So schwer es auch fällt: Geduldig, ohne Kriegsgeschrei

Warum der Eurasische Bund mit Russland das Ziel bleibt, auch wenn es dem Westen schwer fällt, analysiert der Publizist Hermann Bohle in seinem Standpunkt.

Henry Kissinger (90): Man muss sich in Russlands Lage versetzen. Foto: dpa
Henry Kissinger (90): Man muss sich in Russlands Lage versetzen. Foto: dpa

Warum der Eurasische Bund mit Russland das Ziel bleibt, auch wenn es dem Westen schwer fällt, analysiert der Publizist Hermann Bohle in seinem Standpunkt.

Den EU-Außenministern liegt am Freitag in Athen ein „Perspektivpapier“ des Wiener Außenamts zur Ukraine- und Russlandkrise vor. Voll zu Recht zielt es auf die Bündnisfreiheit der ehemaligen Sowjetrepublik. Ohne Nato-, zunächst auch ohne EU-Beitritt. Alles aber in einem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), garantiert per multilateralem Vertrag. Österreichs neuer Außenminister Sebastian Kurz denkt an deutsche Unterstützung.

Jedenfalls für die konzeptionelle Denklinie kann das zutreffen. Zum Wirtschaftsraum ist im Wiener Entwurf vom EWR die Rede, der Norwegen, Island und Liechtenstein mit der EU verbindet. Gemeint sein dürfte mehr: Russlands Präsident Wladimir Putin schlägt seit einem knappen Jahrzehnt den Wirtschafts- und Kulturraum vor „von Lissabon bis Wladiswostok“.

Davon indes ist Europa seit Moskaus Krim-Annexion ferner denn je. Sie bleibt ein völkerrechtswidriger Gewaltakt – auch wenn die Inselbewohner wohl mehrheitlich Russen sein wollen. Die Wiener Überlegungen weisen dennoch in die richtige Richtung.

Geduld, bis die Zeiten besser werden

Wie von Henry Kissinger, Amerikas großem altem Mann der Außenpolitik („sich in Russlands Lage versetzen“), und von immerhin drei deutschen  ehemaligen Bundeskanzlern erhebt sich ein zusehends kräftigerer Chor im „Westen“ gegen das Kriegsgeheul einschlägig bekannter Kreise. So irreführend das Getue ist – zum Glück will die Nato keine Truppen an ihre weit nach Osten vorgeschobenen Grenzen zu Russland und Ukraine verlegen –, so berechtigt bleibt die Frage:

Wie umgehen mit dem sehr, sehr schwierigen Partner? Der russische Kulturhistoriker Alexander Etkind (59) betont, Putins Politik – über deren schwer durchschaubare Hintergründe eine neue Generation von Kreml-Astrologen nun rätselt – sei keineswegs eine „Kontinuität imperialer Ambitionen“, also nicht typisch für Russland.

In der Neuen Zürcher Zeitung (vom 2. April) sieht Etkind die Ursachen allein in Putins Angst „vor dem Umsturz im eigenen Haus“ – gemeint: dem Übergreifen der (ukrainischen) Maidan-Revolution auf Russland. Dort sei Korruption längst die „anerkannte Methode, durchs Leben zu kommen“. Deswegen Putins Ablenkung aufs Auswärtige.

Auch Russlands Demokratie nicht über Nacht

Wenn die Analyse stimmt, kann der Westen nur mit geduldiger Wachsamkeit reagieren. Und immer wieder ist Einfühlsamkeit geboten. Denn auf längere Dauer führt für Gesamtreuropa kein Weg am Kreml vorbei. Wobei man diesem Volk die Zeit lassen muss, das eigene System zu entwickeln wie bisher alle Demokratien: Schweizer, Schweden, Briten, Franzosen, Deutsche (sie benötigten dazu 100 Jahre von 1848-1948!), Italiener, Spanier oder die Vereinigten Staaten.

Auch die Russen schaffen es nicht in ein paar Jahrzehnten – nach dem Sturz der Sowjetmacht 1991. Das Oberlehrergetue westlich neunmalkluger Mahner bewirkt allenfalls das Gegenteil. Die intelligentere Vorgehensweise zum Thema „Werte und Interessen“ beschreibt Eberhard Sandschneider (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik/DGAP-Online, Berlin): Vorbei seien die Zeiten, „in denen die Weltpolitik den Moral- und Wertvorstellungen des Westens folgte“. Er warnt westliche Wanderprediger vor „unrealistischen Wertebezügen.

Das realpolitische Gebot

„Amerika ist Freund und Verbündeter, Russland aber ist unser Nachbar.“ Diese 1966 anhand von Distanzen definierte, geostrategische Wahrheit des französischen Präsidenten Charles de Gaulle ist Realpolitik. Russland muss eines Tages das mittlere Teilstück eines Gürtels der Demokratien sein: von Nordamerika über Wladiwostok, russisch Innerasien und das europäische Russland bis nach Westeuropa zur EU – von da über den Atlantik wieder bis New York. Die „Gürtel“-Kooperation mit einem demokratischen Russland gehört ständig in die Hinterköpfe der EU-Akteure.

1954  traf ich in Bonn George F. Kennan. Als Chef des Planungsstabes im US-Außenamt war er 1947 Autor der westlichen Nachkriegspolitik zur „Eindämmung“ der aggressiven Sowjetunion des Diktators Stalin. Kennan, seitdem „der“ Ostexperte der USA, fragte ich – Stalin war ein Jahr tot – nach seinen Vorstellungen zur ost-westlichen Zukunft.

Ob er sich mit einer „demokratisierten Sowjetunion“ die große Allianz vorstellen könne – „den west-östlichen Divan für uns alle“? Kennan zögerte keinen Moment: “Das würde auch ich mir wünschen.“

Er starb 2005. Bis sein und mein Traum von 1954 wahr werden kann, wird es dauern. Die EU muss dazu ein Großmachtpartner Russlands werden: ceterum censeo – ein starker. Sonst nimmt sie im Kreml niemand ernst.

Übrig bleiben des Historikers Etkinds Beobachtungen zur rusisschen Korruptions“kultur“. Da besteht längst Sanierungsbedarf auch anderswo. Wie man mittlerweile weiß. Man könnte sich „zusammentun“.