" Welt, und diese Welt brauche immer mehr eine Art Weltregierung, findet Hermann Bohle in seiner Analyse.

Dass sich die ganze Welt sorgt, wird dieser junge Mann nie erfahren: Nordkoreanischer Soldat vor der Unha-3-Rakete. Foto: dpa
Dass sich die ganze Welt sorgt, wird dieser junge Mann nie erfahren: Nordkoreanischer Soldat vor der Unha-3-Rakete. Foto: dpa

Analyse zu Nordkorea und IranNordkorea und Iran bauen auf eine „nuklear durchwirkte“ Welt, und diese Welt brauche immer mehr eine Art Weltregierung, findet Hermann Bohle in seiner Analyse.

Bis 16. April will Nordkorea mit seiner neuen Unha-3-Rakete einen Beobachtungssatelliten ins All schießen. Südkoreas Geheimdienst warnt vor einer Langstreckenrakete, der ein dritter Atomwaffenversuch folgen solle, nach den ersten beiden von 2006 und 2009.

Wie Iran spielt auch Nordkorea mit der Welt. Mal sind beide gesprächsbereit (Teheran wieder am 13./14. April). Dann aber beharrt Nordkorea auf seiner Bombe und Iran auf dem – angeblich friedlichen – Recht zur Urananreicherung. Beide wissen, dass die Politik gescheitert ist, die Zahl der Welt-Atommächte auf die fünf UN-Vetostaaten zu beschränken: USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien. 

Das aber war das Ziel des Atomwaffensperrvertrags (NPT) von 1969. Er konnte nicht verhindern, dass mit bis zu 20 Atommächten in absehbaren Jahrzehnten zu rechnen ist. Trotz NPT sind Israel, Indien und Pakistan Nuklearmächte, Brasilien, Südafrika, Japan und andere technologisch A-Waffen-fähig. Die "nukeardurchwirkte" Welt ist unabwendbar. Zumal Gewalt dagegen – als Präventivmaßnahme – aussichtslos bleibt, allenfalls Aufschub brächte. Vor kurzem erst warnte in Paris Außenminister Juppé eindringlich vor einem Militärschlag gegen Irans Atomanlagen.

Auch Amerikas Obama-Führung zeigt – trotz Wahlkampfs – keine ernste Neigung, einen israelischen Luftschlag gegen Irans unterirdisch tief verbunkerte Installationen zu unterstützen. Und ohne modernste US-Waffentechnologie schaffen es die Israelis nicht. Noch hoffen Iran und Nordkorea, mit ihren Atomprogrammen Konzessionen der Weltgemeinschaft herauszuschlagen: Irgendwann wird es darum gehen, den atomar gerüsteten Teil der Staatenwelt international zu zähmen, vertraglich zu disziplinieren.

Wer Atomwaffenfähigkeit bis dahin schafft, muss dann als Faktum hingenommen werden. Unter Staaten, deren Führungen im Interesse eigenen Überlebens den Argumenten der Vernunft zugänglich sind, wird dann ein neues Vertragswerk den NPT von 1969 ersetzen oder ergänzen können. "Abschreckung" macht "Nichtkrieg" möglicher.

Wo die Abschreckung versagt

Aber gegenüber der ganz "neuen Natur des Ernstfalls", die die Völker voraussichtlich noch mehr in Angst versetzen muss als das Entstehen neuer Atommächte, ist die Kooperation aller Staaten schon jetzt von höchster Dringlichkeit: Michael Stürmer schreibt in der "Welt" von den Fanatikern und "apokalyptischen Todesboten", die keine atomare Gegendrohung abschrecke, die in ihre Hände gelangten "letzten" Zerstörungsmittel zu benutzen. Die Menschheit vor ihnen zu schützen, wird allenfalls vorstellbar, wenn den Nationen und Kontinenten kooperative, gemeinsame Schutzkonzepte gelingen: ein bisschen Weltregierung.

Ein spezifisches Beispiel aus einem ebenso "imponderablen" Bereich: Würde Irans (russischer) Bushehr-Kernkraftreaktor einem Erdbeben der Stärke 8 oder 9 standhalten können?  Ohne Aufsehen in der Welt griff Londons "International Institute for Strategic Studies" (IISS) die Frage schon 2011 auf.

Die iranstämmige IISS-Expertin Hamid Debash: “Die technische Ausrüstung in Bushehr ist alt." Russlands Atomenergie-Agentur "Rosatom" habe in einer der vier Kühlpumpen Schäden festgestellt – "Leistungsverfall". Drohen da den Nachbarn und gar der Welt Gefahren "japanischen" Ausmaßes?

Zur gemeinsamen Sicherheit werden zusehends alle gebraucht, sogar ganz neue Atommächte. Ein allererster Planungsauftrag der EU-Sicherheitspolitik wären solche Schutzkonzepte … Wäre! Zumal die von den USA initiierte Fünfzig-Staaten-Konferenz in Seoul (Südkorea) hierzu wenig brachte.

Zu allen Varianten drohenden Nuklearterrors wird die Zeit knapp. Eine "ungemütliche" Welt: Nordkoreas Fähigkeit zum Bestücken seiner Langstreckenraketen (6.500 bis 10.000 Kilometer Reichweite) mit – dazu unentbehrlichen – "miniaturisierten" Atomsprengköpfen sieht das Londoner IISS bereits für 2016 als Realität. Doch Großstädte in Japan oder Südkorea könnte Nordkorea mit nicht-atomaren (konventionellen) Sprengköpfen schon heute vernichten. Wie der Iran im Fall Israels.


Hermann Bohle, Genf (Buchautor und langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen)